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Vortragsreihe zu Sprache, Migration und Vielfalt

Symbolbild für die Vortragsreihe »mittwochs um vier« im Sommersemester 2017

Kritische, historische und pädagogische Annäherungen

Auch im Sommersemester 2017 bot die Vortragsreihe »mittwochs um vier« wieder interessante und anregende Beiträge, wobei der Fokus diesmal insbesondere auf den Bereichen Sprache und Diversität lag.

Neben einer Vielzahl von Beiträgen zu diesen Bereichen, die unter anderem Sprachkontaktphänomene in Migrationskontexten, die Bedeutsamkeit von Erinnerungsgegenständen, studienvorbereitende Deutschkurse, Rassismus, ehrenamtliche Arbeit und Migrationspädagogik zum Thema hatten, standen wieder auch Vorträge zu psychosozialen und rechtlichen Aspekten. Der Beitrag zu Schreiben und Sprechen aus psychologischer Sicht schließlich verknüpfte die sprachliche mit der psychologischen Säule.

Im Sommersemester 2017 waren Referent_innen aus folgenden Institutionen beteiligt: Antidiskriminierungsstelle Hannover, Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie, Arbeitsstelle DiversitAS, Center for Migration, Education and Cultural Studies (Universität Oldenburg), Fachsprachenzentrum, Institut für Pädagogische Psychologie, Institut für Soziologie, Institut für Theologie und Religionswissenschaft, Leibniz School of Education, LeibnizWerkstatt, Psychologisch-Therapeutische Beratung für Studierende, Universität Bologna (Italien), Universität Zadar (Kroatien).

Auf dieser Seite finden Sie die Liste der Beitragenden, die Resümees sowie die Abstracts von allen Vorträgen. Die Abstracts sind zudem diesem Booklet und Informationen zu den einzelnen Vortragenden den Angaben zu Beitragenden zu entnehmen.

  • Flyer und Postkarten der LeibnizWerkstatt

    Flyer und Postkarten der LeibnizWerkstatt

  • Prof. Dr. Paul Mecheril referiert über solidarische Bildung in der globalen Gesellschaft

    Prof. Dr. Paul Mecheril referiert über solidarische Bildung in der globalen Gesellschaft

  • Radhika Natarajan stellt den Anwesenden Bücher von Prof. Dr. Paul Mecheril vor

    Radhika Natarajan stellt den Anwesