Logo Leibniz Universität Hannover
Logo: Leibniz School of Education
Logo Leibniz Universität Hannover
Logo: Leibniz School of Education
  • Zielgruppen
  • Suche
 

Vortragsreihe zu Sprache, Migration und Vielfalt

Symbolbild für die Vortragsreihe »mittwochs um vier« im Wintersemester 2017/2018

Kritische, historische und pädagogische Annäherungen

Im Wintersemester 2017/18 waren Referent_innen aus universitären Institutionen der Leibniz Universität Hannover, aus anderen Universitäten der Bundesrepublik sowie von internationalen Universitäten eingeladen. Die Vortragsreihe freute sich über mehrere Forschende im Bereich Erwerb, Erhalt und Vermittlung von Sprachen, auf Vortragende, die Dolmetschen, Schrifterwerb wie literarischen Ausdruck in der Zweitsprache Deutsch thematisierten, und auf Soziolog_innen mit den Schwerpunkten Migration, sozialen Gedächtnissen bzw. Sozialpsychologie.

Auf dieser Seite finden Sie die Liste der Beitragenden, die Resümees sowie die Abstracts von allen Vorträgen. Die Abstracts sind zudem diesem Booklet und Informationen zu den einzelnen Vortragenden den Angaben zu Beitragenden zu entnehmen.

Resümees: Klicken Sie auf die Termine und lesen Sie die Zusammenfassungen!

Beitragende aus universitätsinternen und -externen Einrichtungen

25.10.2017 Vererbtes Engagement - Radhika Natarajan

Vererbtes Engagement: Facettenreiche, gesellschaftliche Teilhabe von Zwangsmigrierten
Radhika Natarajan (LeibnizWerkstatt)

Menschen, deren wichtigste und unumkehrbare Lebensentscheidung darin liegt, Flucht in ein sicheres Land zu ergreifen, entkommen zwar der unmittelbaren Gewaltdrohung. Sie gelangen jedoch zu einer Jahr(zehnt)e anhaltenden, provisorischen Alltagsgestaltung im neuen Land sowie oft vereitelten Rückkehrhoffnung. Der Gewalt knapp entronnen können sie meist nicht umhin, sich um die Zukunftsgestaltung ihres als eigen angesehenen Landes zu sorgen. Im fortwährenden Interesse an den politischen und gesellschaftlichen Geschehnissen des einstigen Herkunftslandes zeigt sich u.a. diese Sorge auf. Die Auseinandersetzung beschränkt sich nicht nur auf die unmittelbar Entflohenen, sondern bildet einen Teil der Familiengeschichte, sei es der ausgesprochene oder verschwiegene Teil. Im Laufe dieses doch zur quasi Dauerhaftigkeit mutierenden Flüchtlingsdaseins bzw. Exils wird diese Beschäftigung auch intergenerational tradiert und weitergegeben.

Der Vortrag geht zum einen auf die Teilhabe an Bildung ein, die antizipatorisch auf sozialen Aufstieg zielt. Zum zweiten wird eine Teilhabe an der körperlichen wie seelischen Unversehrtheit beschrieben, die in der hiesigen Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit und für Entflohene jedoch ein besonders hohes Gut darstellt. Zum letzten wird eine mehrfache Teilhabe aufgezeigt, die sich ausdrücklich politisch gestaltet, Grenzen übergreifend geschieht und sich dabei der medialen wie mehrsprachigen Ressourcen bedient. Bei allen drei hier kurz angerissenen Varianten wird eine Verbindung zwischen der (un-)mittelbaren Erfahrung der Zwangsmigration sowie den daraus entstehenden Verpflichtungen gegenüber der eigenen Community hergestellt, die zu einer Reihe von Unternehmungen und Unterlassungen führt.

Zur Person

Radhika Natarajan ist für die Konzeption und Umsetzung des Projekts LeibnizWerkstatt zuständig. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind lebensweltliche wie migrationsbedingte Mehrsprachigkeit, sprachbezogene Alltagsbewältigung und im Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache.

01.11.2017 Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache - Dr. Alexis Feldmeier García

Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache
Dr. Alexis Feldmeier García (Westfälische Wilhelms-Universität Münster)

»Den Unterricht bitte von der Mündlichkeit aus gestalten!«

Am 01.11.2017 begrüßte die Vortragsreihe »mittwochs um vier« Herrn Dr. Alexis Feldmeier García, Experte für Sprachdidaktik von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, der den Anwesenden eine sehr praxisnahe und interessante Einführung in das Thema Alphabetisierung in der Zweitsprache Deutsch gab.

  • Unter der Überschrift »Theoretisches« beschäftigte sich der Vortrag zunächst mit Zahlen und Fakten rund um die Themen Analphabetismus, Zweitschriftlernen und Integrationskurse.
  • Im Anschluss befasste sich der Abschnitt »Methodisches« näher mit Grundlagen zu den Themen Lesen und Lernen in einer fremden Sprache und der besonderen Herausforderung des Umgangs mit lernungewohnten Menschen, die keine oder wenig Schulerfahrung haben und zunächst das »Lernen lernen« müssen. Von besonderem Interesse waren zudem die verschiedenen Typen von Analphabetismus: Während primäre Analphabeten i.d.R. überhaupt nicht zur Schule gegangen sind und dementsprechend weder über Zugang zum Schriftsystem noch über Lernerfahrung verfügen, haben funktionale Analphabeten zwar eine Schule besucht, ihre schriftsprachlichen Kompetenzen sind jedoch nicht ausreichend, um den schriftsprachlichen Anforderungen ihrer Gesellschaft gerecht zu werden. So können sie etwa einzelne Wörter entziffern, das sinnentnehmende Lesen zusammenhängender Texte überfordert sie jedoch. Zweitschriftlernende schließlich sind bereits in einer anderen als der lateinischen Schrift alphabetisiert und benötigen theoretisch lediglich eine Einführung in die hiesige Schrift – in der Praxis kann aber auch unter diesen Menschen natürlich funktionaler Analphabetismus vorkommen, was wiederum einen umfassenderen Sprachunterricht nötig macht. Wichtige Ziele der Förderung sind, neben dem Erlernen des Deutschen als Zweitsprache und des Schriftsystems, auch der Erwerb von konzeptioneller Schriftlichkeit und Lernendenautonomie.
  • Weiterhin ging Herr Dr. Feldmeier García näher auf verschiedene Methoden zur Vermittlung der Schriftsprache ein. »Die« perfekte Methode gibt es hierbei nicht, vielmehr werden die verschiedenen Ansätze meist in Kombination verwendet und je nach Bedarf ausgewählt. Generell abzuraten ist jedoch von der Buchstabiermethode, d.h. die Namen der Buchstaben sollten im Unterricht tabu sein.
  • Im Abschnitt »Praxisnahes« schließlich ging es um die Frage, was bei der Planung von konkretem Unterricht zu berücksichtigen ist. In diesem Zusammenhang wurden verschiedene Unterrichtsmethoden, mögliche Problematiken, der Komplex der Fach- und Bildungssprache, der Umgang mit Heterogenität und die damit verbundene Notwendigkeit von Differenzierung sowie die Progression in Bezug auf die Vermittlung mündlicher und schriftlicher Kompetenzen besprochen.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass erfolgreicher Zweitsprachunterricht mit Alphabetisierung stets von der Mündlichkeit aus gedacht werden und auf dieser aufbauen muss, denn nur mit einem richtigen Zugang zur Sprache kann auch die Schrift angemessen erlernt werden. Gleichzeitig muss ressourcenorientiert vorgegangen werden, also aufbauend auf dem, was die Teilnehmenden bereits können, statt sich an dem zu orientieren, was sie noch nicht beherrschen.

Im Anschluss an den Vortrag war wie gewohnt Zeit für Nachfragen, Kommentare und Diskussionen. Es entstand eine lebhafte Diskussion über Themen wie die Zusammenhänge zwischen Lese- und Schreibkompetenz, Binnendifferenzierung, verschiedene Unterrichtsmethoden und Lehrwerke. Zudem wurde das Problem der systemischen Rahmenbedingungen diskutiert: So sind die Anforderungen, die von Politik und Öffentlichkeit an die Bildungsinstitutionen gestellt werden, schon allein aus Zeitmangel häufig illusorisch und nicht erfüllbar – ein großer Frustrationsfaktor, für Lernende und Lehrende gleichermaßen.

(tk)

08.11.2017 Theater für Gehörlose und Hörende - Dr. Rafael Ugarte Chacón

Ästhetiken des Zugangs - Theater für Gehörlose und Hörende
Dr. Rafael Ugarte Chacón (Institut für Philosophie)

»Theater ist halt nicht nur die Vermittlung von Inhalten in sprachlicher Form.«

Dr. Rafael Ugarte Chacón, Theaterwissenschaftler vom Institut für Philosophie, gewährte den Anwesenden am 08.11.2017 Einblicke in die Welt der Gehörlosen, indem er sich mit interkulturellen Theateraufführungen von und für gehörlose und hörende Menschen mit und ohne Migrationshintergrund beschäftigte.

  • Auf ein einleitendes Video, das Ausschnitte aus einer solchen Theateraufführung zeigte und im Plenum diskutiert wurde, folgte eine theoretische Einführung. Zunächst wurde hierbei der Versuch unternommen, eine Definition von Gehörlosigkeit vorzunehmen. Zu diesem Zweck wurden die drei gängigen Modelle von medizinischer Behinderung und sozialer Behinderung sowieso von kultureller Gehörlosigkeit vorgestellt und diskutiert. Während das medizinische Modell die körperliche Seite der Gehörlosigkeit in den Fokus rückt und diese in erster Linie als defizitäre Behinderung betrachtet, die es zu heilen gilt, versteht das soziale Modell eine Behinderung in erster Linie als gesellschaftliche Kategorie und konzentriert sich auf deren soziale Konsequenzen, vernachlässigt dadurch aber die Rolle des Körpers. Das kulturelle Modell schließlich, das sich heutzutage weitgehend durchgesetzt hat – gerade auch in der Selbstdefinition der Gehörlosencommunity –  löst sich vom Label der Behinderung und betrachtet Gehörlose stattdessen als sprachliche, kulturelle und/oder ethnische Minderheit mit einer eigenen Sprache, eigenen Werten und Normen und kulturellen Traditionen. Auch dieser Ansatz vernachlässigt jedoch die Körperlichkeit und basiert auf einem statischen, elitären Kulturbegriff, der die Vielfalt der Gemeinschaft nicht abbildet.
  • Da alle theoretischen Modelle nur zu einer unbefriedigenden Definition von Gehörlosigkeit führen, wurden im Anschluss die Unterschiede zwischen Gehörlosen und Hörenden thematisiert. Diese finden wir insbesondere in den Bereichen Körper (in Bezug auf Wahrnehmung und Hirnaktivität), Macht (in Form von Hierarchien, Diskriminierung und fehlender Chancengleichheit) und Kultur (verkörpert durch Sprache, Traditionen, Umgangsformen und differierende Körperbilder).
  • Im Anschluss an eine weitere Videosequenz wurden in dieser deutlich werdende Ein- und Ausschlussmechanismen, wie etwa Klänge, Lautsprache, Bilder, Gebärdensprache und Übersetzung, thematisiert und daraus das Potenzial zweisprachigen Theaters hergeleitet: Es kann Konflikte und Hierarchien nicht nur erfahrbar und verständlich machen, sondern durch die Kombination und Kontrastierung unterschiedlicher kultureller und sprachlicher Einflüsse auch Zugang schaffen und Hierarchien umkehren oder überwinden.
  • Anhand von zwei weiteren Beispielen wurde abschließend die Kunstform des Visuellen Theaters thematisiert, welches verschiedene Elemente – beispielsweise Gebärdensprache, Pantomime und Akrobatik – kombiniert und narrativ nutzt. Visuelles Theater ist für gewöhnlich auch ohne Gebärdensprachkenntnisse verständlich; durch die Betonung von Gemeinsamkeiten blendet es Konflikte aus und nivelliert Hierarchien.

Körper, Macht und Kultur spielen also in allen Inszenierungen eine Rolle – mal explizit, mal auch nur implizit, wobei entweder der Umgang mit Unterschieden oder auch die Betonung von Gemeinsamkeiten im Mittelpunkt stehen kann.

Nach dem Vortrag wurde ausgiebig und angeregt diskutiert und nachgefragt. So ging es beispielsweise um die Unterschiede zwischen den Gebärdensprachen verschiedener Länder, das ambivalente Verhältnis der Gehörlosencommunity zur ästhetischen Wahrnehmung ihrer Sprache durch Hörende, den Stellenwert der Gebärdensprache in verschiedenen Ländern und die Verbreitung von Gehörlosentheater.

(tk)

15.11.2017 Zur Sozialpsychologie des aktuellen Rechtspopulismus - Prof. Dr. Rolf Pohl

Was heißt »postfaktisches Zeitalter«? Zur Sozialpsychologie des aktuellen Rechtspopulismus
Prof. Dr. Rolf Pohl (AG Politische Psychologie)

»Postfaktisches Zeitalter der Lüge, der Halbwahrheit und der Heuchelei«

Thema des Vortrags vom 15.11.2017 von Prof. Dr. Rolf Pohl, Gründer und Koordinator der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie, waren Erscheinungsformen, Charakteristika und Wirkungsweisen des aktuellen Rechtspopulismus, wie wir ihn beispielsweise bei der AfD und Pegida finden.

  • Auf eine Vorbemerkung, in der aktuelle Zahlen angesprochen und eine Übersicht über rechtspopulistische Strömungen gegeben wurde, folgte eine Beschäftigung mit der Frage, wieso eine Fokussierung auf den Rechtspopulismus sinnvoll ist. Von besonderem Interesse ist hierbei die Tatsache, dass nur das Fehlen einer konsequenten Ideologie den Rechtspopulismus vom Rechtsextremismus trennt, und dass sich auch »populistisches Fischen von Links« verzeichnen lässt. Wir sollten immer dann misstrauisch werden, wenn eine glorifizierte Nähe zum »einfachen Volk« zutage tritt.
  • Unter der Überschrift »Was ist Populismus?« befasste sich Herr Prof. Pohl mit dessen gesellschaftlichen Entstehungshintergründen und Ursachen, seinem Selbstverständnis und seiner Ideologie sowie dem Auftreten und der Organisation. Obgleich der Rechtspopulismus über kein geschlossenes ideologisches Weltbild verfügt, lassen sich doch gewisse Charakteristika ausmachen. Kern der rechtspopulistischen Argumentation ist die Gegenüberstellung von »einfachem Volk«, das als rein und moralisch unverdorben dargestellt wird, und »unmoralischen Eliten«. Hintergrund der Entstehung dieser Strömungen ist eine angebliche Krise des demokratischen Systems, wobei die Kritik an der EU im Zentrum steht. Ein verklärender Nationenbezug schürt Überfremdungsängste und erzeugt eine Abgrenzungs- und Verfolgungsideologie. Die Rhetorik des Rechtspopulismus zeichnet sich durch immer wiederkehrende Stilmittel aus, wie beispielsweise das Argument des »gesunden Menschenverstands«, Lügen oder Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien und Denken in Feindbildern oder auch Emotionalisierung und Angstmache.
  • Abschließend beschäftigte sich der Vortrag aus sozialpsychologischer Perspektive mit der Frage, wie Populismus genau wirkt, wie also ein psychologisches System erzeugt wird, das letztlich »die Menschen dazu bringt, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln.« Die Massenpsychologie erklärt dieses Phänomen mit der Verwandlung von Individuen in eine Masse, gekennzeichnet durch eine Kombination von Liebe zur Eigengruppe und Hass gegen eine Fremdgruppe – ein Hass, der zunehmend in den Vordergrund rückt, wenn eine bindungsstiftende Führerfigur fehlt. Dieser durch künstliche Bindungen hergestellte »Bund der Gleichen« dient letztlich dazu, eine Art »kollektiven Narzissmus« zu befriedigen und gründet »Harmonie« auf Gewalt. »Diese Art der Massenbindung macht die Menschen hemmungslos.«, so Prof. Pohl.

Bemerkenswert ist, dass der Populismus nicht, wie gemeinhin konstatiert, inzwischen »in der Mitte der Gesellschaft angekommen«, sondern im Gegenteil aus ihr heraus entstanden ist.

Nach dem Vortrag wurde intensiv diskutiert, etwa über die Frage, wie man dem Populismus begegnen bzw. mit ihm und seinen Anhängern umgehen kann, wieso gerade Männer anfällig für populistisches Gedankengut zu sein scheinen, welche Rolle die Bildung spielt und welche besondere Verantwortung in diesem Zusammenhang die Medien tragen. Es lassen sich vier Ansatzpunkte ausmachen, an denen Rechtspopulismus begegnet werden kann: Jede_r sollte die eigenen Bilder regelmäßig überprüfen, zudem spielt die politische Bildung eine zentrale Rolle, ebenso die Medien. Und schließlich ist auch der Umgang mit Wahrnehmungsmustern und Affekten von großer Bedeutung –  »Es gibt noch viel zu tun.«

(tk)

22.11.2017 Die Bedeutung sprachsensiblen Unterrichts - Dr. Christine Bickes

Sprachliche Hürden im deutschen Schulsystem - die Bedeutung sprachsensiblen Unterrichts
Dr. Christine Bickes (Deutsches Seminar)

»In jedem Unterricht geht es auch um Sprache«

Am 22.11.2017 befasste sich Dr. Christine Bickes vom Deutschen Seminar mit sprachlichen Hürden im deutschen Schulsystem, wobei sie sich insbesondere auf die Bedeutung sprachsensiblen Unterrichts konzentrierte.

  • Nach einer Übersicht über aktuelle Zahlen zum Thema Mehrsprachigkeit an deutschen Schulen ging Frau Dr. Bickes zunächst näher auf sprachliche Register ein. Es ging hierbei vor allem um konzeptionelle Mündlichkeit als Sprache der Nähe im Kontrast zu konzeptioneller Schriftlichkeit als Sprache der Distanz und die generellen Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache. Darüber hinaus führte der Vortrag anhand eines Beispiels aus dem Segelsport in den Themenbereich der Fachsprachen ein, wobei den Anwesenden veranschaulicht wurde, dass das Nichtbeherrschen eine Fachsprache zu einem Nichtverstehen führt und Laien aus der jeweiligen Diskussion komplett ausschließt.
  • Anschließend beschäftigte sich Frau Dr. Bickes mit den Funktionen von Fach- und Bildungssprache. Auf der Makroebene erfüllen diese drei Funktionen: In ihrer kommunikativen Funktion sichern Fach- und Bildungssprache den Wissenstransfer, in ihrer epistemischen Funktion sind sie mit Begriffsbildung und Wissenskonstruktion verbunden und in der sozialsymbolischen Funktion dient das bildungssprachliche Register der (Selbst-)Identifikation als Mitglied einer bildungsnahen Gesellschaft. Auf der Mikroebene dienen Fach- und Bildungssprache u.a. Dingen wie der Differenzierung und Präzisierung, der Verdichtung von Informationen und der argumentativen Klarheit.
  • Anhand von Beispielen wurden im Anschluss sprachliche Merkmale von Fach- und Bildungssprache thematisiert. Hierzu gehören natürlich Fachtermini, es finden sich aber auch häufig bestimmte grammatische Konstruktionen, wie etwa Attribute, Passivkonstruktionen oder Konditionalsätze sowie, auf Textebene, die häufige Verwendung etwa von Konnektoren und Wiederholungen zur Sicherstellung der Textkohärenz. All diese Phänomene sorgen dafür, dass Fach- und Bildungssprache schwieriger zu beherrschen sind als die Alltagssprache und dementsprechend in der Schule zu Schwierigkeiten führen können – gerade, aber nicht ausschließlich, bei Schülerinnen und Schülern mit einer anderen Erstsprache als Deutsch und/oder einem bildungsfernen Elternhaus. Hier scheitert das Verständnis von Texten und Aufgaben häufig an der Komplexität der sprachlichen Formulierungen, wie Frau Dr. Bickes anhand von Aufgabenbeispielen anschaulich darlegte.
  • Schülerinnen und Schüler sind in der Schule mit einer Vielzahl von sprachlichen Anforderungen konfrontiert, die zu den fachlichen Anforderungen hinzukommen. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, benötigen wir einen sprachsensiblen Unterricht, der Sprachbildung zur Sache aller Fächer und Jahrgangsstufen macht und Fach- und Bildungssprache thematisiert und vermittelt.

Im Anschluss an den Vortrag wurde wieder einmal angeregt diskutiert, etwa über die Mehrsprachigkeitssituation in Deutschland, ein oft verwirrendes Nebeneinander von Fach- und Alltagssprache und die Tatsache, dass es sehr hilfreich sein kann, etwas über die Herkunftssprachen der Schülerinnen und Schüler zu wissen, um sprachbedingte Herausforderungen zu antizipieren.

(tk)

29.11.2017 Migration und Gedächtnis - PD Dr. Gerd Sebald

Migration und Gedächtnis. Überlegungen auf der Basis von Alfred Schütz’ »Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch«
PD Dr. Gerd Sebald (Universität Erlangen-Nürnberg)

»Kultur als soziales Gedächtnis«

PD Dr. Gerd Sebald, Soziologe von der Universität Erlangen-Nürnberg, diskutierte mit den Teilnehmenden der Vortragsreihe »mittwochs um vier« am 29.11.2017 in einem interaktiv gehaltenen Beitrag über den Themenkomplex Migration und Gedächtnis, wobei er sich insbesondere auf Alfred Schütz‘ Aufsatz »Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch« bezog.

  • Nach einem kurzen Gespräch über die Erwartungen und Interessen seitens des Publikums ging Herr Dr. Sebald näher auf den Zugang der Soziologie zur Migration und auf biografische Eckdaten zu Alfred Schütz ein. Die Soziologie entstand im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung, die von Anfang an durch starke Migrationsströme gekennzeichnet war. So überrascht es nicht, dass die Migration von Anfang an ein Fokus der Soziologie war – insbesondere in den USA, wo es beispielsweise im Raum Chicago, bedingt durch die Autoindustrie, viel Arbeitsmigration gab. Hier befasste sich die Soziologie bereits früh mit dem Thema Integration. Hinzu kamen dann, mit Aufkommen des Faschismus und Nationalsozialismus in Europa, die Exilmigrant_innen, zu denen auch Alfred Schütz zählte.
  • Anschließend erläuterte der Referent das Konzept der Migration aus gedächtnissoziologischer Perspektive. Gedächtnis wird hierbei als »jede Form von Bezug auf Vergangenheit« verstanden, wobei zu beachten ist, dass wir zu dieser keinen direkten Zugang haben, sondern sie stets nur anhand von »Überresten« in der Gegenwart rekonstruieren können, was unweigerlich eine Deutung des Vergangenen mit sich bringt. Soziale Gedächtnisse können durch Kollektive bzw. Gruppen geprägt werden und auch aus der Interaktion heraus entstehen, wobei diese nicht plan- oder kontrollierbar ist. Zudem können auch Organisationen, Institutionen und andere soziale Gebilde »gedächtnishaft agieren«. Migration stellt in diesem Zusammenhang eine Grenzüberschreitung und eine Verlagerung von Lebensbereichen dar und kann auch neue (z.B. soziale, politische oder kulturelle) Grenzziehungen mit sich bringen, die zu Widersprüchen und Auseinandersetzungen führen können.
  • Zum Schluss wurden einige Kernaspekte von Schütz‘ Aufsatz diskutiert, kritisiert und ergänzt. Schütz beschreibt die typische Situation eines Neuankömmlings, wobei er explizit den Moment des Ankommens in den Blick nimmt. Gruppen verfügen über bestimmte kulturelle Muster, die durch ihre Vergangenheit geprägt sind und die ihr alltägliches Leben und ihre Wahrnehmung bestimmen. Kultur fungiert in diesem Zusammenhang als soziales Gedächtnis, wobei man zwei Modi von Gedächtnis unterscheiden muss: Das nicht reflektierte, habituelle Gedächtnis einerseits und die reflektierte, bewusste Erinnerung andererseits. Wenn nun der Lebensmittelpunkt eines Menschen verlagert wird, er also zum »Fremden« wird, entsteht eine besondere Gedächtnissituation, da seine kulturellen Muster nicht mit denen der neuen Umgebung übereinstimmen, was zu einer Krise führen kann. In kulturellen Mustern sind zudem immer auch Selbst- und Fremdbilder enthalten, was eine Abgrenzung mit sich bringt – und für massive Irritationen sorgen kann, wenn das Fremdbild nicht mit der wahrgenommenen Realität übereinstimmt. Interaktion kann diese Bilder allerdings aufbrechen, wodurch sich Grenzen auch verschieben können. Eine besondere Form von sozialem Gedächtnis ist schließlich die Sprache, deren feinere Nuancen allerdings nicht direkt lernbar sind. Daher umfasst wahrhaft gelungener Spracherwerb die habitualisierte Verwendung von Sprache und somit viel implizites Wissen. Die Beherrschung der Sprache allein ist nach diesem Ansatz also kein Maßstab für »Integration«.

»Der Fremde« ist ein Klassiker der Migrationssoziologie. Aus heutiger Perspektive wäre jedoch mehr Differenzierung notwendig. So müsste beispielsweise zwischen freiwilliger und Zwangsmigration unterschieden und der ganze Prozess der Migration, inklusive seiner Vorbedingungen, in den Blick genommen werden. Zudem sollte die Migration aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Von Interesse wären hier beispielsweise die Migrierenden, die Aufnahmegesellschaft und auch der Verwaltungsapparat. Zudem ist »der Fremde« nie ein einzelnes Individuum, sondern immer in vielfältige soziale Zusammenhänge eingebunden, was ebenfalls berücksichtigt werden müsste.

(tk)

05.12.2017 Literatur und die Erfindung der Menschenrechte - Prof. Dr. Peter Schneck

Das Recht der Entrechteten: Literatur und die Erfindung der Menschenrechte
Prof. Dr. Peter Schneck (Universität Osnabrück)

»Mit-Gefühl«: Imaginierte Empathie als Grundlage für universale Rechte

Thema des Vortrags am 05.12.2017 waren die Menschenrechte und welche Rolle literarische Texte bei deren »Erfindung« gespielt haben. Unter dem Titel »Das Recht der Entrechteten« beleuchtete Prof. Dr. Peter Schneck, Amerikanist von der Universität Osnabrück, diesen Themenkomplex näher.

  • Herr Professor Schneck befasste sich in seinem Vortrag mit zwei Grundfragen: »Wo kommt unser Verständnis von Menschenrechten her?« und »Was hat Literatur damit zu tun?« Interessant ist, dass viele Menschen ein instinktives Wissen von dieser speziellen Kategorie von Rechten haben, ohne es explizit äußern zu können.
  • Zunächst beleuchtete der Vortrag den internationalen Kontext und die Geschichte der Menschenrechte. Die unmittelbare Beschäftigung mit »Human Rights« begann mit dem Ersten Weltkrieg und gipfelte im Jahr 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. Weiterhin wurden die Rolle von Politik und Philosophie auf dem langen Weg bis 1948 besprochen, also die ideengeschichtlichen Hintergründe. Hier sind etwa Texte von John Locke (1690) und Jean-Jacques Rousseau (1762) sowie die amerikanische Declaration of Independece (1776) und die französische Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen von zentraler Bedeutung.
  • Anschließend ging Herr Prof. Schneck näher auf den Themenkomplex »Rechtsgefühle« und Literatur ein. Zentrales Muster ist hier ein durch literarische Texte erzeugtes universelles, klassen- und geschlechterübergreifendes »Mit-Gefühl« und die Identifikation mit dargestellten Menschen, deren Autonomie und Rechte eingeschränkt sind und eine damit zusammenhängende Emotionalisierung »natürlicher« Rechte. Diese Identifikation bildet die Grundlage für eine allgemeine Definition von Menschlichkeit. Allerdings, so ein anderer dargestellter Ansatz, vernachlässigt diese Perspektive die Tatsache, dass Individuen immer in eine rechtsstaatliche Ordnung eingebunden seien, was die Grundlage für die Existenz ihrer Rechte sei. Menschenrecht sei demnach das Recht auf die Entwicklung hin zu einer hin zu einer voll ausgebildeten Persönlichkeit, was ohne Kollektive nicht denkbar sei: »Ohne Staaten keine Menschenrechte und keine Personen.«
  • Im postkolonialen Diskurs schließlich brechen die bisherigen Ideale zunehmend auf und es zeigt sich, dass unsere Vorstellung von Menschenrecht oft völlig leer ist: »Das Recht als Menschenrecht existiert ja offensichtlich gar nicht mehr.«
  • Ein grundlegendes Problem, das bislang auch nicht endgültig geklärt ist, ist die mangelhafte Repräsentation von »Rechtlosen«, insbesondere von Staatenlosen. »Wir brauchen Brücken«, damit auch diese endlich angemessen berücksichtigt werden, so Herrn Professor Schnecks Fazit.

Im Anschluss an den Vortrag wurde ausgiebig diskutiert, etwa über die Repräsentation der Rechte von Menschen mit Behinderungen in der Literatur, über die Entwicklung und den selektiven Charakter von Empathie und über die formalen Aspekte, welche die Textgattung Roman zur Bearbeitung dieses Themenkomplexes so fruchtbar machen.

(tk)

13.12.2017 Gastarbeiter_innenmigration - Dr. Marta Estévez Grossi

Community Interpreting in Deutschland: eine Lehre aus der Gastarbeiter_innenmigration
Dr. (des.) Marta Estévez Grossi (Romanisches Seminar)

Sprachmittlung als Integrationshilfe

Am 13.12.2017 befasste sich Frau Dr. Marta Estévez Grossi vom Romanischen Seminar anhand des Beispiels der galicischen Arbeitsmigrant_innen in Hannover mit Geschichte, Theorie und Praxis von Sprachmittlung in Deutschland.

  • Zunächst gab Frau Dr. Estévez Grossi den Anwesenden eine theoretische Einführung ins Thema. Community Interpreting ist das Dolmetschen im sozialen Bereich, insbesondere im Gesundheits- und Rechtswesen sowie bei sonstigen Behörden wie der Ausländerbehörde und anderen Institutionen wie etwa Schulen. Im Vortrag stand hierbei die soziale Komponente im Fokus, nämlich die Tatsache, dass Migrant_innen ohne Sprachkenntnisse ihre sozialen Rechte und Pflichten nicht wahrnehmen können, was Sprachmittlung notwendig macht. Dolmetschen zeichnet sich durch eine Kommunikation in Dialogform aus, zwischen den Teilnehmenden am Gespräch herrscht ein asymmetrisches Machtgefälle und die Kommunikation findet meist in Not- und Krisensituationen statt, was eine besondere Belastung für alle Beteiligten darstellt. Im internationalen Vergleich lassen sich grob vier Ansätze unterscheiden, wie dem Bedarf nach Sprachmittlung begegnet wird: Von Ablehnung, über informelle Ad-hoc-Lösungen und allgemeine Sprachdienste, beispielsweise durch staatliche Stellen oder NGOs organisiert, bis hin zu umfassenden Sprachdiensten, staatlich organisiert, mit ausgebildeten und akkreditierten Dolmetscher_innen. In vielen Ländern wird zudem ein legalistischer Ansatz verfolgt, d.h. vor Gericht muss Sprachmittlung gewährleistet sein. In Deutschland finden wir einen legalistischen Ad-hoc-Ansatz.
  • Anschließend thematisierte der Vortrag die Geschichte der spanischen Gastarbeiter_innenmigration in der Bundesrepublik. Sowohl von Seiten der BRD und der spanischen Regierung als auch aus der Sicht der Migrant_innen war die Migration als vorübergehendes Phänomen konzeptualisiert und durch eine starke Rückkehrorientierung gekennzeichnet. Sodann ging die Vortragende näher auf ihre eigene Forschung ein, in deren Rahmen sie auf Grundlage von Community Interpreting und Migrationslinguistik den Bedarf nach und die Umsetzung von Sprachmittlungsdiensten in der Gemeinschaft galicischer Arbeitsmigrant_innen in Hannover untersuchte. Darauf aufbauend stellte Frau Dr. Estévez Grossi die Maßnahmen zur Sprachmittlung seitens der BRD und seitens Spaniens und das Verhältnis der Migrant_innen diesen gegenüber näher vor.
  • Schließlich stellte sich natürlich die Frage, was sich in den 60 Jahren seit Beginn der Arbeitsmigration aus Spanien in diesem Bereich getan hat. Um dies zu beantworten, wurde näher auf die aktuelle rechtliche Lage von Migrant_innen eingegangen. So besteht ein allgemeiner Anspruch auf Dolmetschdienstleistungen etwa in gerichtlichen Verfahren, Ermittlungsverfahren, im Asylverfahren und im gesundheitlichen Bereich. Leider klaffen hier Theorie und Praxis aber oft noch weit auseinander: »Anspruch heißt nicht gleich Zugang.«, so Frau Dr. Estévez Grossi abschließend.

Als Fazit lässt sich also festhalten, dass wir heute zwar noch ähnliche Muster vorfinden wie vor 60 Jahren, aber sich auch Bemühungen von öffentlicher Seite verzeichnen lassen, es besser zu machen, indem der Anspruch auf Dolmetschdienstleistungen in verschiedenen Kontexten anerkannt wird. Die Organisation verfolgt allerdings weiterhin einen legalistischen Ad-hoc-Ansatz und es fehlt eine staatliche Strategie für die Professionalisierung und Qualitätssicherung.

In der angeregten Diskussion nach dem Vortrag ging es unter anderem um die Probleme von Sprachmittlung im medizinischen Bereich – bezogen etwa auf mangelnde (Fach-)Sprachkompetenz, Schweigepflicht oder das Ausgeliefertsein Fremden gegenüber – , die Angst seitens der Politik vor einer negativen Reaktion der Bevölkerung, wenn man den Sprachmittlungsbedarf eingesteht – obwohl diese doch sehr wichtig für gelungene Integration wäre, da sie der Entstehung von Parallelstrukturen vorbeugen würde –  und die massive Unterschätzung von »Sprachberufen« wie etwa Dolmetscher_innen oder Sprachlehrkräften im Alltag. Auch berichteten Teilnehmende von eigenen Übersetzungserfahrungen, wobei deutlich wurde, wie wichtig das Wissen um den Kontext und eventuell beteiligte Fachsprachen ist, um adäquat sprachmittlerisch tätig zu sein. Eine besondere Herausforderung stellt zudem das Übersetzen mittels »Umweg« über eine dritte Sprache dar.

(tk)

20.12.2017 Überlegungen zur sog. Migrationsliteratur - Prof. Dr. Eva-Maria Thüne

Sprachwandelnde: Überlegungen zur sogenannten Migrationsliteratur
Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien)

»Verflüssigung der Sprachgrenzen«

Thema des letzten Vortrags des Jahres 2017 war die sogenannte Migrationsliteratur, mit der sich Prof. Dr. Eva-Maria Thüne, Professorin für Deutsche Sprache und Sprachwissenschaft von der Universität Bologna, Italien, am 20.12.2017 unter dem Titel »Sprachwandelnde« auseinandersetzte.

  • Frau Prof. Dr. Thüne befasste sich in ihrem Vortrag näher mit der Geschichte der Literatur von mehrsprachigen Autor_innen, ihren typischen Themen und charakteristischen sprachlichen Strukturen und Stilmitteln, was sie mithilfe vieler Textbeispiele illustrierte, die im Plenum angeregt diskutiert und interpretiert wurden.
  • Bei mehrsprachigen Autor_innen lassen sich, aus deutscher Perspektive, zwei verschiedene Zugänge unterscheiden – beiden gemein ist der thematische Schwerpunkt des Raumes: Während sich die Exilliteratur mit einem Raum befasst, der verlassen werden muss, geht es der sogenannten Migrationsliteratur um den Raum, in dem man ankommt. Die Ausgangspunkte des Erzählens hängen natürlich direkt mit der Migration zusammen. So geht es etwa um Flucht und Exil, Mehrsprachigkeit oder auch (post)koloniale Herrschaftsmechanismen. Die Herkunftssprache schwingt in den Texten mehrsprachiger Autor_innen stets mit. In vielen Texten findet sich eine, von einer faszinierenden Sensibilität für Sprache gekennzeichnete, Auseinandersetzung mit der Lebenswelt, der Sprachgeschichte und den gesellschaftlichen Zusammenhängen.
  • Die Migrationsliteratur ist in der Lage, sich »dem Korsett der Nationalliteraturen« zu entziehen. Die so entstehende »translinguale« Literatur kann als eine Grundlage eines gelingenden Multikulturalismus angesehen werden. Gekennzeichnet ist sie beispielsweise durch spezielle Sprachspiele, Metaphern und das Spiel mit der Identität. Besonders bedeutsam sind zudem Bilder für das körperliche Erleben von Sprache sowie die Verbindung von Sprache mit gesellschaftlichen Hierarchien und Macht. Schließlich spielen auch autobiographische Elemente oft eine wichtige Rolle, wobei zu betonen ist, dass die von Lesenden häufig angenommene Deckungsgleichheit von Autor_in und Erzähler_in und die damit unterstellte Authentizität manchmal nur eine scheinbare ist.
  • Ein letzter zentraler Punkt ist der Zusammenhang von Sprache und Identität: So kann die Sprache Teil-Identitäten zeigen, Differenz markieren und als Unterscheidungsmerkmal verwendet werden. Wirklich »auf die Spur kommen« könnte man mehrsprachigen Autor_innen demnach auch nur, so Frau Prof. Dr. Thüne abschließend, wenn man ihre Ursprungssprachen beherrschte und mit deren kulturellen Hintergründen vertraut wäre.

(tk)

10.01.2018 Mythen der Mehrsprachigkeit - Prof. Dr. John Peterson

Mehrsprachigkeit als Hindernis? Mehrsprachigkeit als Ressource!
Mythen vs. Fakten zum Thema »Sprache und Migration«

Prof. Dr. John Peterson (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)

»Mehrsprachigkeit ist in den Klassenzimmern – ob wir das wollen oder nicht.«

Am 10.01.2018 startete die Vortragsreihe »mittwochs um vier« mit einem Beitrag von Prof. Dr. John Peterson von der Universität Kiel ins neue Jahr. Unter dem Titel »Mehrsprachigkeit als Hindernis? Mehrsprachigkeit als Ressource!« beschäftigte er sich mit Mythen und Fakten zum Thema »Sprache und Migration«.

  • Zunächst behandelte der Vortrag unter der Überschrift »Mythen vs. Fakten« die sogenannte »doppelte Halbsprachigkeit« und machte deutlich, wieso es sich bei dieser nur um einen Mythos handelt. So ist die Annahme, das Gehirn sei eine Art Behälter mit limitierter Kapazität, und der parallele Erwerb mehrerer Sprachen ginge auf Kosten des Sprachniveaus der Einzelsprachen, wissenschaftlich nicht haltbar. Vermeintliche allgemeinsprachliche Defizite sind vielmehr auf Nichtkenntnis des öffentlichen Registers und der damit in engem Zusammenhang stehenden Konventionen der Schriftsprache zurückzuführen. Das bei Mehrsprachigen oft beobachtete Codeswitching, also das Vermischen von mehreren Einzelsprachen in der gesprochenen Sprache, ist zudem durchaus kein auf sprachlicher Verwirrung beruhendes Kauderwelsch, wie gern angenommen, sondern kann komplexe Strukturen aufweisen und ist im Gegenteil ein Indikator für eine gute Beherrschung der beteiligten Sprachen.
  • Auch die Annahme, es gäbe Sprachen ohne Grammatik, ist nicht haltbar – aber nachvollziehbar: Ohne Unterricht in einer Sprache entsteht auch kein metasprachliches Verständnis ihrer Strukturen. So ist es nicht verwunderlich, wenn türkischstämmige Kinder angeben, Türkisch habe keine Grammatik, »es klingt einfach besser so«, denn grammatisches Wissen ist meist unbewusst und muss im Unterricht bewusst geübt werden.
  • Der zweite Teil des Vortrags beschäftigte sich mit der Frage, wie Mehrsprachigkeit als Ressource nutzbar gemacht werden kann. In diesem Zusammenhang befasste sich Herr Prof. Peterson mit den Unterschieden zwischen gesprochener und geschriebener Sprache und berichtete von eigenen Lehrerfahrungen mit mehrsprachigen jungen Erwachsenen. Von grundlegender Wichtigkeit ist demnach, anzuerkennen, was die Schülerinnen und Schüler bereits können, und darauf aufzubauen. Hauptziele des didaktischen Ansatzes sind eine bewusste Selbstbeobachtung und Beobachtung Anderer sowie die Analyse und Besprechung konkreter Beispiele aus der Lebenswelt der Jugendlichen. Aufbauend auf dem topologischen Modell der deutschen Sprache werden so in der Diskussion die besonderen Charakteristika der Schriftsprache entwickelt und die Schülerinnen und Schüler für das formelle Register sensibilisiert.

Verständnis seitens der Lehrkräfte für die besondere Situation Mehrsprachiger, so das Fazit des Vortrags, und ein gezielt auf der Mehrsprachigkeit aufbauender Unterricht können also die Selbstachtung gerade der mehrsprachigen Schülerinnen und Schüler fördern. Der Unterricht weckt zudem sowohl das Interesse der Teilnehmenden mit Deutsch als Zweitsprache, da diese jetzt als Expert_innen in Erscheinung treten können, als auch das der einsprachigen Schülerinnen und Schüler.

Die Zeit nach dem Vortrag wurde für Nachfragen und weiterführende Diskussionen genutzt. Es ging diesmal unter anderem um Bildungssprache und um die Problematik, dass mangelnde Sprachkompetenz gern fälschlicherweise auf Mehrsprachigkeit zurückgeführt wird, auch wenn eigentlich andere Gründe vorliegen. Zudem wurde diskutiert, ob es »doppelte Halbsprachigkeit« nicht vielleicht doch geben kann, wenn einem Menschen in einer Situation in beiden Sprachen die Worte fehlen. In solchen Fällen sind aber nicht die zwei Sprachen an sich das Problem, sondern ein Reizmangel in der Erlebniswelt, also dass Situationen, in denen das entsprechende Vokabular hätte erworben werden können, bislang nicht erfahren wurden. »Mehrsprachigkeit«, so Herr Prof. Peterson abschließend, »ist das Natürlichste der Welt und bringt kognitive Vorteile.«

(tk)

11.01.2018 Solidarische Bildung weitergedacht - Prof. Dr. Paul Mecheril

Solidarische Bildung weitergedacht. Migrationspädagogische Überlegungen
Prof. Dr. Paul Mecheril (Center for Migration, Education and Cultural Studies, Universität Oldenburg) 

»Migrationspädagogik interessiert sich nicht für Migrant_innen.«

Prof. Dr. Paul Mecheril, Direktor des Center for Migration, Education and Cultural Studies und Professor am Institut für Pädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, stellte am 11.01.2018 in einem dialogisch gestalteten Beitrag unter der Überschrift »Solidarische Bildung weitergedacht« migrationspädagogische Überlegungen an.

Einleitend setzte sich Herr Prof. Dr. Mecheril mit aktuellen politischen Entwicklungen, wie etwa der Debatte um den Familiennachzug, der Intensivierung rechter Positionen und dem mangelnden Interesse an der Auseinandersetzung mit der Problematik auseinander. Von besonderer pädagogischer Wichtigkeit sei in diesem Zusammenhang eine »Herzensbildung in der Migrationsgesellschaft«.

Im Zentrum des Blickes der meisten Perspektiven auf die Migrationsgesellschaft stehen die Migrant_innen und die Frage, wie diese an die Mehrheitsgesellschaft angeglichen werden können. Die Migrationspädagogik versteht sich demgegenüber als Perspektive abseits des Mainstreams. Sie interessiert sich insbesondere für gesellschaftliche Ordnungen, in denen Gruppen hergestellt werden, und die daraus resultierenden Konsequenzen sowie den Anteil der Pädagogik an diesen Phänomenen.

Wie wird nun im Rahmen der Migrationspädagogik der Begriff »Migration« verstanden? Dieser geht an die Fundamente der gesellschaftlichen Realität, denn letztlich geht es um die Frage, welche Ordnung die legitime Ordnung ist. Derlei Fragen sind stark affektbehaftet, da Menschen dazu neigen, an den altbekannten Ordnungen zu »kleben«. Migration kann man in diesem Zusammenhang als spezifische Form von Mobilität verstehen, indem sie – in bedeutsamer Art und Weise – bedeutsame Grenzen überschreitet. Zu bedenken ist hierbei, dass Grenzen keine natürlichen Phänomene sind, sondern in den Köpfen der Menschen hergestellt werden. Diese Grenzüberschreitungen nehmen aktuell immer mehr zu, ebenso wie eine sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Thema.

Man kann aus drei Gründen konstatieren, dass wir uns derzeit in einem »Zeitalter der Migration« befinden:
1. Die globale Situation ist stärker denn je von Ungleichheit geprägt, wobei der stärkste Prädiktor für soziale Ungleichheit die geopolitische Position ist. Eine Kombination aus diesen Ungleichheiten und der Tatsache, dass über Migration berichtet wird, führt zu einer weltweiten Zunahme von Migrationsbewegungen.
2. »Die Welt ist geschrumpft« – auch in den Köpfen der Menschen: Fortschritte in den Transport- und Kommunikationstechnologien sorgen dafür, dass neue, häufig transnationale, Sozialräume entstehen. Reisen wird massiv vereinfacht, dazu kommen vollständigere Bilder von der Welt in den Köpfen der Menschen. So wird Migration für viele Menschen zu einer konkreten Option.
3. Migration drückt die Programmatik der westlichen Moderne aus, nämlich den »Anspruch Einzelner, im Hinblick auf bedeutsame Dinge, die sie selbst betreffen, mitzureden«. Dieser Anspruch auf ein umfassendes Selbstbestimmungsrecht artikuliert sich in transnationaler Migration.

Die transnationale Migration regt in verschiedenen Bereichen Problematisierungen an:
1. Es stellt sich die Frage nach dem politischen Raum. Wo befindet sich dieser und wer gehört zu ihm? Und was ist politische Subjektivität? Der politische Raum ist nicht länger zwangsläufig an Nationalstaatlichkeit geknüpft – aber wer darf über die Verhältnisse bestimmen?
2. Dort wo etablierte Normalitätserwartungen durchbrochen werden, stehen die Routinen der Institutionen zur Disposition.
3. Die transnationale Migration irritiert und problematisiert auch individuelle Privilegien und Anspruchshaltungen. So gerät etwa das »europäische Selbstverständnis, zivilisatorisch führend zu sein« in die Krise.

Ein weiteres zentrales Thema des Vortrags war die Solidarität: Traditionell ist hierrunter weder Barmherzigkeit noch ein rechtlicher Anspruch zu verstehen, sondern vielmehr eine freiwillige Zuwendung »jenseits des Einforderbaren«, charakterisiert durch zwei Kennzeichen: 1. Die Notlage des Gegenübers stellt sich zwar als partielle – unverschuldete – Autonomieschwäche dar, prinzipiell ist die Person aber weiterhin autonom. 2. Der Begriff findet häufig im Gefüge von Gemeinschaften Verwendung und setzt eine bestimmte Vorstellung von »wir« voraus. Unter Bedingung des »Age of Migration« gerät dieser traditionelle Begriff nun schnell an seine Grenzen, was funktional einen neuen Begriff von Solidarität notwendig macht: »Um Solidarität zu stärken, müsste sie als Solidarität unter Fremden anerkannt werden.« Sie müsste dann nicht mehr über den Bezug zu einer engen Form von Gemeinschaftlichkeit hergestellt werden, sondern wäre universalisierbar definiert über das Kriterium des Leides der Anderen.

Aus diesen Überlegungen leitete Herr Prof. Dr. Mecheril abschließend die zentrale Bildungsaufgabe her: Die Ausbildung eines Sensoriums für das Leiden Anderer, für Grausamkeit und Nicht-Grausamkeit. Und genau dieser Anspruch unterscheidet die Migrationspädagogik grundlegend von vielen auf Migrant_innen bezogenen pädagogischen Praktiken. Eine zentrale Grenze gibt es hierbei jedoch: Die Gleichgültigkeit gegenüber den Anderen ist funktional für das weltweite zentrale Regime: den Kapitalismus. Aus dieser Problematik lassen sich drei Konsequenzen für die Pädagogik ableiten: Erstens sollte sich jede Pädagogik reflexiv zu ihrer Komplizenschaft zum Kapitalismus verhalten, zweitens sollte Pädagogik nicht größenwahnsinnig werden und drittens ist es dennoch hoch sinnvoll, für eine solche Bildungsidee einzutreten.

(tk)

17.01.2018 Ethnizität als reale Fiktion - PD Dr. Nina Clara Tiesler

Ethnizität als reale Fiktion – Diskursive Konstruktionen mit gesellschaftlicher Wirkungsmacht
PD Dr. Nina Clara Tiesler (Institut für Soziologie)

»What men believe as real is real in its consequences«

Unter dem Titel »Ethnizität als reale Fiktion« beschäftigte sich PD Dr. Nina Clara Tiesler vom Institut für Soziologie am 17.01.2018 mit dem Begriff der Ethnizität, deren Entstehung und Auswirkungen.

  • Eingangs besprach Frau Dr. Tiesler anhand zweier Fallbeispiele die Soziogenese von Ethnizität. Diese findet stets situativ, relational und historisch kontingent statt. Zusätzlich spielt auch eine regionale Komponente hinein, wenn etwa Migrant_innen, die sich im Heimatland noch über ihre Herkunftsregion definiert hatten, im Aufnahmeland auf einmal homogenisiert werden, indem man sie auf ihr Herkunftsland reduziert: »Wären Pedros Eltern nicht nach Deutschland gegangen, hätten sie gar nicht angefangen, sich als Portugiesen zu betrachten.« Ethnizität ist also ein Wechselspiel von Fremd- und Selbstzuschreibungen, sie ist sozial konstruiert und stets historischen Zufällen unterworfen. Die historischen Prozesse, aus denen sie hervorgeht, sind »messy«, und sie ist ein stets verzerrtes und verzerrendes Konzept. Ethnizität ist »der Versuch, eine reine Kategorie einer sozialen Realität aufzuzwängen, die überhaupt nicht ‚rein‘ ist« – dennoch wird sie von vielen Menschen als wichtiger und unveränderlicher Teil ihres Selbst angesehen und zieht Konsequenzen nach sich.
  • Seit dem historischen Wendepunkt von 1989, der ein Neudenken etablierter Kategorien mit sich brachte, finden wir uns wieder in einem »Zeitalter von Traditionsverlusten«. Durch diese Entwicklung gewinnen überwunden geglaubte Kategorien wie Religion, Kultur, Abstammung oder eben Ethnizität in den Köpfen vieler Menschen wieder an Bedeutung. Die Suche nach dem Sinn der eigenen Existenz und die anstrengende Integration der vier Kräfte, denen der moderne Mensch unterworfen ist – Arbeit, Tausch, Autorität und Gewalt – führen zu einer Suche nach einfachen Antworten und »Sinnplomben« und macht die Menschen anfällig für sogenannte »Alltagsreligionen« wie etwa Fremdenhass, Nationalismus oder auch Antisemitismus. Es wird gesucht nach »Kategorien kollektiver Subjektivität«, wobei aber leicht aus dem Blick gerät, dass Ethnizität nur eine von vielen sozialen Mitgliedschaften ist. Jeder Mensch ist Mitglied vieler verschiedener sozialer Kreise – und diese Konfiguration ist bei niemandem gleich. An den Schnittstellen dieser Kreise entsteht Individualität.
  • Aus diesen Überlegungen leitete Frau Dr. Tiesler das Konzept der Ethnoheterogenese als alltagsreligiöser Verarbeitung ab – ein Zusammenspiel von gesellschaftlicher Erfahrung und Vergesellschaftungsprozessen, kennzeichnend für die diskursive Strukturierung gesellschaftlicher Großgruppen. In dieses Konzept spielen Phänomene wie Fremd- und Selbstzuschreibungen, symbolische Grenzen, Identitätspolitiken und die Organisation sozialer Ungleichheit entlang kultureller Unterschiede hinein. Stets haben wir es hierbei mit einer Dialektik von Homo- und Heterogenisierungsprozessen zu tun.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass es wichtig ist, die »reale Fiktion« der Ethnizität ernst zu nehmen, da sie konkrete Konsequenzen nach sich zieht, denn mensch neigt leider nach wie vor dazu, in Kategorien zu denken, und von diesen Kategorien können wir uns vorerst offenbar nicht befreien.

Im Anschluss an den Vortrag wurde einmal mehr angeregt diskutiert, etwa über die Problematik der »Traditionsverluste«, das Wechselspiel von Herrschaftssicherung und Alltagsreligion sowie über die Unterschiede zwischen kollektiver Subjektivität, Ethnizität und Identität.

(tk)

24.01.2018 Metaphern in der Migration - Prof. Dr. Simona Leonardi

Metaphern in der Migration: Analyse narrativer Interviews mit deutschsprachigen Emigrant_innen aus Nazi-Deutschland
Prof. Dr. Simona Leonardi (Universität Neapel)

»…aber deutsche Sprache ist mein persönliches Eigentum, die kein Hitler mir wegnehmen konnte…«

Unter dem Titel »Metaphern in der Migration« beschloss Prof. Dr. Simona Leonardi, Professorin für Germanische Philologie von der Universität Federico II, Neapel, die Vortragsreihe für das Wintersemester 2017/2018 am 24.01.2018 mit einer Analyse narrativer Interviews mit deutschsprachigen Emigrant_innen aus Nazi-Deutschland.

  • Der Vortrag begann mit einer Vorstellung der Forschungsgrundlage: Im »Israel Korpus« finden sich narrative Interviews mit jüdischen Migrant_innen aus deutschsprachigen Gebieten, die primär in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs ins damalige Palästina ausgewandert waren.
  • Der Metaphernanalyse liegt die kognitionslinguistische Definition von Metaphern als »understanding and experiencing one kind of things in terms of another« zugrunde. Nach diesem Verständnis werden Metaphern als Träger kognitiver und emotionaler Strukturen aufgefasst, die für unsere Sprache und auch unser Denken von zentraler Bedeutung sind und eine »Versprachlichung körperlicher Grunderfahrungen« darstellen.
  • Im Verlauf des Vortrags stellte Frau Prof. Dr. Leonardi eine Vielzahl von Analysebeispielen vor, anhand derer sie spezifische – durchaus nicht immer bewusst verwendete – narrative Strategien identifizierte: Eine enge Abfolge mehrerer metaphorischer Ausdrücke aus verschiedenen Ursprungsbereichen etwa nennt sich »Metapherncluster« und dient der Verstärkung einer Aussage. Bei Wiederaufnahme einer metaphorischen Bildung sprechen wir auch von einem »Metaphern-Echo«. Die so entstehende Textbewegung trägt zur Kohärenz bei; es können auch mehrere Bildbereiche kombiniert werden. Wiederaufnahme und Variation in Kombination führen wiederum zu einer Intensivierung.
  • Im Rahmen der Analyse wurden Metaphern besprochen, die in den Interviews eine besondere Rolle spielen: Eine häufige Metapher etwa, die noch dazu auf eine lange literarische Tradition zurückblicken kann, ist die der »Wurzeln«, mit deren Hilfe etwa Themen von Zugehörigkeit und Heimatlosigkeit bearbeitet werden. Hier zeigt sich auch die oft transkulturelle Prägung von Metaphern, denn Wurzelmetaphorik findet sich in vielen Sprachen und Gegenden der Erde. Häufig kommt auch die für unser konzeptuelles System zentrale »Behälter«-Metapher vor: Ein Behälter besteht aus einem Innen- und einem Außenraum sowie einer klaren Grenze zwischen diesen. Auf dieser Grundlage kann das Behälter-Bild zur näheren Beschreibung einer Vielzahl von Dingen verwendet werden, von Flächen und Räumen bis hin zu abstrakten Konzepten wie dem Leben: So impliziert der Begriff »Erfüllung« in Zusammenhang mit dem Leben etwa das Konzept Das Leben ist ein Behälter, wobei das Bild des »vollen Behälters«, wie etwa in den Begriffen Fülle, Erfüllung und Reichtum, positiv besetzt ist.

In narrativen Interviews wird also die Lebensgeschichte als Prozess der Identitätsentwicklung erzählt. Im Rahmen des Interviews entsteht aus interaktiven Prozessen eine Art »narrative Identität« – und bei deren Konstruktion spielen metaphorische Formulierungen eine wichtige Rolle.

Die Zeit nach dem Vortrag wurde für Nachfragen und weitergehende Diskussionen genutzt, etwa zum metaphorischen Ausdruck von Widersprüchen in der eigenen Lebensgeschichte, dem emotionalen Verhältnis zur deutschen Sprache und der spannenden Thematik der »Mehrsprachigkeit im Deutschen«, da viele jüdische Migrant_innen sich das Deutsch der 20er Jahre erhalten haben.

(tk)

Beitragende aus universitätsinternen und -externen Einrichtungen

25.10.2017 Vererbtes Engagement - Radhika Natarajan

Vererbtes Engagement: Facettenreiche, gesellschaftliche Teilhabe von Zwangsmigrierten
Radhika Natarajan (LeibnizWerkstatt)

Menschen, deren wichtigste und unumkehrbare Lebensentscheidung darin liegt, Flucht in ein sicheres Land zu ergreifen, entkommen zwar der unmittelbaren Gewaltdrohung. Sie gelangen jedoch zu einer Jahr(zehnt)e anhaltenden, provisorischen Alltagsgestaltung im neuen Land sowie oft vereitelten Rückkehrhoffnung. Der Gewalt knapp entronnen können sie meist nicht umhin, sich um die Zukunftsgestaltung ihres als eigen angesehenen Landes zu sorgen. Im fortwährenden Interesse an den politischen und gesellschaftlichen Geschehnissen des einstigen Herkunftslandes zeigt sich u.a. diese Sorge auf. Die Auseinandersetzung beschränkt sich nicht nur auf die unmittelbar Entflohenen, sondern bildet einen Teil der Familiengeschichte, sei es der ausgesprochene oder verschwiegene Teil. Im Laufe dieses doch zur quasi Dauerhaftigkeit mutierenden Flüchtlingsdaseins bzw. Exils wird diese Beschäftigung auch intergenerational tradiert und weitergegeben.

Der Vortrag geht zum einen auf die Teilhabe an Bildung ein, die antizipatorisch auf sozialen Aufstieg zielt. Zum zweiten wird eine Teilhabe an der körperlichen wie seelischen Unversehrtheit beschrieben, die in der hiesigen Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit und für Entflohene jedoch ein besonders hohes Gut darstellt. Zum letzten wird eine mehrfache Teilhabe aufgezeigt, die sich ausdrücklich politisch gestaltet, Grenzen übergreifend geschieht und sich dabei der medialen wie mehrsprachigen Ressourcen bedient. Bei allen drei hier kurz angerissenen Varianten wird eine Verbindung zwischen der (un-)mittelbaren Erfahrung der Zwangsmigration sowie den daraus entstehenden Verpflichtungen gegenüber der eigenen Community hergestellt, die zu einer Reihe von Unternehmungen und Unterlassungen führt.

Zur Person

Radhika Natarajan ist für die Konzeption und Umsetzung des Projekts LeibnizWerkstatt zuständig. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind lebensweltliche wie migrationsbedingte Mehrsprachigkeit, sprachbezogene Alltagsbewältigung und im Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache.

01.11.2017 Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache - Dr. Alexis Feldmeier García

Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache
Dr. Alexis Feldmeier García (Westfälische Wilhelms-Universität Münster)

»Den Unterricht bitte von der Mündlichkeit aus gestalten!«

Am 01.11.2017 begrüßte die Vortragsreihe »mittwochs um vier« Herrn Dr. Alexis Feldmeier García, Experte für Sprachdidaktik von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, der den Anwesenden eine sehr praxisnahe und interessante Einführung in das Thema Alphabetisierung in der Zweitsprache Deutsch gab.

  • Unter der Überschrift »Theoretisches« beschäftigte sich der Vortrag zunächst mit Zahlen und Fakten rund um die Themen Analphabetismus, Zweitschriftlernen und Integrationskurse.
  • Im Anschluss befasste sich der Abschnitt »Methodisches« näher mit Grundlagen zu den Themen Lesen und Lernen in einer fremden Sprache und der besonderen Herausforderung des Umgangs mit lernungewohnten Menschen, die keine oder wenig Schulerfahrung haben und zunächst das »Lernen lernen« müssen. Von besonderem Interesse waren zudem die verschiedenen Typen von Analphabetismus: Während primäre Analphabeten i.d.R. überhaupt nicht zur Schule gegangen sind und dementsprechend weder über Zugang zum Schriftsystem noch über Lernerfahrung verfügen, haben funktionale Analphabeten zwar eine Schule besucht, ihre schriftsprachlichen Kompetenzen sind jedoch nicht ausreichend, um den schriftsprachlichen Anforderungen ihrer Gesellschaft gerecht zu werden. So können sie etwa einzelne Wörter entziffern, das sinnentnehmende Lesen zusammenhängender Texte überfordert sie jedoch. Zweitschriftlernende schließlich sind bereits in einer anderen als der lateinischen Schrift alphabetisiert und benötigen theoretisch lediglich eine Einführung in die hiesige Schrift – in der Praxis kann aber auch unter diesen Menschen natürlich funktionaler Analphabetismus vorkommen, was wiederum einen umfassenderen Sprachunterricht nötig macht. Wichtige Ziele der Förderung sind, neben dem Erlernen des Deutschen als Zweitsprache und des Schriftsystems, auch der Erwerb von konzeptioneller Schriftlichkeit und Lernendenautonomie.
  • Weiterhin ging Herr Dr. Feldmeier García näher auf verschiedene Methoden zur Vermittlung der Schriftsprache ein. »Die« perfekte Methode gibt es hierbei nicht, vielmehr werden die verschiedenen Ansätze meist in Kombination verwendet und je nach Bedarf ausgewählt. Generell abzuraten ist jedoch von der Buchstabiermethode, d.h. die Namen der Buchstaben sollten im Unterricht tabu sein.
  • Im Abschnitt »Praxisnahes« schließlich ging es um die Frage, was bei der Planung von konkretem Unterricht zu berücksichtigen ist. In diesem Zusammenhang wurden verschiedene Unterrichtsmethoden, mögliche Problematiken, der Komplex der Fach- und Bildungssprache, der Umgang mit Heterogenität und die damit verbundene Notwendigkeit von Differenzierung sowie die Progression in Bezug auf die Vermittlung mündlicher und schriftlicher Kompetenzen besprochen.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass erfolgreicher Zweitsprachunterricht mit Alphabetisierung stets von der Mündlichkeit aus gedacht werden und auf dieser aufbauen muss, denn nur mit einem richtigen Zugang zur Sprache kann auch die Schrift angemessen erlernt werden. Gleichzeitig muss ressourcenorientiert vorgegangen werden, also aufbauend auf dem, was die Teilnehmenden bereits können, statt sich an dem zu orientieren, was sie noch nicht beherrschen.

Im Anschluss an den Vortrag war wie gewohnt Zeit für Nachfragen, Kommentare und Diskussionen. Es entstand eine lebhafte Diskussion über Themen wie die Zusammenhänge zwischen Lese- und Schreibkompetenz, Binnendifferenzierung, verschiedene Unterrichtsmethoden und Lehrwerke. Zudem wurde das Problem der systemischen Rahmenbedingungen diskutiert: So sind die Anforderungen, die von Politik und Öffentlichkeit an die Bildungsinstitutionen gestellt werden, schon allein aus Zeitmangel häufig illusorisch und nicht erfüllbar – ein großer Frustrationsfaktor, für Lernende und Lehrende gleichermaßen.

(tk)

08.11.2017 Theater für Gehörlose und Hörende - Dr. Rafael Ugarte Chacón

Ästhetiken des Zugangs - Theater für Gehörlose und Hörende
Dr. Rafael Ugarte Chacón (Institut für Philosophie)

»Theater ist halt nicht nur die Vermittlung von Inhalten in sprachlicher Form.«

Dr. Rafael Ugarte Chacón, Theaterwissenschaftler vom Institut für Philosophie, gewährte den Anwesenden am 08.11.2017 Einblicke in die Welt der Gehörlosen, indem er sich mit interkulturellen Theateraufführungen von und für gehörlose und hörende Menschen mit und ohne Migrationshintergrund beschäftigte.

  • Auf ein einleitendes Video, das Ausschnitte aus einer solchen Theateraufführung zeigte und im Plenum diskutiert wurde, folgte eine theoretische Einführung. Zunächst wurde hierbei der Versuch unternommen, eine Definition von Gehörlosigkeit vorzunehmen. Zu diesem Zweck wurden die drei gängigen Modelle von medizinischer Behinderung und sozialer Behinderung sowieso von kultureller Gehörlosigkeit vorgestellt und diskutiert. Während das medizinische Modell die körperliche Seite der Gehörlosigkeit in den Fokus rückt und diese in erster Linie als defizitäre Behinderung betrachtet, die es zu heilen gilt, versteht das soziale Modell eine Behinderung in erster Linie als gesellschaftliche Kategorie und konzentriert sich auf deren soziale Konsequenzen, vernachlässigt dadurch aber die Rolle des Körpers. Das kulturelle Modell schließlich, das sich heutzutage weitgehend durchgesetzt hat – gerade auch in der Selbstdefinition der Gehörlosencommunity –  löst sich vom Label der Behinderung und betrachtet Gehörlose stattdessen als sprachliche, kulturelle und/oder ethnische Minderheit mit einer eigenen Sprache, eigenen Werten und Normen und kulturellen Traditionen. Auch dieser Ansatz vernachlässigt jedoch die Körperlichkeit und basiert auf einem statischen, elitären Kulturbegriff, der die Vielfalt der Gemeinschaft nicht abbildet.
  • Da alle theoretischen Modelle nur zu einer unbefriedigenden Definition von Gehörlosigkeit führen, wurden im Anschluss die Unterschiede zwischen Gehörlosen und Hörenden thematisiert. Diese finden wir insbesondere in den Bereichen Körper (in Bezug auf Wahrnehmung und Hirnaktivität), Macht (in Form von Hierarchien, Diskriminierung und fehlender Chancengleichheit) und Kultur (verkörpert durch Sprache, Traditionen, Umgangsformen und differierende Körperbilder).
  • Im Anschluss an eine weitere Videosequenz wurden in dieser deutlich werdende Ein- und Ausschlussmechanismen, wie etwa Klänge, Lautsprache, Bilder, Gebärdensprache und Übersetzung, thematisiert und daraus das Potenzial zweisprachigen Theaters hergeleitet: Es kann Konflikte und Hierarchien nicht nur erfahrbar und verständlich machen, sondern durch die Kombination und Kontrastierung unterschiedlicher kultureller und sprachlicher Einflüsse auch Zugang schaffen und Hierarchien umkehren oder überwinden.
  • Anhand von zwei weiteren Beispielen wurde abschließend die Kunstform des Visuellen Theaters thematisiert, welches verschiedene Elemente – beispielsweise Gebärdensprache, Pantomime und Akrobatik – kombiniert und narrativ nutzt. Visuelles Theater ist für gewöhnlich auch ohne Gebärdensprachkenntnisse verständlich; durch die Betonung von Gemeinsamkeiten blendet es Konflikte aus und nivelliert Hierarchien.

Körper, Macht und Kultur spielen also in allen Inszenierungen eine Rolle – mal explizit, mal auch nur implizit, wobei entweder der Umgang mit Unterschieden oder auch die Betonung von Gemeinsamkeiten im Mittelpunkt stehen kann.

Nach dem Vortrag wurde ausgiebig und angeregt diskutiert und nachgefragt. So ging es beispielsweise um die Unterschiede zwischen den Gebärdensprachen verschiedener Länder, das ambivalente Verhältnis der Gehörlosencommunity zur ästhetischen Wahrnehmung ihrer Sprache durch Hörende, den Stellenwert der Gebärdensprache in verschiedenen Ländern und die Verbreitung von Gehörlosentheater.

(tk)

15.11.2017 Zur Sozialpsychologie des aktuellen Rechtspopulismus - Prof. Dr. Rolf Pohl

Was heißt »postfaktisches Zeitalter«? Zur Sozialpsychologie des aktuellen Rechtspopulismus
Prof. Dr. Rolf Pohl (AG Politische Psychologie)

»Postfaktisches Zeitalter der Lüge, der Halbwahrheit und der Heuchelei«

Thema des Vortrags vom 15.11.2017 von Prof. Dr. Rolf Pohl, Gründer und Koordinator der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie, waren Erscheinungsformen, Charakteristika und Wirkungsweisen des aktuellen Rechtspopulismus, wie wir ihn beispielsweise bei der AfD und Pegida finden.

  • Auf eine Vorbemerkung, in der aktuelle Zahlen angesprochen und eine Übersicht über rechtspopulistische Strömungen gegeben wurde, folgte eine Beschäftigung mit der Frage, wieso eine Fokussierung auf den Rechtspopulismus sinnvoll ist. Von besonderem Interesse ist hierbei die Tatsache, dass nur das Fehlen einer konsequenten Ideologie den Rechtspopulismus vom Rechtsextremismus trennt, und dass sich auch »populistisches Fischen von Links« verzeichnen lässt. Wir sollten immer dann misstrauisch werden, wenn eine glorifizierte Nähe zum »einfachen Volk« zutage tritt.
  • Unter der Überschrift »Was ist Populismus?« befasste sich Herr Prof. Pohl mit dessen gesellschaftlichen Entstehungshintergründen und Ursachen, seinem Selbstverständnis und seiner Ideologie sowie dem Auftreten und der Organisation. Obgleich der Rechtspopulismus über kein geschlossenes ideologisches Weltbild verfügt, lassen sich doch gewisse Charakteristika ausmachen. Kern der rechtspopulistischen Argumentation ist die Gegenüberstellung von »einfachem Volk«, das als rein und moralisch unverdorben dargestellt wird, und »unmoralischen Eliten«. Hintergrund der Entstehung dieser Strömungen ist eine angebliche Krise des demokratischen Systems, wobei die Kritik an der EU im Zentrum steht. Ein verklärender Nationenbezug schürt Überfremdungsängste und erzeugt eine Abgrenzungs- und Verfolgungsideologie. Die Rhetorik des Rechtspopulismus zeichnet sich durch immer wiederkehrende Stilmittel aus, wie beispielsweise das Argument des »gesunden Menschenverstands«, Lügen oder Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien und Denken in Feindbildern oder auch Emotionalisierung und Angstmache.
  • Abschließend beschäftigte sich der Vortrag aus sozialpsychologischer Perspektive mit der Frage, wie Populismus genau wirkt, wie also ein psychologisches System erzeugt wird, das letztlich »die Menschen dazu bringt, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln.« Die Massenpsychologie erklärt dieses Phänomen mit der Verwandlung von Individuen in eine Masse, gekennzeichnet durch eine Kombination von Liebe zur Eigengruppe und Hass gegen eine Fremdgruppe – ein Hass, der zunehmend in den Vordergrund rückt, wenn eine bindungsstiftende Führerfigur fehlt. Dieser durch künstliche Bindungen hergestellte »Bund der Gleichen« dient letztlich dazu, eine Art »kollektiven Narzissmus« zu befriedigen und gründet »Harmonie« auf Gewalt. »Diese Art der Massenbindung macht die Menschen hemmungslos.«, so Prof. Pohl.

Bemerkenswert ist, dass der Populismus nicht, wie gemeinhin konstatiert, inzwischen »in der Mitte der Gesellschaft angekommen«, sondern im Gegenteil aus ihr heraus entstanden ist.

Nach dem Vortrag wurde intensiv diskutiert, etwa über die Frage, wie man dem Populismus begegnen bzw. mit ihm und seinen Anhängern umgehen kann, wieso gerade Männer anfällig für populistisches Gedankengut zu sein scheinen, welche Rolle die Bildung spielt und welche besondere Verantwortung in diesem Zusammenhang die Medien tragen. Es lassen sich vier Ansatzpunkte ausmachen, an denen Rechtspopulismus begegnet werden kann: Jede_r sollte die eigenen Bilder regelmäßig überprüfen, zudem spielt die politische Bildung eine zentrale Rolle, ebenso die Medien. Und schließlich ist auch der Umgang mit Wahrnehmungsmustern und Affekten von großer Bedeutung –  »Es gibt noch viel zu tun.«

(tk)

22.11.2017 Die Bedeutung sprachsensiblen Unterrichts - Dr. Christine Bickes

Sprachliche Hürden im deutschen Schulsystem - die Bedeutung sprachsensiblen Unterrichts
Dr. Christine Bickes (Deutsches Seminar)

»In jedem Unterricht geht es auch um Sprache«

Am 22.11.2017 befasste sich Dr. Christine Bickes vom Deutschen Seminar mit sprachlichen Hürden im deutschen Schulsystem, wobei sie sich insbesondere auf die Bedeutung sprachsensiblen Unterrichts konzentrierte.

  • Nach einer Übersicht über aktuelle Zahlen zum Thema Mehrsprachigkeit an deutschen Schulen ging Frau Dr. Bickes zunächst näher auf sprachliche Register ein. Es ging hierbei vor allem um konzeptionelle Mündlichkeit als Sprache der Nähe im Kontrast zu konzeptioneller Schriftlichkeit als Sprache der Distanz und die generellen Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache. Darüber hinaus führte der Vortrag anhand eines Beispiels aus dem Segelsport in den Themenbereich der Fachsprachen ein, wobei den Anwesenden veranschaulicht wurde, dass das Nichtbeherrschen eine Fachsprache zu einem Nichtverstehen führt und Laien aus der jeweiligen Diskussion komplett ausschließt.
  • Anschließend beschäftigte sich Frau Dr. Bickes mit den Funktionen von Fach- und Bildungssprache. Auf der Makroebene erfüllen diese drei Funktionen: In ihrer kommunikativen Funktion sichern Fach- und Bildungssprache den Wissenstransfer, in ihrer epistemischen Funktion sind sie mit Begriffsbildung und Wissenskonstruktion verbunden und in der sozialsymbolischen Funktion dient das bildungssprachliche Register der (Selbst-)Identifikation als Mitglied einer bildungsnahen Gesellschaft. Auf der Mikroebene dienen Fach- und Bildungssprache u.a. Dingen wie der Differenzierung und Präzisierung, der Verdichtung von Informationen und der argumentativen Klarheit.
  • Anhand von Beispielen wurden im Anschluss sprachliche Merkmale von Fach- und Bildungssprache thematisiert. Hierzu gehören natürlich Fachtermini, es finden sich aber auch häufig bestimmte grammatische Konstruktionen, wie etwa Attribute, Passivkonstruktionen oder Konditionalsätze sowie, auf Textebene, die häufige Verwendung etwa von Konnektoren und Wiederholungen zur Sicherstellung der Textkohärenz. All diese Phänomene sorgen dafür, dass Fach- und Bildungssprache schwieriger zu beherrschen sind als die Alltagssprache und dementsprechend in der Schule zu Schwierigkeiten führen können – gerade, aber nicht ausschließlich, bei Schülerinnen und Schülern mit einer anderen Erstsprache als Deutsch und/oder einem bildungsfernen Elternhaus. Hier scheitert das Verständnis von Texten und Aufgaben häufig an der Komplexität der sprachlichen Formulierungen, wie Frau Dr. Bickes anhand von Aufgabenbeispielen anschaulich darlegte.
  • Schülerinnen und Schüler sind in der Schule mit einer Vielzahl von sprachlichen Anforderungen konfrontiert, die zu den fachlichen Anforderungen hinzukommen. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, benötigen wir einen sprachsensiblen Unterricht, der Sprachbildung zur Sache aller Fächer und Jahrgangsstufen macht und Fach- und Bildungssprache thematisiert und vermittelt.

Im Anschluss an den Vortrag wurde wieder einmal angeregt diskutiert, etwa über die Mehrsprachigkeitssituation in Deutschland, ein oft verwirrendes Nebeneinander von Fach- und Alltagssprache und die Tatsache, dass es sehr hilfreich sein kann, etwas über die Herkunftssprachen der Schülerinnen und Schüler zu wissen, um sprachbedingte Herausforderungen zu antizipieren.

(tk)

29.11.2017 Migration und Gedächtnis - PD Dr. Gerd Sebald

Migration und Gedächtnis. Überlegungen auf der Basis von Alfred Schütz’ »Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch«
PD Dr. Gerd Sebald (Universität Erlangen-Nürnberg)

»Kultur als soziales Gedächtnis«

PD Dr. Gerd Sebald, Soziologe von der Universität Erlangen-Nürnberg, diskutierte mit den Teilnehmenden der Vortragsreihe »mittwochs um vier« am 29.11.2017 in einem interaktiv gehaltenen Beitrag über den Themenkomplex Migration und Gedächtnis, wobei er sich insbesondere auf Alfred Schütz‘ Aufsatz »Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch« bezog.

  • Nach einem kurzen Gespräch über die Erwartungen und Interessen seitens des Publikums ging Herr Dr. Sebald näher auf den Zugang der Soziologie zur Migration und auf biografische Eckdaten zu Alfred Schütz ein. Die Soziologie entstand im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung, die von Anfang an durch starke Migrationsströme gekennzeichnet war. So überrascht es nicht, dass die Migration von Anfang an ein Fokus der Soziologie war – insbesondere in den USA, wo es beispielsweise im Raum Chicago, bedingt durch die Autoindustrie, viel Arbeitsmigration gab. Hier befasste sich die Soziologie bereits früh mit dem Thema Integration. Hinzu kamen dann, mit Aufkommen des Faschismus und Nationalsozialismus in Europa, die Exilmigrant_innen, zu denen auch Alfred Schütz zählte.
  • Anschließend erläuterte der Referent das Konzept der Migration aus gedächtnissoziologischer Perspektive. Gedächtnis wird hierbei als »jede Form von Bezug auf Vergangenheit« verstanden, wobei zu beachten ist, dass wir zu dieser keinen direkten Zugang haben, sondern sie stets nur anhand von »Überresten« in der Gegenwart rekonstruieren können, was unweigerlich eine Deutung des Vergangenen mit sich bringt. Soziale Gedächtnisse können durch Kollektive bzw. Gruppen geprägt werden und auch aus der Interaktion heraus entstehen, wobei diese nicht plan- oder kontrollierbar ist. Zudem können auch Organisationen, Institutionen und andere soziale Gebilde »gedächtnishaft agieren«. Migration stellt in diesem Zusammenhang eine Grenzüberschreitung und eine Verlagerung von Lebensbereichen dar und kann auch neue (z.B. soziale, politische oder kulturelle) Grenzziehungen mit sich bringen, die zu Widersprüchen und Auseinandersetzungen führen können.
  • Zum Schluss wurden einige Kernaspekte von Schütz‘ Aufsatz diskutiert, kritisiert und ergänzt. Schütz beschreibt die typische Situation eines Neuankömmlings, wobei er explizit den Moment des Ankommens in den Blick nimmt. Gruppen verfügen über bestimmte kulturelle Muster, die durch ihre Vergangenheit geprägt sind und die ihr alltägliches Leben und ihre Wahrnehmung bestimmen. Kultur fungiert in diesem Zusammenhang als soziales Gedächtnis, wobei man zwei Modi von Gedächtnis unterscheiden muss: Das nicht reflektierte, habituelle Gedächtnis einerseits und die reflektierte, bewusste Erinnerung andererseits. Wenn nun der Lebensmittelpunkt eines Menschen verlagert wird, er also zum »Fremden« wird, entsteht eine besondere Gedächtnissituation, da seine kulturellen Muster nicht mit denen der neuen Umgebung übereinstimmen, was zu einer Krise führen kann. In kulturellen Mustern sind zudem immer auch Selbst- und Fremdbilder enthalten, was eine Abgrenzung mit sich bringt – und für massive Irritationen sorgen kann, wenn das Fremdbild nicht mit der wahrgenommenen Realität übereinstimmt. Interaktion kann diese Bilder allerdings aufbrechen, wodurch sich Grenzen auch verschieben können. Eine besondere Form von sozialem Gedächtnis ist schließlich die Sprache, deren feinere Nuancen allerdings nicht direkt lernbar sind. Daher umfasst wahrhaft gelungener Spracherwerb die habitualisierte Verwendung von Sprache und somit viel implizites Wissen. Die Beherrschung der Sprache allein ist nach diesem Ansatz also kein Maßstab für »Integration«.

»Der Fremde« ist ein Klassiker der Migrationssoziologie. Aus heutiger Perspektive wäre jedoch mehr Differenzierung notwendig. So müsste beispielsweise zwischen freiwilliger und Zwangsmigration unterschieden und der ganze Prozess der Migration, inklusive seiner Vorbedingungen, in den Blick genommen werden. Zudem sollte die Migration aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Von Interesse wären hier beispielsweise die Migrierenden, die Aufnahmegesellschaft und auch der Verwaltungsapparat. Zudem ist »der Fremde« nie ein einzelnes Individuum, sondern immer in vielfältige soziale Zusammenhänge eingebunden, was ebenfalls berücksichtigt werden müsste.

(tk)

05.12.2017 Literatur und die Erfindung der Menschenrechte - Prof. Dr. Peter Schneck

Das Recht der Entrechteten: Literatur und die Erfindung der Menschenrechte
Prof. Dr. Peter Schneck (Universität Osnabrück)

»Mit-Gefühl«: Imaginierte Empathie als Grundlage für universale Rechte

Thema des Vortrags am 05.12.2017 waren die Menschenrechte und welche Rolle literarische Texte bei deren »Erfindung« gespielt haben. Unter dem Titel »Das Recht der Entrechteten« beleuchtete Prof. Dr. Peter Schneck, Amerikanist von der Universität Osnabrück, diesen Themenkomplex näher.

  • Herr Professor Schneck befasste sich in seinem Vortrag mit zwei Grundfragen: »Wo kommt unser Verständnis von Menschenrechten her?« und »Was hat Literatur damit zu tun?« Interessant ist, dass viele Menschen ein instinktives Wissen von dieser speziellen Kategorie von Rechten haben, ohne es explizit äußern zu können.
  • Zunächst beleuchtete der Vortrag den internationalen Kontext und die Geschichte der Menschenrechte. Die unmittelbare Beschäftigung mit »Human Rights« begann mit dem Ersten Weltkrieg und gipfelte im Jahr 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. Weiterhin wurden die Rolle von Politik und Philosophie auf dem langen Weg bis 1948 besprochen, also die ideengeschichtlichen Hintergründe. Hier sind etwa Texte von John Locke (1690) und Jean-Jacques Rousseau (1762) sowie die amerikanische Declaration of Independece (1776) und die französische Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen von zentraler Bedeutung.
  • Anschließend ging Herr Prof. Schneck näher auf den Themenkomplex »Rechtsgefühle« und Literatur ein. Zentrales Muster ist hier ein durch literarische Texte erzeugtes universelles, klassen- und geschlechterübergreifendes »Mit-Gefühl« und die Identifikation mit dargestellten Menschen, deren Autonomie und Rechte eingeschränkt sind und eine damit zusammenhängende Emotionalisierung »natürlicher« Rechte. Diese Identifikation bildet die Grundlage für eine allgemeine Definition von Menschlichkeit. Allerdings, so ein anderer dargestellter Ansatz, vernachlässigt diese Perspektive die Tatsache, dass Individuen immer in eine rechtsstaatliche Ordnung eingebunden seien, was die Grundlage für die Existenz ihrer Rechte sei. Menschenrecht sei demnach das Recht auf die Entwicklung hin zu einer hin zu einer voll ausgebildeten Persönlichkeit, was ohne Kollektive nicht denkbar sei: »Ohne Staaten keine Menschenrechte und keine Personen.«
  • Im postkolonialen Diskurs schließlich brechen die bisherigen Ideale zunehmend auf und es zeigt sich, dass unsere Vorstellung von Menschenrecht oft völlig leer ist: »Das Recht als Menschenrecht existiert ja offensichtlich gar nicht mehr.«
  • Ein grundlegendes Problem, das bislang auch nicht endgültig geklärt ist, ist die mangelhafte Repräsentation von »Rechtlosen«, insbesondere von Staatenlosen. »Wir brauchen Brücken«, damit auch diese endlich angemessen berücksichtigt werden, so Herrn Professor Schnecks Fazit.

Im Anschluss an den Vortrag wurde ausgiebig diskutiert, etwa über die Repräsentation der Rechte von Menschen mit Behinderungen in der Literatur, über die Entwicklung und den selektiven Charakter von Empathie und über die formalen Aspekte, welche die Textgattung Roman zur Bearbeitung dieses Themenkomplexes so fruchtbar machen.

(tk)

13.12.2017 Gastarbeiter_innenmigration - Dr. Marta Estévez Grossi

Community Interpreting in Deutschland: eine Lehre aus der Gastarbeiter_innenmigration
Dr. (des.) Marta Estévez Grossi (Romanisches Seminar)

Sprachmittlung als Integrationshilfe

Am 13.12.2017 befasste sich Frau Dr. Marta Estévez Grossi vom Romanischen Seminar anhand des Beispiels der galicischen Arbeitsmigrant_innen in Hannover mit Geschichte, Theorie und Praxis von Sprachmittlung in Deutschland.

  • Zunächst gab Frau Dr. Estévez Grossi den Anwesenden eine theoretische Einführung ins Thema. Community Interpreting ist das Dolmetschen im sozialen Bereich, insbesondere im Gesundheits- und Rechtswesen sowie bei sonstigen Behörden wie der Ausländerbehörde und anderen Institutionen wie etwa Schulen. Im Vortrag stand hierbei die soziale Komponente im Fokus, nämlich die Tatsache, dass Migrant_innen ohne Sprachkenntnisse ihre sozialen Rechte und Pflichten nicht wahrnehmen können, was Sprachmittlung notwendig macht. Dolmetschen zeichnet sich durch eine Kommunikation in Dialogform aus, zwischen den Teilnehmenden am Gespräch herrscht ein asymmetrisches Machtgefälle und die Kommunikation findet meist in Not- und Krisensituationen statt, was eine besondere Belastung für alle Beteiligten darstellt. Im internationalen Vergleich lassen sich grob vier Ansätze unterscheiden, wie dem Bedarf nach Sprachmittlung begegnet wird: Von Ablehnung, über informelle Ad-hoc-Lösungen und allgemeine Sprachdienste, beispielsweise durch staatliche Stellen oder NGOs organisiert, bis hin zu umfassenden Sprachdiensten, staatlich organisiert, mit ausgebildeten und akkreditierten Dolmetscher_innen. In vielen Ländern wird zudem ein legalistischer Ansatz verfolgt, d.h. vor Gericht muss Sprachmittlung gewährleistet sein. In Deutschland finden wir einen legalistischen Ad-hoc-Ansatz.
  • Anschließend thematisierte der Vortrag die Geschichte der spanischen Gastarbeiter_innenmigration in der Bundesrepublik. Sowohl von Seiten der BRD und der spanischen Regierung als auch aus der Sicht der Migrant_innen war die Migration als vorübergehendes Phänomen konzeptualisiert und durch eine starke Rückkehrorientierung gekennzeichnet. Sodann ging die Vortragende näher auf ihre eigene Forschung ein, in deren Rahmen sie auf Grundlage von Community Interpreting und Migrationslinguistik den Bedarf nach und die Umsetzung von Sprachmittlungsdiensten in der Gemeinschaft galicischer Arbeitsmigrant_innen in Hannover untersuchte. Darauf aufbauend stellte Frau Dr. Estévez Grossi die Maßnahmen zur Sprachmittlung seitens der BRD und seitens Spaniens und das Verhältnis der Migrant_innen diesen gegenüber näher vor.
  • Schließlich stellte sich natürlich die Frage, was sich in den 60 Jahren seit Beginn der Arbeitsmigration aus Spanien in diesem Bereich getan hat. Um dies zu beantworten, wurde näher auf die aktuelle rechtliche Lage von Migrant_innen eingegangen. So besteht ein allgemeiner Anspruch auf Dolmetschdienstleistungen etwa in gerichtlichen Verfahren, Ermittlungsverfahren, im Asylverfahren und im gesundheitlichen Bereich. Leider klaffen hier Theorie und Praxis aber oft noch weit auseinander: »Anspruch heißt nicht gleich Zugang.«, so Frau Dr. Estévez Grossi abschließend.

Als Fazit lässt sich also festhalten, dass wir heute zwar noch ähnliche Muster vorfinden wie vor 60 Jahren, aber sich auch Bemühungen von öffentlicher Seite verzeichnen lassen, es besser zu machen, indem der Anspruch auf Dolmetschdienstleistungen in verschiedenen Kontexten anerkannt wird. Die Organisation verfolgt allerdings weiterhin einen legalistischen Ad-hoc-Ansatz und es fehlt eine staatliche Strategie für die Professionalisierung und Qualitätssicherung.

In der angeregten Diskussion nach dem Vortrag ging es unter anderem um die Probleme von Sprachmittlung im medizinischen Bereich – bezogen etwa auf mangelnde (Fach-)Sprachkompetenz, Schweigepflicht oder das Ausgeliefertsein Fremden gegenüber – , die Angst seitens der Politik vor einer negativen Reaktion der Bevölkerung, wenn man den Sprachmittlungsbedarf eingesteht – obwohl diese doch sehr wichtig für gelungene Integration wäre, da sie der Entstehung von Parallelstrukturen vorbeugen würde –  und die massive Unterschätzung von »Sprachberufen« wie etwa Dolmetscher_innen oder Sprachlehrkräften im Alltag. Auch berichteten Teilnehmende von eigenen Übersetzungserfahrungen, wobei deutlich wurde, wie wichtig das Wissen um den Kontext und eventuell beteiligte Fachsprachen ist, um adäquat sprachmittlerisch tätig zu sein. Eine besondere Herausforderung stellt zudem das Übersetzen mittels »Umweg« über eine dritte Sprache dar.

(tk)

20.12.2017 Überlegungen zur sog. Migrationsliteratur - Prof. Dr. Eva-Maria Thüne

Sprachwandelnde: Überlegungen zur sogenannten Migrationsliteratur
Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien)

»Verflüssigung der Sprachgrenzen«

Thema des letzten Vortrags des Jahres 2017 war die sogenannte Migrationsliteratur, mit der sich Prof. Dr. Eva-Maria Thüne, Professorin für Deutsche Sprache und Sprachwissenschaft von der Universität Bologna, Italien, am 20.12.2017 unter dem Titel »Sprachwandelnde« auseinandersetzte.

  • Frau Prof. Dr. Thüne befasste sich in ihrem Vortrag näher mit der Geschichte der Literatur von mehrsprachigen Autor_innen, ihren typischen Themen und charakteristischen sprachlichen Strukturen und Stilmitteln, was sie mithilfe vieler Textbeispiele illustrierte, die im Plenum angeregt diskutiert und interpretiert wurden.
  • Bei mehrsprachigen Autor_innen lassen sich, aus deutscher Perspektive, zwei verschiedene Zugänge unterscheiden – beiden gemein ist der thematische Schwerpunkt des Raumes: Während sich die Exilliteratur mit einem Raum befasst, der verlassen werden muss, geht es der sogenannten Migrationsliteratur um den Raum, in dem man ankommt. Die Ausgangspunkte des Erzählens hängen natürlich direkt mit der Migration zusammen. So geht es etwa um Flucht und Exil, Mehrsprachigkeit oder auch (post)koloniale Herrschaftsmechanismen. Die Herkunftssprache schwingt in den Texten mehrsprachiger Autor_innen stets mit. In vielen Texten findet sich eine, von einer faszinierenden Sensibilität für Sprache gekennzeichnete, Auseinandersetzung mit der Lebenswelt, der Sprachgeschichte und den gesellschaftlichen Zusammenhängen.
  • Die Migrationsliteratur ist in der Lage, sich »dem Korsett der Nationalliteraturen« zu entziehen. Die so entstehende »translinguale« Literatur kann als eine Grundlage eines gelingenden Multikulturalismus angesehen werden. Gekennzeichnet ist sie beispielsweise durch spezielle Sprachspiele, Metaphern und das Spiel mit der Identität. Besonders bedeutsam sind zudem Bilder für das körperliche Erleben von Sprache sowie die Verbindung von Sprache mit gesellschaftlichen Hierarchien und Macht. Schließlich spielen auch autobiographische Elemente oft eine wichtige Rolle, wobei zu betonen ist, dass die von Lesenden häufig angenommene Deckungsgleichheit von Autor_in und Erzähler_in und die damit unterstellte Authentizität manchmal nur eine scheinbare ist.
  • Ein letzter zentraler Punkt ist der Zusammenhang von Sprache und Identität: So kann die Sprache Teil-Identitäten zeigen, Differenz markieren und als Unterscheidungsmerkmal verwendet werden. Wirklich »auf die Spur kommen« könnte man mehrsprachigen Autor_innen demnach auch nur, so Frau Prof. Dr. Thüne abschließend, wenn man ihre Ursprungssprachen beherrschte und mit deren kulturellen Hintergründen vertraut wäre.

(tk)

10.01.2018 Mythen der Mehrsprachigkeit - Prof. Dr. John Peterson

Mehrsprachigkeit als Hindernis? Mehrsprachigkeit als Ressource!
Mythen vs. Fakten zum Thema »Sprache und Migration«

Prof. Dr. John Peterson (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)

»Mehrsprachigkeit ist in den Klassenzimmern – ob wir das wollen oder nicht.«

Am 10.01.2018 startete die Vortragsreihe »mittwochs um vier« mit einem Beitrag von Prof. Dr. John Peterson von der Universität Kiel ins neue Jahr. Unter dem Titel »Mehrsprachigkeit als Hindernis? Mehrsprachigkeit als Ressource!« beschäftigte er sich mit Mythen und Fakten zum Thema »Sprache und Migration«.

  • Zunächst behandelte der Vortrag unter der Überschrift »Mythen vs. Fakten« die sogenannte »doppelte Halbsprachigkeit« und machte deutlich, wieso es sich bei dieser nur um einen Mythos handelt. So ist die Annahme, das Gehirn sei eine Art Behälter mit limitierter Kapazität, und der parallele Erwerb mehrerer Sprachen ginge auf Kosten des Sprachniveaus der Einzelsprachen, wissenschaftlich nicht haltbar. Vermeintliche allgemeinsprachliche Defizite sind vielmehr auf Nichtkenntnis des öffentlichen Registers und der damit in engem Zusammenhang stehenden Konventionen der Schriftsprache zurückzuführen. Das bei Mehrsprachigen oft beobachtete Codeswitching, also das Vermischen von mehreren Einzelsprachen in der gesprochenen Sprache, ist zudem durchaus kein auf sprachlicher Verwirrung beruhendes Kauderwelsch, wie gern angenommen, sondern kann komplexe Strukturen aufweisen und ist im Gegenteil ein Indikator für eine gute Beherrschung der beteiligten Sprachen.
  • Auch die Annahme, es gäbe Sprachen ohne Grammatik, ist nicht haltbar – aber nachvollziehbar: Ohne Unterricht in einer Sprache entsteht auch kein metasprachliches Verständnis ihrer Strukturen. So ist es nicht verwunderlich, wenn türkischstämmige Kinder angeben, Türkisch habe keine Grammatik, »es klingt einfach besser so«, denn grammatisches Wissen ist meist unbewusst und muss im Unterricht bewusst geübt werden.
  • Der zweite Teil des Vortrags beschäftigte sich mit der Frage, wie Mehrsprachigkeit als Ressource nutzbar gemacht werden kann. In diesem Zusammenhang befasste sich Herr Prof. Peterson mit den Unterschieden zwischen gesprochener und geschriebener Sprache und berichtete von eigenen Lehrerfahrungen mit mehrsprachigen jungen Erwachsenen. Von grundlegender Wichtigkeit ist demnach, anzuerkennen, was die Schülerinnen und Schüler bereits können, und darauf aufzubauen. Hauptziele des didaktischen Ansatzes sind eine bewusste Selbstbeobachtung und Beobachtung Anderer sowie die Analyse und Besprechung konkreter Beispiele aus der Lebenswelt der Jugendlichen. Aufbauend auf dem topologischen Modell der deutschen Sprache werden so in der Diskussion die besonderen Charakteristika der Schriftsprache entwickelt und die Schülerinnen und Schüler für das formelle Register sensibilisiert.

Verständnis seitens der Lehrkräfte für die besondere Situation Mehrsprachiger, so das Fazit des Vortrags, und ein gezielt auf der Mehrsprachigkeit aufbauender Unterricht können also die Selbstachtung gerade der mehrsprachigen Schülerinnen und Schüler fördern. Der Unterricht weckt zudem sowohl das Interesse der Teilnehmenden mit Deutsch als Zweitsprache, da diese jetzt als Expert_innen in Erscheinung treten können, als auch das der einsprachigen Schülerinnen und Schüler.

Die Zeit nach dem Vortrag wurde für Nachfragen und weiterführende Diskussionen genutzt. Es ging diesmal unter anderem um Bildungssprache und um die Problematik, dass mangelnde Sprachkompetenz gern fälschlicherweise auf Mehrsprachigkeit zurückgeführt wird, auch wenn eigentlich andere Gründe vorliegen. Zudem wurde diskutiert, ob es »doppelte Halbsprachigkeit« nicht vielleicht doch geben kann, wenn einem Menschen in einer Situation in beiden Sprachen die Worte fehlen. In solchen Fällen sind aber nicht die zwei Sprachen an sich das Problem, sondern ein Reizmangel in der Erlebniswelt, also dass Situationen, in denen das entsprechende Vokabular hätte erworben werden können, bislang nicht erfahren wurden. »Mehrsprachigkeit«, so Herr Prof. Peterson abschließend, »ist das Natürlichste der Welt und bringt kognitive Vorteile.«

(tk)

11.01.2018 Solidarische Bildung weitergedacht - Prof. Dr. Paul Mecheril

Solidarische Bildung weitergedacht. Migrationspädagogische Überlegungen
Prof. Dr. Paul Mecheril (Center for Migration, Education and Cultural Studies, Universität Oldenburg) 

»Migrationspädagogik interessiert sich nicht für Migrant_innen.«

Prof. Dr. Paul Mecheril, Direktor des Center for Migration, Education and Cultural Studies und Professor am Institut für Pädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, stellte am 11.01.2018 in einem dialogisch gestalteten Beitrag unter der Überschrift »Solidarische Bildung weitergedacht« migrationspädagogische Überlegungen an.

Einleitend setzte sich Herr Prof. Dr. Mecheril mit aktuellen politischen Entwicklungen, wie etwa der Debatte um den Familiennachzug, der Intensivierung rechter Positionen und dem mangelnden Interesse an der Auseinandersetzung mit der Problematik auseinander. Von besonderer pädagogischer Wichtigkeit sei in diesem Zusammenhang eine »Herzensbildung in der Migrationsgesellschaft«.

Im Zentrum des Blickes der meisten Perspektiven auf die Migrationsgesellschaft stehen die Migrant_innen und die Frage, wie diese an die Mehrheitsgesellschaft angeglichen werden können. Die Migrationspädagogik versteht sich demgegenüber als Perspektive abseits des Mainstreams. Sie interessiert sich insbesondere für gesellschaftliche Ordnungen, in denen Gruppen hergestellt werden, und die daraus resultierenden Konsequenzen sowie den Anteil der Pädagogik an diesen Phänomenen.

Wie wird nun im Rahmen der Migrationspädagogik der Begriff »Migration« verstanden? Dieser geht an die Fundamente der gesellschaftlichen Realität, denn letztlich geht es um die Frage, welche Ordnung die legitime Ordnung ist. Derlei Fragen sind stark affektbehaftet, da Menschen dazu neigen, an den altbekannten Ordnungen zu »kleben«. Migration kann man in diesem Zusammenhang als spezifische Form von Mobilität verstehen, indem sie – in bedeutsamer Art und Weise – bedeutsame Grenzen überschreitet. Zu bedenken ist hierbei, dass Grenzen keine natürlichen Phänomene sind, sondern in den Köpfen der Menschen hergestellt werden. Diese Grenzüberschreitungen nehmen aktuell immer mehr zu, ebenso wie eine sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Thema.

Man kann aus drei Gründen konstatieren, dass wir uns derzeit in einem »Zeitalter der Migration« befinden:
1. Die globale Situation ist stärker denn je von Ungleichheit geprägt, wobei der stärkste Prädiktor für soziale Ungleichheit die geopolitische Position ist. Eine Kombination aus diesen Ungleichheiten und der Tatsache, dass über Migration berichtet wird, führt zu einer weltweiten Zunahme von Migrationsbewegungen.
2. »Die Welt ist geschrumpft« – auch in den Köpfen der Menschen: Fortschritte in den Transport- und Kommunikationstechnologien sorgen dafür, dass neue, häufig transnationale, Sozialräume entstehen. Reisen wird massiv vereinfacht, dazu kommen vollständigere Bilder von der Welt in den Köpfen der Menschen. So wird Migration für viele Menschen zu einer konkreten Option.
3. Migration drückt die Programmatik der westlichen Moderne aus, nämlich den »Anspruch Einzelner, im Hinblick auf bedeutsame Dinge, die sie selbst betreffen, mitzureden«. Dieser Anspruch auf ein umfassendes Selbstbestimmungsrecht artikuliert sich in transnationaler Migration.

Die transnationale Migration regt in verschiedenen Bereichen Problematisierungen an:
1. Es stellt sich die Frage nach dem politischen Raum. Wo befindet sich dieser und wer gehört zu ihm? Und was ist politische Subjektivität? Der politische Raum ist nicht länger zwangsläufig an Nationalstaatlichkeit geknüpft – aber wer darf über die Verhältnisse bestimmen?
2. Dort wo etablierte Normalitätserwartungen durchbrochen werden, stehen die Routinen der Institutionen zur Disposition.
3. Die transnationale Migration irritiert und problematisiert auch individuelle Privilegien und Anspruchshaltungen. So gerät etwa das »europäische Selbstverständnis, zivilisatorisch führend zu sein« in die Krise.

Ein weiteres zentrales Thema des Vortrags war die Solidarität: Traditionell ist hierrunter weder Barmherzigkeit noch ein rechtlicher Anspruch zu verstehen, sondern vielmehr eine freiwillige Zuwendung »jenseits des Einforderbaren«, charakterisiert durch zwei Kennzeichen: 1. Die Notlage des Gegenübers stellt sich zwar als partielle – unverschuldete – Autonomieschwäche dar, prinzipiell ist die Person aber weiterhin autonom. 2. Der Begriff findet häufig im Gefüge von Gemeinschaften Verwendung und setzt eine bestimmte Vorstellung von »wir« voraus. Unter Bedingung des »Age of Migration« gerät dieser traditionelle Begriff nun schnell an seine Grenzen, was funktional einen neuen Begriff von Solidarität notwendig macht: »Um Solidarität zu stärken, müsste sie als Solidarität unter Fremden anerkannt werden.« Sie müsste dann nicht mehr über den Bezug zu einer engen Form von Gemeinschaftlichkeit hergestellt werden, sondern wäre universalisierbar definiert über das Kriterium des Leides der Anderen.

Aus diesen Überlegungen leitete Herr Prof. Dr. Mecheril abschließend die zentrale Bildungsaufgabe her: Die Ausbildung eines Sensoriums für das Leiden Anderer, für Grausamkeit und Nicht-Grausamkeit. Und genau dieser Anspruch unterscheidet die Migrationspädagogik grundlegend von vielen auf Migrant_innen bezogenen pädagogischen Praktiken. Eine zentrale Grenze gibt es hierbei jedoch: Die Gleichgültigkeit gegenüber den Anderen ist funktional für das weltweite zentrale Regime: den Kapitalismus. Aus dieser Problematik lassen sich drei Konsequenzen für die Pädagogik ableiten: Erstens sollte sich jede Pädagogik reflexiv zu ihrer Komplizenschaft zum Kapitalismus verhalten, zweitens sollte Pädagogik nicht größenwahnsinnig werden und drittens ist es dennoch hoch sinnvoll, für eine solche Bildungsidee einzutreten.

(tk)

17.01.2018 Ethnizität als reale Fiktion - PD Dr. Nina Clara Tiesler

Ethnizität als reale Fiktion – Diskursive Konstruktionen mit gesellschaftlicher Wirkungsmacht
PD Dr. Nina Clara Tiesler (Institut für Soziologie)

»What men believe as real is real in its consequences«

Unter dem Titel »Ethnizität als reale Fiktion« beschäftigte sich PD Dr. Nina Clara Tiesler vom Institut für Soziologie am 17.01.2018 mit dem Begriff der Ethnizität, deren Entstehung und Auswirkungen.

  • Eingangs besprach Frau Dr. Tiesler anhand zweier Fallbeispiele die Soziogenese von Ethnizität. Diese findet stets situativ, relational und historisch kontingent statt. Zusätzlich spielt auch eine regionale Komponente hinein, wenn etwa Migrant_innen, die sich im Heimatland noch über ihre Herkunftsregion definiert hatten, im Aufnahmeland auf einmal homogenisiert werden, indem man sie auf ihr Herkunftsland reduziert: »Wären Pedros Eltern nicht nach Deutschland gegangen, hätten sie gar nicht angefangen, sich als Portugiesen zu betrachten.« Ethnizität ist also ein Wechselspiel von Fremd- und Selbstzuschreibungen, sie ist sozial konstruiert und stets historischen Zufällen unterworfen. Die historischen Prozesse, aus denen sie hervorgeht, sind »messy«, und sie ist ein stets verzerrtes und verzerrendes Konzept. Ethnizität ist »der Versuch, eine reine Kategorie einer sozialen Realität aufzuzwängen, die überhaupt nicht ‚rein‘ ist« – dennoch wird sie von vielen Menschen als wichtiger und unveränderlicher Teil ihres Selbst angesehen und zieht Konsequenzen nach sich.
  • Seit dem historischen Wendepunkt von 1989, der ein Neudenken etablierter Kategorien mit sich brachte, finden wir uns wieder in einem »Zeitalter von Traditionsverlusten«. Durch diese Entwicklung gewinnen überwunden geglaubte Kategorien wie Religion, Kultur, Abstammung oder eben Ethnizität in den Köpfen vieler Menschen wieder an Bedeutung. Die Suche nach dem Sinn der eigenen Existenz und die anstrengende Integration der vier Kräfte, denen der moderne Mensch unterworfen ist – Arbeit, Tausch, Autorität und Gewalt – führen zu einer Suche nach einfachen Antworten und »Sinnplomben« und macht die Menschen anfällig für sogenannte »Alltagsreligionen« wie etwa Fremdenhass, Nationalismus oder auch Antisemitismus. Es wird gesucht nach »Kategorien kollektiver Subjektivität«, wobei aber leicht aus dem Blick gerät, dass Ethnizität nur eine von vielen sozialen Mitgliedschaften ist. Jeder Mensch ist Mitglied vieler verschiedener sozialer Kreise – und diese Konfiguration ist bei niemandem gleich. An den Schnittstellen dieser Kreise entsteht Individualität.
  • Aus diesen Überlegungen leitete Frau Dr. Tiesler das Konzept der Ethnoheterogenese als alltagsreligiöser Verarbeitung ab – ein Zusammenspiel von gesellschaftlicher Erfahrung und Vergesellschaftungsprozessen, kennzeichnend für die diskursive Strukturierung gesellschaftlicher Großgruppen. In dieses Konzept spielen Phänomene wie Fremd- und Selbstzuschreibungen, symbolische Grenzen, Identitätspolitiken und die Organisation sozialer Ungleichheit entlang kultureller Unterschiede hinein. Stets haben wir es hierbei mit einer Dialektik von Homo- und Heterogenisierungsprozessen zu tun.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass es wichtig ist, die »reale Fiktion« der Ethnizität ernst zu nehmen, da sie konkrete Konsequenzen nach sich zieht, denn mensch neigt leider nach wie vor dazu, in Kategorien zu denken, und von diesen Kategorien können wir uns vorerst offenbar nicht befreien.

Im Anschluss an den Vortrag wurde einmal mehr angeregt diskutiert, etwa über die Problematik der »Traditionsverluste«, das Wechselspiel von Herrschaftssicherung und Alltagsreligion sowie über die Unterschiede zwischen kollektiver Subjektivität, Ethnizität und Identität.

(tk)

24.01.2018 Metaphern in der Migration - Prof. Dr. Simona Leonardi

Metaphern in der Migration: Analyse narrativer Interviews mit deutschsprachigen Emigrant_innen aus Nazi-Deutschland
Prof. Dr. Simona Leonardi (Universität Neapel)

»…aber deutsche Sprache ist mein persönliches Eigentum, die kein Hitler mir wegnehmen konnte…«

Unter dem Titel »Metaphern in der Migration« beschloss Prof. Dr. Simona Leonardi, Professorin für Germanische Philologie von der Universität Federico II, Neapel, die Vortragsreihe für das Wintersemester 2017/2018 am 24.01.2018 mit einer Analyse narrativer Interviews mit deutschsprachigen Emigrant_innen aus Nazi-Deutschland.

  • Der Vortrag begann mit einer Vorstellung der Forschungsgrundlage: Im »Israel Korpus« finden sich narrative Interviews mit jüdischen Migrant_innen aus deutschsprachigen Gebieten, die primär in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs ins damalige Palästina ausgewandert waren.
  • Der Metaphernanalyse liegt die kognitionslinguistische Definition von Metaphern als »understanding and experiencing one kind of things in terms of another« zugrunde. Nach diesem Verständnis werden Metaphern als Träger kognitiver und emotionaler Strukturen aufgefasst, die für unsere Sprache und auch unser Denken von zentraler Bedeutung sind und eine »Versprachlichung körperlicher Grunderfahrungen« darstellen.
  • Im Verlauf des Vortrags stellte Frau Prof. Dr. Leonardi eine Vielzahl von Analysebeispielen vor, anhand derer sie spezifische – durchaus nicht immer bewusst verwendete – narrative Strategien identifizierte: Eine enge Abfolge mehrerer metaphorischer Ausdrücke aus verschiedenen Ursprungsbereichen etwa nennt sich »Metapherncluster« und dient der Verstärkung einer Aussage. Bei Wiederaufnahme einer metaphorischen Bildung sprechen wir auch von einem »Metaphern-Echo«. Die so entstehende Textbewegung trägt zur Kohärenz bei; es können auch mehrere Bildbereiche kombiniert werden. Wiederaufnahme und Variation in Kombination führen wiederum zu einer Intensivierung.
  • Im Rahmen der Analyse wurden Metaphern besprochen, die in den Interviews eine besondere Rolle spielen: Eine häufige Metapher etwa, die noch dazu auf eine lange literarische Tradition zurückblicken kann, ist die der »Wurzeln«, mit deren Hilfe etwa Themen von Zugehörigkeit und Heimatlosigkeit bearbeitet werden. Hier zeigt sich auch die oft transkulturelle Prägung von Metaphern, denn Wurzelmetaphorik findet sich in vielen Sprachen und Gegenden der Erde. Häufig kommt auch die für unser konzeptuelles System zentrale »Behälter«-Metapher vor: Ein Behälter besteht aus einem Innen- und einem Außenraum sowie einer klaren Grenze zwischen diesen. Auf dieser Grundlage kann das Behälter-Bild zur näheren Beschreibung einer Vielzahl von Dingen verwendet werden, von Flächen und Räumen bis hin zu abstrakten Konzepten wie dem Leben: So impliziert der Begriff »Erfüllung« in Zusammenhang mit dem Leben etwa das Konzept Das Leben ist ein Behälter, wobei das Bild des »vollen Behälters«, wie etwa in den Begriffen Fülle, Erfüllung und Reichtum, positiv besetzt ist.

In narrativen Interviews wird also die Lebensgeschichte als Prozess der Identitätsentwicklung erzählt. Im Rahmen des Interviews entsteht aus interaktiven Prozessen eine Art »narrative Identität« – und bei deren Konstruktion spielen metaphorische Formulierungen eine wichtige Rolle.

Die Zeit nach dem Vortrag wurde für Nachfragen und weitergehende Diskussionen genutzt, etwa zum metaphorischen Ausdruck von Widersprüchen in der eigenen Lebensgeschichte, dem emotionalen Verhältnis zur deutschen Sprache und der spannenden Thematik der »Mehrsprachigkeit im Deutschen«, da viele jüdische Migrant_innen sich das Deutsch der 20er Jahre erhalten haben.

(tk)

  • Radhika Natarajan und Prof. Dr. Simona Leonardi treffen letzte Vorbereitungen vor »mittwochs um vier«

    Radhika Natarajan und Prof. Dr. Simona Leonardi treffen letzte Vorbereitungen vor »mittwochs um vier«

  • Prof. Dr. Simona Leonardis Vortrag dreht sich um Metaphern in narrativen Interviews

    Prof. Dr. Simona Leonardis Vortrag dreht sich um Metaphern in narrativen Interviews

  • Prof. Dr. Simona Leonardi bespricht ein Textbeispiel

    Prof. Dr. Simona Leonardi bespricht ein Textbeispiel

  • PD Dr. Nina Clara Tiesler bei der Vortragsreihe »mittwochs um vier« im Gespräch mit Radhika Natarajan

    PD Dr. Nina Clara Tiesler bei der Vortragsreihe »mittwochs um vier« im Gespräch mit Radhika Natarajan

  • Teilnehmende der Reihe »mittwochs um vier« kommen vor dem Vortrag miteinander ins Gespräch

    Teilnehmende der Reihe »mittwochs um vier« kommen vor dem Vortrag miteinander ins Gespräch

  • Das Publikum verfolgt aufmerksam den Vortrag von PD Dr. Nina Clara Tiesler

    Das Publikum verfolgt aufmerksam den Vortrag von PD Dr. Nina Clara Tiesler

  • PD Dr. Nina Clara Tiesler im Gespräch mit einem Teilnehmer der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

    PD Dr. Nina Clara Tiesler im Gespräch mit einem Teilnehmer der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

  • Prof. Dr. Paul Mecheril informiert die Interessierten über Solidarische Bildung

    Prof. Dr. Paul Mecheril informiert die Interessierten über Solidarische Bildung

  • Blick in ein Buch über Migrationspädagogik

    Blick in ein Buch über Migrationspädagogik

  • Prof. Dr. Paul Mecheril bei der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

    Prof. Dr. Paul Mecheril bei der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

  • Prof. Dr. John Peterson referiert im Rahmen der Vortragsreihe »mittwochs um vier« über Mythen der Mehrsprachigkeit

    Prof. Dr. John Peterson referiert im Rahmen der Vortragsreihe »mittwochs um vier« über Mythen der Mehrsprachigkeit

  • Radhika Natarajan stellt ein Buch von Prof. Dr. John Peterson vor

    Radhika Natarajan stellt ein Buch von Prof. Dr. John Peterson vor

  • Prof. Dr. John Peterson erläutert die Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache

    Prof. Dr. John Peterson erläutert die Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache

  • Prof. Dr. Eva-Maria Thüne beim Vortrag über Migrationsliteratur

    Prof. Dr. Eva-Maria Thüne beim Vortrag über Migrationsliteratur

  • Publikum der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

    Publikum der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

  • Vor dem Vortrag von Frau Prof. Dr. Thüne berichtet Marie Hoch von der Novemberwerkstatt

    Vor dem Vortrag von Frau Prof. Dr. Thüne berichtet Marie Hoch von der Novemberwerkstatt

  • Radhika Natarajan stellt ein Buch einer Beitragenden der Vortragsreihe vor

    Radhika Natarajan stellt ein Buch einer Beitragenden der Vortragsreihe vor

  •  

  • Von der Vortragenden herausgegebene Bücher

    Von der Vortragenden herausgegebene Bücher

  • Aufmerksames Publikum bei der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

    Aufmerksames Publikum bei der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

  • Marie Hoch, Mitgestaltende der LeibnizWerkstatt

    Marie Hoch, Mitgestaltende der LeibnizWerkstatt

  • Ankündigung zum Vortrag

    Ankündigung zum Vortrag

  • Vortrag von Dr. Marta Estévez Grossi zum Thema Gastarbeiter_innenmigration

    Vortrag von Dr. Marta Estévez Grossi zum Thema Gastarbeiter_innenmigration

  • Dr. Marta Estévez Grossi im Gespräch mit Radhika Natarajan

    Dr. Marta Estévez Grossi im Gespräch mit Radhika Natarajan

  • Viele Interessierte sind zum Vortrag über Gastarbeiter_innenmigration gekommen

    Viele Interessierte sind zum Vortrag über Gastarbeiter_innenmigration gekommen

  • Das Publikum verfolgt den Vortrag über Community Interpreting

    Das Publikum verfolgt den Vortrag über Community Interpreting

  • Prof. Dr. Peter Schneck: Literatur und die Erfindung der Menschenrechte

    Prof. Dr. Peter Schneck: Literatur und die Erfindung der Menschenrechte

  • Startseite von Prof. Dr. Peter Schnecks Präsentation

    Startseite von Prof. Dr. Peter Schnecks Präsentation

  • Prof. Dr. Peter Schneck referiert über Menschenrechte

    Prof. Dr. Peter Schneck referiert über Menschenrechte

  • Prof. Dr. Peter Schneck befasst sich mit der Ideengeschichte der Menschenrechte

    Prof. Dr. Peter Schneck befasst sich mit der Ideengeschichte der Menschenrechte

  • Das Publikum folgt dem Vortrag aufmerksam

    Das Publikum folgt dem Vortrag aufmerksam

  • Teilnehmerinnen der Vortragsreihe »mittwochs um vier« beim Vortrag zu Gastarbeiter_innenmigration

    Teilnehmerinnen der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

  • Werbematerialien der LeibnizWerkstatt im Wintersemester 2017/2018

    Werbematerialien der LeibnizWerkstatt im Wintersemester 2017/2018

  • PD Dr. Gerd Sebald diskutiert mit den Anwesenden über Migration und Gedächtnis

    PD Dr. Gerd Sebald diskutiert mit den Anwesenden über Migration und Gedächtnis

  • Eine Teilnehmerin betrachtet ein Buch des Vortragenden

    Eine Teilnehmerin betrachtet ein Buch des Vortragenden

  • PD Dr. Gerd Sebald bringt den Teilnehmenden der Vortragsreihe den Themenkomplex Migration und Gedächtnis näher

    PD Dr. Gerd Sebald bringt den Teilnehmenden der Vortragsreihe den Themenkomplex Migration und Gedächtnis näher

  • Teilnehmende der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

    Teilnehmende der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

  • Das Thema sprachsensibler Unterricht ist für viele Menschen interessant

    Das Thema sprachsensibler Unterricht ist für viele Menschen interessant

  • Dr. Christine Bickes: Sprachsensibler Unterricht

    Dr. Christine Bickes: Sprachsensibler Unterricht

  • Dr. Christine Bickes begrüßt die Anwesenden zu ihrem Vortrag über sprachsensiblen Unterricht

    Dr. Christine Bickes begrüßt die Anwesenden zu ihrem Vortrag über sprachsensiblen Unterricht

  • Dr. Christine Bickes erläutert anhand eines Beispiels die Charakteristika von Fachsprache

    Dr. Christine Bickes erläutert anhand eines Beispiels die Charakteristika von Fachsprache

  • Teilnehmende der Reihe »mittwochs um vier« beim Vortrag zu sprachsensiblem Unterricht

    Teilnehmende der Reihe »mittwochs um vier« beim Vortrag zu sprachsensiblem Unterricht

  • Material zum Thema sprachsensibler Unterricht

    Material zum Thema sprachsensibler Unterricht

  • Prof. Dr. Rolf Pohl referiert über den aktuellen Rechtspopulismus

    Prof. Dr. Rolf Pohl referiert über den aktuellen Rechtspopulismus

  • Prof. Dr. Rolf Pohl

    Prof. Dr. Rolf Pohl

  • Teilnehmende der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

    Teilnehmende der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

  • Dr. Rafael Ugarte Chacóns Vortrag ist gut besucht

    Dr. Rafael Ugarte Chacóns Vortrag ist gut besucht

  • Teilnehmerinnen verfolgen Dr. Rafael Ugarte Chacóns Ausführungen

    Teilnehmerinnen verfolgen Dr. Rafael Ugarte Chacóns Ausführungen

  • Vor dem Hauptbeitrag stellt Marie Hoch die Blockveranstaltungen der LeibnizWerkstatt vor

    Vor dem Hauptbeitrag stellt Marie Hoch die Blockveranstaltungen der LeibnizWerkstatt vor

  • Dr. Rafael Ugarte Chacón und Radhika Natarajan bei der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

    Dr. Rafael Ugarte Chacón und Radhika Natarajan bei der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

  • Dr. Alexis Feldmeier García von der Universität Münster begrüßt die Anwesenden zu seinem Vortrag über Alphabetisierung

    Dr. Alexis Feldmeier García von der Universität Münster begrüßt die Anwesenden zu seinem Vortrag über Alphabetisierung

  • Ein Teilnehmer informiert sich über die Angebote der LeibnizWerkstatt

    Ein Teilnehmer informiert sich über die Angebote der LeibnizWerkstatt

  • Dr. Alexis Feldmeier García erläutert funktionalen Analphabetismus

    Dr. Alexis Feldmeier García erläutert funktionalen Analphabetismus

  • Teilnehmende der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

    Teilnehmende der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

  • Siham Schotemeier stellt den Teilnehmenden der Vortragsreihe »mittwochs um vier« das Projekt LeibnizWerkstatt vor

    Siham Schotemeier stellt den Teilnehmenden der Vortragsreihe »mittwochs um vier« das Projekt LeibnizWerkstatt vor

  • Ketevan Zhorzholiani stellt im Rahmen der Vortragsreihe »mittwochs um vier« ihr Angebot Werkstatt Plus vor

    Ketevan Zhorzholiani stellt im Rahmen der Vortragsreihe »mittwochs um vier« ihr Angebot Werkstatt Plus vor

  • Tina Krohn fasst für die Anwesenden den Vortrag der vergangenen Woche zusammen

    Tina Krohn fasst für die Anwesenden den Vortrag der vergangenen Woche zusammen

  • Radhika Natarajan beim Vortrag zu ehrenamtlichem Engagement von Zwangsmigrierten im Rahmen der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

    Radhika Natarajan beim Vortrag zu ehrenamtlichem Engagement von Zwangsmigrierten im Rahmen der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

Abstracts

25.10.2017 Vererbtes Engagement - Radhika Natarajan

Vererbtes Engagement: Facettenreiche, gesellschaftliche Teilhabe von Zwangsmigrierten
Radhika Natarajan (LeibnizWerkstatt)

Menschen, deren wichtigste und unumkehrbare Lebensentscheidung darin liegt, Flucht in ein sicheres Land zu ergreifen, entkommen zwar der unmittelbaren Gewaltdrohung. Sie gelangen jedoch zu einer Jahr(zehnt)e anhaltenden, provisorischen Alltagsgestaltung im neuen Land sowie oft vereitelten Rückkehrhoffnung. Der Gewalt knapp entronnen können sie meist nicht umhin, sich um die Zukunftsgestaltung ihres als eigen angesehenen Landes zu sorgen. Im fortwährenden Interesse an den politischen und gesellschaftlichen Geschehnissen des einstigen Herkunftslandes zeigt sich u.a. diese Sorge auf. Die Auseinandersetzung beschränkt sich nicht nur auf die unmittelbar Entflohenen, sondern bildet einen Teil der Familiengeschichte, sei es der ausgesprochene oder verschwiegene Teil. Im Laufe dieses doch zur quasi Dauerhaftigkeit mutierenden Flüchtlingsdaseins bzw. Exils wird diese Beschäftigung auch intergenerational tradiert und weitergegeben.

Der Vortrag geht zum einen auf die Teilhabe an Bildung ein, die antizipatorisch auf sozialen Aufstieg zielt. Zum zweiten wird eine Teilhabe an der körperlichen wie seelischen Unversehrtheit beschrieben, die in der hiesigen Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit und für Entflohene jedoch ein besonders hohes Gut darstellt. Zum letzten wird eine mehrfache Teilhabe aufgezeigt, die sich ausdrücklich politisch gestaltet, Grenzen übergreifend geschieht und sich dabei der medialen wie mehrsprachigen Ressourcen bedient. Bei allen drei hier kurz angerissenen Varianten wird eine Verbindung zwischen der (un-)mittelbaren Erfahrung der Zwangsmigration sowie den daraus entstehenden Verpflichtungen gegenüber der eigenen Community hergestellt, die zu einer Reihe von Unternehmungen und Unterlassungen führt.

Zur Person

Radhika Natarajan ist für die Konzeption und Umsetzung des Projekts LeibnizWerkstatt zuständig. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind lebensweltliche wie migrationsbedingte Mehrsprachigkeit, sprachbezogene Alltagsbewältigung und im Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache.

01.11.2017 Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache - Dr. Alexis Feldmeier García

Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache
Dr. Alexis Feldmeier García (Westfälische Wilhelms-Universität Münster)

Im Vortrag werden grundlegende Überlegungen zur Förderung schriftsprachlicher Kompetenzen neu zugewanderter Lernenden besprochen. Es wird auf die Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen eingegangen. Ein kurzer Einblick in methodische Zugänge zur Schrift wird gegeben und anhand Lehrwerksbeispiele veranschaulicht.

Zur Person

Dr. Alexis Feldmeier García studierte und promovierte im Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Bielefeld. Seit 2011 ist er an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in der Deutschlehrerausbildung (Sprachdidaktik) tätig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Didaktik zur Alphabetisierung von Menschen mit Migrationshintergrund und in der Förderung von Lernendenautonomie.

08.11.2017 Theater für Gehörlose und Hörende - Dr. Rafael Ugarte Chacón

Ästhetiken des Zugangs - Theater für Gehörlose und Hörende
Dr. Rafael Ugarte Chacón (Institut für Philosophie)

Wie gestaltet man ein Theater, das die körperlichen und kulturellen Unterschiede zwischen Gehörlosen und Hörenden berücksichtigt? Wie wird dabei mit Verständigungsschwierigkeiten umgegangen? Und welche Machtgefälle und Diskriminierungsstrukturen bestehen? Anhand mehrerer Beispiele werden Grenzen und Potentiale interkultureller Aufführungen für Gehörlose und Hörende mit und ohne Migrationshintergrund diskutiert.

Zur Person
Dr. Rafael Ugarte Chacón ist Koordinator des philosophischen Graduiertenkollegs "Integrating Ethics and Epistemology of Scientific Research" (Leibniz Universität Hannover/Universität Bielefeld). Er promovierte am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin über Theateraufführungen, die sich gleichermaßen an Gehörlose und Hörende richten. Daneben arbeitete er als Regieassistent und Dramaturg in Theaterprojekten mit gehörlosen, schwerhörigen, hörenden und mehrfachbehinderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit und ohne Migrationshintergrund.

15.11.2017 Zur Sozialpsychologie des aktuellen Rechtspopulismus - Prof. Dr. Rolf Pohl

Was heißt »postfaktisches Zeitalter«? Zur Sozialpsychologie des aktuellen Rechtspopulismus
Prof. Dr. Rolf Pohl (AG Politische Psychologie)

Populismus entsteht nicht aus dem Nichts, sondern immer im Gefolge ökonomischer Krisen, gesellschaftlicher Umbrüche und von Krisen der repräsentativen Demokratie. Er ist als Massenbewegung von der denunziatorischen Ablehnung von Eliten und Institutionen, einem Anti-Intellektualismus, von verschwörungstheoretischem Denken sowie einer aggressiven Polarisierung und Personalisierung geprägt, die sich vor allem auf den »gesunden Menschenverstand« (common sense) beruft. Damit geht eine starre Betonung des Gegensatzes von einfachem, »reinem« Volk und »korrupter« Elite einher. Wie entstehen solche ressentimentgeleiteten Massenbewegungen, was macht Menschen immer wieder anfällig für populistische Rhetorik und welche Rolle spielt dabei eine gezielte Propaganda, die beispielsweise von der AfD zunehmend selbst als »völkisch« ausgegeben wird? Diesen Fragen wird der Vortrag vor allem aus einer massenpsychologischen Sicht nachgehen.

Zur Person

Prof. Dr. Rolf Pohl war Professor für Sozialpsychologie am Institut für Soziologie an der Leibniz Universität Hannover und befindet sich jetzt im Ruhestand. Er ist außerdem einer der Gründer und Koordinator_innen der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören im Bereich der Politischen Psychologie die Themen NS-Täter, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sowie im Bereich der Geschlechterforschung die Themen Männlichkeit, sexuelle Gewalt und männliche Adoleszenz.

22.11.2017 Die Bedeutung sprachsensiblen Unterrichts - Dr. Christine Bickes

Sprachliche Hürden im deutschen Schulsystem - die Bedeutung sprachsensiblen Unterrichts
Dr. Christine Bickes (Deutsches Seminar)

Ergebnisse aus internationalen Schulleistungsstudien wie PISA deuten darauf hin, dass Schüler_innen mit Zuwanderungsgeschichte und/oder aus bildungsfernen Familien im deutschen Schulsystem be­nach­teiligt sind. Ein wichtiger Grund dafür scheint zu sein, dass sie in geringerem Maß über das in der Schule geforderte Register der Fach- und Bildungssprache verfügen. Dieses Register im Unterricht durch ›leichte‹ Sprache zu ersetzen, ist keine Option, denn es ist untrennbar mit Begriffsbildung und der Konstruktion von Wissen verbunden. Darüber hinaus ermöglicht es den Austausch komplexer In­formationen und dient der interdisziplinären Kommunikation zwischen Wissenschaftler_innen. Will man Schüler_innen beim Erwerb von Fach- und Bildungssprache unterstützen, empfiehlt es sich, das Thema Sprachförderung nicht allein Sache des Sprachunterrichts sein zu lassen. Vielmehr sollten in allen Fächern grundsätzlich sowohl die fachlichen als auch die sprachlichen Anforderungen berück­sichtigt werden.

Zur Person

Dr. Christine Bickes ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Seminar der Leibniz Universität Han­nover. Ihre Hauptarbeitsgebiete sind: Sprachwissenschaft, Sprachvergleich, fe­mi­nistische Sprach­kritik, Deutsch als Fremd-, Zweit- und Bil­dungssprache, sprachsensibler Un­terricht. Seit 2014 hat sie im Rahmen des Projekts Umbrüche gestalten (einem Projekt von neun lehramts­ausbildenden niedersäch­sischen Hochschulen) an der Konzeption eines Qualifizierungsan­ge­bots im Bereich Sprach­förderung und Deutsch als Zweitsprache mitgewirkt. Ziel war es, Grundlagen für einen sprachsensiblen Unterricht in heterogenen Klassen für alle Fächerverbindungen zu erarbeiten.

29.11.2017 Migration und Gedächtnis - PD Dr. Gerd Sebald

Migration und Gedächtnis. Überlegungen auf der Basis von Alfred Schütz’ »Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch«
PD Dr. Gerd Sebald (Universität Erlangen-Nürnberg)

Einer der klassischen Texte der Migrationssoziologie ist »Der Fremde« von Alfred Schütz. Schütz ist selbst 1938/39 mit seiner Familie in die USA emigriert und analysiert in dem Text die Erfahrung eines Neuankömmlings. In dem Vortrag wird Herr Dr. Gerd Sebald anhand dieses Textes Gedächtnisleistungen und -formen im Migrationsprozess herausarbeiten und auf einige Lücken in Schütz' Analyse hinweisen, die anhand aktueller Studien gefüllt werden sollen.

Zur Person

PD Dr. Gerd Sebald arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Erlangen. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Wissenssoziologie, Mediensoziologie und soziale Gedächtnisse. Er ist Redakteur und Herausgeber in der Edition der Alfred Schütz Werkausgabe.

05.12.2017 Das Recht der Entrechteten - Prof. Dr. Peter Schneck

Das Recht der Entrechteten: Literatur und die Erfindung der Menschenrechte
Prof. Dr. Peter Schneck (Universität Osnabrück)

Die Vorstellung, dass alle Menschen die gleichen grundlegenden und natürlichen Rechte haben, ist weit verbreitet, doch selbstverständlich ist sie deshalb keineswegs. Woher aber kommt dann diese Vorstellung und, noch mehr, das Wissen um tatsächlich existierende rechtliche Bedingungen und Möglichkeiten, diese Rechte einzufordern und wahrzunehmen? Die Geschichte und die Gegenwart der Menschenrechte ist ohne die Herausbildung eines individuellen und kollektiven Rechtsbewusstseins nicht vorstellbar - und an dieser Form Menschenrechtsbildung kann Literatur ein besonderer Anteil zugesprochen werden. Dabei lässt sich die mögliche Wirkung literarischer Werke nicht allein auf die Erzeugung von Mitleid und Einfühlung in den Anderen beschränken; Literatur hat nicht nur affektive und emotionale Funktionen in der Menschenrechtsbildung, sondern eröffnet auch Möglichkeiten der Kritik, der Verhandlung und der Reflexion.

Zur Person
Prof. Dr. Peter Schneck ist Professor für Amerikanistik an der Universität Osnabrück. Seine Forschungsschwerpunkte sind Recht und Literatur, das Verhältnis von Eigentum und Kultur sowie die Untersuchung von Erzählformen als Wissensformen. Seit 2009 leitet er das Osnabrück Summer Institute for the Cultural Study of the Law (OSI).

13.12.2017 Community Interpreting in Deutschland

Community Interpreting in Deutschland: eine Lehre aus der Gastarbeiter_innenmigration
Dr. (des.) Marta Estévez Grossi (Romanisches Seminar)

Mit der Unterzeichnung von verschiedenen Anwerbeabkommen mit unterschiedlichen Mittelmeerländern ab dem Jahr 1955 konstituierte sich die BRD de facto als ein Einwanderungsland. Trotz der großen Anzahl von Arbeitsmigrant_innen, die in den nächsten Jahrzehnten nach der BRD kamen, bekannte sich die BRD erst 2000 offiziell als solche. Das erste Zuwanderungsgesetz mit Maßnahmen für die (sprachliche) Integration der Migrant_innen wurde 2005 eingeführt. Diese Maßnahmen sind allerdings stark auf den Spracherwerb der deutschen Sprache fokussiert. Die Tatsache, dass es Personen geben kann, die der deutschen Sprache (noch) nicht mächtig und (vielleicht auf Dauer) auf Sprachmittlung angewiesen sind, wird ausgeblendet. Die Nichtbeteiligung des Aufnahmestaates an der Organisation von Dolmetschdienstleistungen im sozialen Bereich kann allerdings verschiedenen Risiken mit sich bringen.

In diesem Vortrag möchte Frau Grossi auf die sprachliche Situation der Gastarbeiter_innen in der BRD, mit besonderer Berücksichtigung ihres Sprachmittlungsbedarfs, eingehen. Dafür wird exemplarisch die galicische Arbeitsmigration in der Stadt Hannover aus sprachwissenschaftlicher Sicht vorgestellt und ihre sprachmittlerischen Praktiken anhand eines dolmetschwissenschaftlichen Ansatzes erläutert. Die Migrationslinguistik, als Teildisziplin der angewandten Sprachwissenschaft, und das Community Interpreting, als Teildisziplin der Dolmetschwissenschaft und Translatologie, bilden die theoretischen Grundlagen der Analyse.

Obwohl die BRD sich bekanntlich nicht an der Organisation von Sprachmittlungsdiensten beteiligte, wurde dieser sprachmittlerische Bedarf sowohl von den Migrant_innen selbst als auch von einer Reihe von spanischen Institutionen gedeckt. Diese Institutionen, die mit der expliziten Unterstützung des spanischen Regimes Francos agierten, sollten allerdings nicht nur die Migrant_innen in der Migration unterstützen, sondern sie auch ideologisch beeinflussen und überwachen.

Zur Person

Marta Estévez Grossi war nach ihrem übersetzungswissenschaftlichen Studium an der Universität Vigo, Spanien, zunächst als Lektorin für Galicisch an der Freien Universität Berlin tätig. Anschließend war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Stiftung Universität Hildesheim, wo sie 2017 zum Thema »Die galicische Arbeitsmigration in Hannover: Akkulturationsstrategien und Community Interpreting« promovierte. Aktuell ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Romanischen Seminar der Leibniz Universität Hannover und zudem Dozentin bei der jährlichen Schulung für Interkulturelle Dolmetscher_innen der Stadt Braunschweig.

20.12.2017 Überlegungen zur sog. Migrationsliteratur - Prof. Dr. Eva-Maria Thüne

Sprachwandelnde: Überlegungen zur sogenannten Migrationsliteratur
Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien)

Die stete Zunahme von Texten mehrsprachiger Autor_innen gehört zu den innovativen Tendenzen der deutschen Gegenwartsliteratur. Hierfür hat sich der Begriff Migrationsliteratur eingebürgert. Zur Problematik des Begriffs gehört, dass er sich vor allem auf die erste Generation von Migrant_innen bezieht und ein Ankommen von außen meint. Das trifft für spätere Generationen nicht mehr zu. Autor_innen verschiedener Generationen machen sprachlich-kulturelle Divergenzen und Kontraste produktiv, wobei das Dynamische und Prozesshafte von Sprachgebrauch und -reflexion an verschiedenen Texten mit verschiedenen sprachlichen Verfahren gezeigt wird. Thematisch geht es u.a. um translokale Biographien, Mehrsprachigkeit und neue Perspektivierungen.

Zur Person

Prof. Dr. Eva-Maria Thüne ist Professorin für Deutsche Sprache und Sprachwissenschaft an der Universität Bologna, Italien. Ihre Forschungsinteressen sind Deutsch als Fremdsprache, Soziolinguistik, Gesprächsanalyse und Literatursprache. In ihrem kürzlich gemeinsam mit Simona Leonardi und Anne Betten herausgegebenen Band »Emotionsausdruck und Erzählstrategien in narrativen Interviews. Analysen zu Gesprächsaufnahmen mit jüdischen Migranten.« setzt sie sich mit dem Tod der Eltern im Israel-Korpus auseinander.

10.01.2018 Mythen der Mehrsprachigkeit - Prof. Dr. John Peterson

Mehrsprachigkeit als Hindernis? Mehrsprachigkeit als Ressource!
Mythen vs. Fakten zum Thema »Sprache und Migration«

Prof. Dr. John Peterson (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)

Um kaum ein anderes Thema ranken sich so viele Mythen wie um die Mehrsprachigkeit, d.h. um das Beherrschen zweier oder mehrerer Sprachen. Da aber das Thema Sprache und Migration – und damit auch Mehrsprachigkeit – inzwischen eine zentrale Rolle in der Diskussion um die Integration hier lebender Menschen mit Migrationshintergrund spielt, ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihm zwingend notwendig geworden: Unser Verständnis der Mehrsprachigkeit bildet die Basis für alle bildungspolitischen Entscheidungen zu diesem Thema, Entscheidungen, die oft weitreichende Folgen haben.

In seinem Vortrag setzt sich Herr Peterson mit einigen dieser Mythen auseinander wie etwa »doppelter Halbsprachigkeit« oder angeblichen »Sprachen ohne Grammatik« und zeigt, warum uns »der gesunde Menschenverstand« oft zu Schlussfolgerungen führt, die aus wissenschaftlicher Sicht unhaltbar und mitunter sogar schädlich sind. Schließlich zeigt er ein Beispiel dafür, wie man Mehrsprachigkeit auch im Klassenzimmer nicht als Hindernis, sondern als Ressource einsetzen kann, um Schülerinnen und Schüler – sowohl mehrsprachige als auch einsprachige – zu motivieren und sprachliche Strukturen zu erläutern.

Zur Person

Prof. Dr. John Peterson ist Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seine Hauptforschungsgebiete sind vor allem Mehrsprachigkeit, Sprachkontaktphänomene sowie die Erforschung der Sprachen Indiens aus verschiedenen Sprachfamilien, die seit Jahrtausenden miteinander in engem Kontakt stehen.

11.01.2018 Solidarische Bildung weitergedacht - Prof. Dr. Paul Mecheril

Solidarische Bildung weitergedacht. Migrationspädagogische Überlegungen
Prof. Dr. Paul Mecheril (Center for Migration, Education and Cultural Studies, Universität Oldenburg)

»Migration« ist ein grundlegendes Kennzeichen der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die mit Migrationsphänomenen einhergehenden Wandlungsprozesse betreffen hierbei nicht allein spezifische gesellschaftliche Bereiche, sondern vielmehr Strukturen und Prozesse der Gesellschaft im Ganzen. Problembeschreibungen sind hierbei charakteristisch für das Verhältnis von Pädagogik und Migration. In seinem Vortrag möchte Herr Prof. Mecheril zunächst diese Herausforderung genauer skizzieren und anschließend den Ansatz der Migrationspädagogik vorstellen. Migrationspädagogik kann als Einladung zu einer Praxis des Denkens, Sprechens und Handelns verstanden werden, die versucht, Dominanzverhältnisse der Migrationsgesellschaft zu erkennen und Bedingungen zu erkennen, die es möglich machen, dass weniger Dominanz erforderlich ist. Die Frage, was es wohl hieße in der Migrationsgesellschaft gebildet zu sein, steht im Mittelpunkt seines Vortrags. 

Zur Person

Prof. Dr. Paul Mecheril lehrt am Institut für Pädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und ist Direktor des Center for Migration, Education and Cultural Studies. An der Universität Münster promovierte er in Psychologie, an der Universität Bielefeld habilitierte er sich im Fach Erziehungswissenschaft. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem Verhältnis von Zugehörigkeitsordnungen und Bildung. 

Achtung: Der Vortrag findet am Donnerstag statt!

17.01.2018 Ethnizität als reale Fiktion - PD Dr. Nina Clara Tiesler

Ethnizität als reale Fiktion – Diskursive Konstruktionen mit gesellschaftlicher Wirkungsmacht
PD Dr. Nina Clara Tiesler (Institut für Soziologie)

Die Wortschöpfung »ethnische Konflikte« kolportiert, dass Ethnizität Gewalt produzieren würde. Spätestens seit der fundierten Analyse des Bosnien Konflikts wissen wir, dass es sich andersherum verhält: Hier produzierte die Erfahrung von Gewalt Ethnizität. Was also ist Ethnizität? In der diskursiven Konstruktion gesellschaftlicher Gruppierungen und Großgruppen werden  Herrschaftsverhältnisse und Etablierten-Außenseiter-Konfigurationen sichtbar. Gerade die prominenteste Form von Identitätspolitik, nämlich Ethnizität, organisiert dabei - wie auch immer definierte - »kulturelle« Unterschiede in Mustern sozialer Ungleichheit. Während die Entstehung und wechselnde Formen von Ethnizität gesellschaftlich konstruiert, situativ und historischen Zufällen unterworfen sind, haben ethnisierende Identitätspolitiken doch eine objektive Wirkungsmacht - und können im Alltagsbewusstsein in Zeiten von Traditionsverlust die Funktion einer Sinnplombe erfüllen.

Zur Person

PD Dr. Nina Clara Tiesler promovierte in Religionswissenschaft über Muslim_innen in Europa und Identitätspolitik (Hannover 2004) und war im Anschluss daran zehn Jahre am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lissabon in der empirischen (Feld-)Forschung tätig. Seit 2013 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Soziologische Theorie an der Leibniz Universität Hannover und habilitierte sich 2015 in der Soziologie und Kulturanthropologie mit einer Arbeit über die Entstehung von Ethnizität.

24.01.2018 Metaphern in der Migration

Metaphern in der Migration: Analyse narrativer Interviews mit deutschsprachigen Emigrant_innen aus Nazi-Deutschland
Prof. Dr. Simona Leonardi (Universität Neapel)

Die Grundlage des Vortrags bilden narrative Interviews mit jüdischen Emigrant_innen aus deutschsprachigen Gebieten Europas, die meistens in den 1930er Jahren nach Palästina auswanderten. Es wird der Frage nachgegangen, wie die mit der Erfahrung der Migration zusammenhängenden Erlebnisse der Bindungen bzw. der Brüche in der eigenen Lebensgeschichte und die damit verbundene Frage nach der Identität häufig durch metaphorische Formulierungen zum Ausdruck gebracht werden. Eine Metaphernanalyse soll dabei helfen, auf verschiedene Facetten der narrativen Identitätskonstruktion zu fokussieren, Facetten, die in den Interviews nicht immer bewusst gesteuert werden. Darüber hinaus soll untersucht werden, inwieweit Metaphern für die Kodierung emotional beladener Äußerungen verwendet werden, d.h. wie sie zum Emotionspotential der Texte beitragen.
Zur Person

Prof. Dr. Simona Leonardi studierte Germanistik und Anglistik in Pisa, Saarbrücken und Marburg; Promotion in Germanischer Philologie, Florenz 2000. Seit 2002 ist sie Professorin für Germanische Philologie an der Universität Federico II, Neapel. Neben Historischer Semantik und Pragmatik sind ihre Forschungsschwerpunkte Metaphernanalyse und Gesprächsanalyse, v.a. in den mündlichen Erzählungen aus Bettens Interviewkorpus »Emigrantendeutsch in Israel«. 2016 ist der von Anne Betten, Eva-Maria Thüne und ihr herausgegebene Sammelband  »Emotionsausdruck und Erzählstrategien in narrativen Interviews« erschienen, dessen Beiträge sich auf dieses Korpus beziehen.

25.10.2017 Vererbtes Engagement - Radhika Natarajan

Vererbtes Engagement: Facettenreiche, gesellschaftliche Teilhabe von Zwangsmigrierten
Radhika Natarajan (LeibnizWerkstatt)

Menschen, deren wichtigste und unumkehrbare Lebensentscheidung darin liegt, Flucht in ein sicheres Land zu ergreifen, entkommen zwar der unmittelbaren Gewaltdrohung. Sie gelangen jedoch zu einer Jahr(zehnt)e anhaltenden, provisorischen Alltagsgestaltung im neuen Land sowie oft vereitelten Rückkehrhoffnung. Der Gewalt knapp entronnen können sie meist nicht umhin, sich um die Zukunftsgestaltung ihres als eigen angesehenen Landes zu sorgen. Im fortwährenden Interesse an den politischen und gesellschaftlichen Geschehnissen des einstigen Herkunftslandes zeigt sich u.a. diese Sorge auf. Die Auseinandersetzung beschränkt sich nicht nur auf die unmittelbar Entflohenen, sondern bildet einen Teil der Familiengeschichte, sei es der ausgesprochene oder verschwiegene Teil. Im Laufe dieses doch zur quasi Dauerhaftigkeit mutierenden Flüchtlingsdaseins bzw. Exils wird diese Beschäftigung auch intergenerational tradiert und weitergegeben.

Der Vortrag geht zum einen auf die Teilhabe an Bildung ein, die antizipatorisch auf sozialen Aufstieg zielt. Zum zweiten wird eine Teilhabe an der körperlichen wie seelischen Unversehrtheit beschrieben, die in der hiesigen Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit und für Entflohene jedoch ein besonders hohes Gut darstellt. Zum letzten wird eine mehrfache Teilhabe aufgezeigt, die sich ausdrücklich politisch gestaltet, Grenzen übergreifend geschieht und sich dabei der medialen wie mehrsprachigen Ressourcen bedient. Bei allen drei hier kurz angerissenen Varianten wird eine Verbindung zwischen der (un-)mittelbaren Erfahrung der Zwangsmigration sowie den daraus entstehenden Verpflichtungen gegenüber der eigenen Community hergestellt, die zu einer Reihe von Unternehmungen und Unterlassungen führt.

Zur Person

Radhika Natarajan ist für die Konzeption und Umsetzung des Projekts LeibnizWerkstatt zuständig. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind lebensweltliche wie migrationsbedingte Mehrsprachigkeit, sprachbezogene Alltagsbewältigung und im Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache.

01.11.2017 Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache - Dr. Alexis Feldmeier García

Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache
Dr. Alexis Feldmeier García (Westfälische Wilhelms-Universität Münster)

Im Vortrag werden grundlegende Überlegungen zur Förderung schriftsprachlicher Kompetenzen neu zugewanderter Lernenden besprochen. Es wird auf die Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen eingegangen. Ein kurzer Einblick in methodische Zugänge zur Schrift wird gegeben und anhand Lehrwerksbeispiele veranschaulicht.

Zur Person

Dr. Alexis Feldmeier García studierte und promovierte im Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Bielefeld. Seit 2011 ist er an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in der Deutschlehrerausbildung (Sprachdidaktik) tätig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Didaktik zur Alphabetisierung von Menschen mit Migrationshintergrund und in der Förderung von Lernendenautonomie.

08.11.2017 Theater für Gehörlose und Hörende - Dr. Rafael Ugarte Chacón

Ästhetiken des Zugangs - Theater für Gehörlose und Hörende
Dr. Rafael Ugarte Chacón (Institut für Philosophie)

Wie gestaltet man ein Theater, das die körperlichen und kulturellen Unterschiede zwischen Gehörlosen und Hörenden berücksichtigt? Wie wird dabei mit Verständigungsschwierigkeiten umgegangen? Und welche Machtgefälle und Diskriminierungsstrukturen bestehen? Anhand mehrerer Beispiele werden Grenzen und Potentiale interkultureller Aufführungen für Gehörlose und Hörende mit und ohne Migrationshintergrund diskutiert.

Zur Person
Dr. Rafael Ugarte Chacón ist Koordinator des philosophischen Graduiertenkollegs "Integrating Ethics and Epistemology of Scientific Research" (Leibniz Universität Hannover/Universität Bielefeld). Er promovierte am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin über Theateraufführungen, die sich gleichermaßen an Gehörlose und Hörende richten. Daneben arbeitete er als Regieassistent und Dramaturg in Theaterprojekten mit gehörlosen, schwerhörigen, hörenden und mehrfachbehinderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit und ohne Migrationshintergrund.

15.11.2017 Zur Sozialpsychologie des aktuellen Rechtspopulismus - Prof. Dr. Rolf Pohl

Was heißt »postfaktisches Zeitalter«? Zur Sozialpsychologie des aktuellen Rechtspopulismus
Prof. Dr. Rolf Pohl (AG Politische Psychologie)

Populismus entsteht nicht aus dem Nichts, sondern immer im Gefolge ökonomischer Krisen, gesellschaftlicher Umbrüche und von Krisen der repräsentativen Demokratie. Er ist als Massenbewegung von der denunziatorischen Ablehnung von Eliten und Institutionen, einem Anti-Intellektualismus, von verschwörungstheoretischem Denken sowie einer aggressiven Polarisierung und Personalisierung geprägt, die sich vor allem auf den »gesunden Menschenverstand« (common sense) beruft. Damit geht eine starre Betonung des Gegensatzes von einfachem, »reinem« Volk und »korrupter« Elite einher. Wie entstehen solche ressentimentgeleiteten Massenbewegungen, was macht Menschen immer wieder anfällig für populistische Rhetorik und welche Rolle spielt dabei eine gezielte Propaganda, die beispielsweise von der AfD zunehmend selbst als »völkisch« ausgegeben wird? Diesen Fragen wird der Vortrag vor allem aus einer massenpsychologischen Sicht nachgehen.

Zur Person

Prof. Dr. Rolf Pohl war Professor für Sozialpsychologie am Institut für Soziologie an der Leibniz Universität Hannover und befindet sich jetzt im Ruhestand. Er ist außerdem einer der Gründer und Koordinator_innen der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören im Bereich der Politischen Psychologie die Themen NS-Täter, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sowie im Bereich der Geschlechterforschung die Themen Männlichkeit, sexuelle Gewalt und männliche Adoleszenz.

22.11.2017 Die Bedeutung sprachsensiblen Unterrichts - Dr. Christine Bickes

Sprachliche Hürden im deutschen Schulsystem - die Bedeutung sprachsensiblen Unterrichts
Dr. Christine Bickes (Deutsches Seminar)

Ergebnisse aus internationalen Schulleistungsstudien wie PISA deuten darauf hin, dass Schüler_innen mit Zuwanderungsgeschichte und/oder aus bildungsfernen Familien im deutschen Schulsystem be­nach­teiligt sind. Ein wichtiger Grund dafür scheint zu sein, dass sie in geringerem Maß über das in der Schule geforderte Register der Fach- und Bildungssprache verfügen. Dieses Register im Unterricht durch ›leichte‹ Sprache zu ersetzen, ist keine Option, denn es ist untrennbar mit Begriffsbildung und der Konstruktion von Wissen verbunden. Darüber hinaus ermöglicht es den Austausch komplexer In­formationen und dient der interdisziplinären Kommunikation zwischen Wissenschaftler_innen. Will man Schüler_innen beim Erwerb von Fach- und Bildungssprache unterstützen, empfiehlt es sich, das Thema Sprachförderung nicht allein Sache des Sprachunterrichts sein zu lassen. Vielmehr sollten in allen Fächern grundsätzlich sowohl die fachlichen als auch die sprachlichen Anforderungen berück­sichtigt werden.

Zur Person

Dr. Christine Bickes ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Seminar der Leibniz Universität Han­nover. Ihre Hauptarbeitsgebiete sind: Sprachwissenschaft, Sprachvergleich, fe­mi­nistische Sprach­kritik, Deutsch als Fremd-, Zweit- und Bil­dungssprache, sprachsensibler Un­terricht. Seit 2014 hat sie im Rahmen des Projekts Umbrüche gestalten (einem Projekt von neun lehramts­ausbildenden niedersäch­sischen Hochschulen) an der Konzeption eines Qualifizierungsan­ge­bots im Bereich Sprach­förderung und Deutsch als Zweitsprache mitgewirkt. Ziel war es, Grundlagen für einen sprachsensiblen Unterricht in heterogenen Klassen für alle Fächerverbindungen zu erarbeiten.

29.11.2017 Migration und Gedächtnis - PD Dr. Gerd Sebald

Migration und Gedächtnis. Überlegungen auf der Basis von Alfred Schütz’ »Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch«
PD Dr. Gerd Sebald (Universität Erlangen-Nürnberg)

Einer der klassischen Texte der Migrationssoziologie ist »Der Fremde« von Alfred Schütz. Schütz ist selbst 1938/39 mit seiner Familie in die USA emigriert und analysiert in dem Text die Erfahrung eines Neuankömmlings. In dem Vortrag wird Herr Dr. Gerd Sebald anhand dieses Textes Gedächtnisleistungen und -formen im Migrationsprozess herausarbeiten und auf einige Lücken in Schütz' Analyse hinweisen, die anhand aktueller Studien gefüllt werden sollen.

Zur Person

PD Dr. Gerd Sebald arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Erlangen. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Wissenssoziologie, Mediensoziologie und soziale Gedächtnisse. Er ist Redakteur und Herausgeber in der Edition der Alfred Schütz Werkausgabe.

05.12.2017 Das Recht der Entrechteten - Prof. Dr. Peter Schneck

Das Recht der Entrechteten: Literatur und die Erfindung der Menschenrechte
Prof. Dr. Peter Schneck (Universität Osnabrück)

Die Vorstellung, dass alle Menschen die gleichen grundlegenden und natürlichen Rechte haben, ist weit verbreitet, doch selbstverständlich ist sie deshalb keineswegs. Woher aber kommt dann diese Vorstellung und, noch mehr, das Wissen um tatsächlich existierende rechtliche Bedingungen und Möglichkeiten, diese Rechte einzufordern und wahrzunehmen? Die Geschichte und die Gegenwart der Menschenrechte ist ohne die Herausbildung eines individuellen und kollektiven Rechtsbewusstseins nicht vorstellbar - und an dieser Form Menschenrechtsbildung kann Literatur ein besonderer Anteil zugesprochen werden. Dabei lässt sich die mögliche Wirkung literarischer Werke nicht allein auf die Erzeugung von Mitleid und Einfühlung in den Anderen beschränken; Literatur hat nicht nur affektive und emotionale Funktionen in der Menschenrechtsbildung, sondern eröffnet auch Möglichkeiten der Kritik, der Verhandlung und der Reflexion.

Zur Person
Prof. Dr. Peter Schneck ist Professor für Amerikanistik an der Universität Osnabrück. Seine Forschungsschwerpunkte sind Recht und Literatur, das Verhältnis von Eigentum und Kultur sowie die Untersuchung von Erzählformen als Wissensformen. Seit 2009 leitet er das Osnabrück Summer Institute for the Cultural Study of the Law (OSI).

13.12.2017 Community Interpreting in Deutschland

Community Interpreting in Deutschland: eine Lehre aus der Gastarbeiter_innenmigration
Dr. (des.) Marta Estévez Grossi (Romanisches Seminar)

Mit der Unterzeichnung von verschiedenen Anwerbeabkommen mit unterschiedlichen Mittelmeerländern ab dem Jahr 1955 konstituierte sich die BRD de facto als ein Einwanderungsland. Trotz der großen Anzahl von Arbeitsmigrant_innen, die in den nächsten Jahrzehnten nach der BRD kamen, bekannte sich die BRD erst 2000 offiziell als solche. Das erste Zuwanderungsgesetz mit Maßnahmen für die (sprachliche) Integration der Migrant_innen wurde 2005 eingeführt. Diese Maßnahmen sind allerdings stark auf den Spracherwerb der deutschen Sprache fokussiert. Die Tatsache, dass es Personen geben kann, die der deutschen Sprache (noch) nicht mächtig und (vielleicht auf Dauer) auf Sprachmittlung angewiesen sind, wird ausgeblendet. Die Nichtbeteiligung des Aufnahmestaates an der Organisation von Dolmetschdienstleistungen im sozialen Bereich kann allerdings verschiedenen Risiken mit sich bringen.

In diesem Vortrag möchte Frau Grossi auf die sprachliche Situation der Gastarbeiter_innen in der BRD, mit besonderer Berücksichtigung ihres Sprachmittlungsbedarfs, eingehen. Dafür wird exemplarisch die galicische Arbeitsmigration in der Stadt Hannover aus sprachwissenschaftlicher Sicht vorgestellt und ihre sprachmittlerischen Praktiken anhand eines dolmetschwissenschaftlichen Ansatzes erläutert. Die Migrationslinguistik, als Teildisziplin der angewandten Sprachwissenschaft, und das Community Interpreting, als Teildisziplin der Dolmetschwissenschaft und Translatologie, bilden die theoretischen Grundlagen der Analyse.

Obwohl die BRD sich bekanntlich nicht an der Organisation von Sprachmittlungsdiensten beteiligte, wurde dieser sprachmittlerische Bedarf sowohl von den Migrant_innen selbst als auch von einer Reihe von spanischen Institutionen gedeckt. Diese Institutionen, die mit der expliziten Unterstützung des spanischen Regimes Francos agierten, sollten allerdings nicht nur die Migrant_innen in der Migration unterstützen, sondern sie auch ideologisch beeinflussen und überwachen.

Zur Person

Marta Estévez Grossi war nach ihrem übersetzungswissenschaftlichen Studium an der Universität Vigo, Spanien, zunächst als Lektorin für Galicisch an der Freien Universität Berlin tätig. Anschließend war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Stiftung Universität Hildesheim, wo sie 2017 zum Thema »Die galicische Arbeitsmigration in Hannover: Akkulturationsstrategien und Community Interpreting« promovierte. Aktuell ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Romanischen Seminar der Leibniz Universität Hannover und zudem Dozentin bei der jährlichen Schulung für Interkulturelle Dolmetscher_innen der Stadt Braunschweig.

20.12.2017 Überlegungen zur sog. Migrationsliteratur - Prof. Dr. Eva-Maria Thüne

Sprachwandelnde: Überlegungen zur sogenannten Migrationsliteratur
Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien)

Die stete Zunahme von Texten mehrsprachiger Autor_innen gehört zu den innovativen Tendenzen der deutschen Gegenwartsliteratur. Hierfür hat sich der Begriff Migrationsliteratur eingebürgert. Zur Problematik des Begriffs gehört, dass er sich vor allem auf die erste Generation von Migrant_innen bezieht und ein Ankommen von außen meint. Das trifft für spätere Generationen nicht mehr zu. Autor_innen verschiedener Generationen machen sprachlich-kulturelle Divergenzen und Kontraste produktiv, wobei das Dynamische und Prozesshafte von Sprachgebrauch und -reflexion an verschiedenen Texten mit verschiedenen sprachlichen Verfahren gezeigt wird. Thematisch geht es u.a. um translokale Biographien, Mehrsprachigkeit und neue Perspektivierungen.

Zur Person

Prof. Dr. Eva-Maria Thüne ist Professorin für Deutsche Sprache und Sprachwissenschaft an der Universität Bologna, Italien. Ihre Forschungsinteressen sind Deutsch als Fremdsprache, Soziolinguistik, Gesprächsanalyse und Literatursprache. In ihrem kürzlich gemeinsam mit Simona Leonardi und Anne Betten herausgegebenen Band »Emotionsausdruck und Erzählstrategien in narrativen Interviews. Analysen zu Gesprächsaufnahmen mit jüdischen Migranten.« setzt sie sich mit dem Tod der Eltern im Israel-Korpus auseinander.

10.01.2018 Mythen der Mehrsprachigkeit - Prof. Dr. John Peterson

Mehrsprachigkeit als Hindernis? Mehrsprachigkeit als Ressource!
Mythen vs. Fakten zum Thema »Sprache und Migration«

Prof. Dr. John Peterson (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)

Um kaum ein anderes Thema ranken sich so viele Mythen wie um die Mehrsprachigkeit, d.h. um das Beherrschen zweier oder mehrerer Sprachen. Da aber das Thema Sprache und Migration – und damit auch Mehrsprachigkeit – inzwischen eine zentrale Rolle in der Diskussion um die Integration hier lebender Menschen mit Migrationshintergrund spielt, ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihm zwingend notwendig geworden: Unser Verständnis der Mehrsprachigkeit bildet die Basis für alle bildungspolitischen Entscheidungen zu diesem Thema, Entscheidungen, die oft weitreichende Folgen haben.

In seinem Vortrag setzt sich Herr Peterson mit einigen dieser Mythen auseinander wie etwa »doppelter Halbsprachigkeit« oder angeblichen »Sprachen ohne Grammatik« und zeigt, warum uns »der gesunde Menschenverstand« oft zu Schlussfolgerungen führt, die aus wissenschaftlicher Sicht unhaltbar und mitunter sogar schädlich sind. Schließlich zeigt er ein Beispiel dafür, wie man Mehrsprachigkeit auch im Klassenzimmer nicht als Hindernis, sondern als Ressource einsetzen kann, um Schülerinnen und Schüler – sowohl mehrsprachige als auch einsprachige – zu motivieren und sprachliche Strukturen zu erläutern.

Zur Person

Prof. Dr. John Peterson ist Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seine Hauptforschungsgebiete sind vor allem Mehrsprachigkeit, Sprachkontaktphänomene sowie die Erforschung der Sprachen Indiens aus verschiedenen Sprachfamilien, die seit Jahrtausenden miteinander in engem Kontakt stehen.

11.01.2018 Solidarische Bildung weitergedacht - Prof. Dr. Paul Mecheril

Solidarische Bildung weitergedacht. Migrationspädagogische Überlegungen
Prof. Dr. Paul Mecheril (Center for Migration, Education and Cultural Studies, Universität Oldenburg)

»Migration« ist ein grundlegendes Kennzeichen der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die mit Migrationsphänomenen einhergehenden Wandlungsprozesse betreffen hierbei nicht allein spezifische gesellschaftliche Bereiche, sondern vielmehr Strukturen und Prozesse der Gesellschaft im Ganzen. Problembeschreibungen sind hierbei charakteristisch für das Verhältnis von Pädagogik und Migration. In seinem Vortrag möchte Herr Prof. Mecheril zunächst diese Herausforderung genauer skizzieren und anschließend den Ansatz der Migrationspädagogik vorstellen. Migrationspädagogik kann als Einladung zu einer Praxis des Denkens, Sprechens und Handelns verstanden werden, die versucht, Dominanzverhältnisse der Migrationsgesellschaft zu erkennen und Bedingungen zu erkennen, die es möglich machen, dass weniger Dominanz erforderlich ist. Die Frage, was es wohl hieße in der Migrationsgesellschaft gebildet zu sein, steht im Mittelpunkt seines Vortrags. 

Zur Person

Prof. Dr. Paul Mecheril lehrt am Institut für Pädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und ist Direktor des Center for Migration, Education and Cultural Studies. An der Universität Münster promovierte er in Psychologie, an der Universität Bielefeld habilitierte er sich im Fach Erziehungswissenschaft. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem Verhältnis von Zugehörigkeitsordnungen und Bildung. 

Achtung: Der Vortrag findet am Donnerstag statt!

17.01.2018 Ethnizität als reale Fiktion - PD Dr. Nina Clara Tiesler

Ethnizität als reale Fiktion – Diskursive Konstruktionen mit gesellschaftlicher Wirkungsmacht
PD Dr. Nina Clara Tiesler (Institut für Soziologie)

Die Wortschöpfung »ethnische Konflikte« kolportiert, dass Ethnizität Gewalt produzieren würde. Spätestens seit der fundierten Analyse des Bosnien Konflikts wissen wir, dass es sich andersherum verhält: Hier produzierte die Erfahrung von Gewalt Ethnizität. Was also ist Ethnizität? In der diskursiven Konstruktion gesellschaftlicher Gruppierungen und Großgruppen werden  Herrschaftsverhältnisse und Etablierten-Außenseiter-Konfigurationen sichtbar. Gerade die prominenteste Form von Identitätspolitik, nämlich Ethnizität, organisiert dabei - wie auch immer definierte - »kulturelle« Unterschiede in Mustern sozialer Ungleichheit. Während die Entstehung und wechselnde Formen von Ethnizität gesellschaftlich konstruiert, situativ und historischen Zufällen unterworfen sind, haben ethnisierende Identitätspolitiken doch eine objektive Wirkungsmacht - und können im Alltagsbewusstsein in Zeiten von Traditionsverlust die Funktion einer Sinnplombe erfüllen.

Zur Person

PD Dr. Nina Clara Tiesler promovierte in Religionswissenschaft über Muslim_innen in Europa und Identitätspolitik (Hannover 2004) und war im Anschluss daran zehn Jahre am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lissabon in der empirischen (Feld-)Forschung tätig. Seit 2013 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Soziologische Theorie an der Leibniz Universität Hannover und habilitierte sich 2015 in der Soziologie und Kulturanthropologie mit einer Arbeit über die Entstehung von Ethnizität.

24.01.2018 Metaphern in der Migration

Metaphern in der Migration: Analyse narrativer Interviews mit deutschsprachigen Emigrant_innen aus Nazi-Deutschland
Prof. Dr. Simona Leonardi (Universität Neapel)

Die Grundlage des Vortrags bilden narrative Interviews mit jüdischen Emigrant_innen aus deutschsprachigen Gebieten Europas, die meistens in den 1930er Jahren nach Palästina auswanderten. Es wird der Frage nachgegangen, wie die mit der Erfahrung der Migration zusammenhängenden Erlebnisse der Bindungen bzw. der Brüche in der eigenen Lebensgeschichte und die damit verbundene Frage nach der Identität häufig durch metaphorische Formulierungen zum Ausdruck gebracht werden. Eine Metaphernanalyse soll dabei helfen, auf verschiedene Facetten der narrativen Identitätskonstruktion zu fokussieren, Facetten, die in den Interviews nicht immer bewusst gesteuert werden. Darüber hinaus soll untersucht werden, inwieweit Metaphern für die Kodierung emotional beladener Äußerungen verwendet werden, d.h. wie sie zum Emotionspotential der Texte beitragen.
Zur Person

Prof. Dr. Simona Leonardi studierte Germanistik und Anglistik in Pisa, Saarbrücken und Marburg; Promotion in Germanischer Philologie, Florenz 2000. Seit 2002 ist sie Professorin für Germanische Philologie an der Universität Federico II, Neapel. Neben Historischer Semantik und Pragmatik sind ihre Forschungsschwerpunkte Metaphernanalyse und Gesprächsanalyse, v.a. in den mündlichen Erzählungen aus Bettens Interviewkorpus »Emigrantendeutsch in Israel«. 2016 ist der von Anne Betten, Eva-Maria Thüne und ihr herausgegebene Sammelband  »Emotionsausdruck und Erzählstrategien in narrativen Interviews« erschienen, dessen Beiträge sich auf dieses Korpus beziehen.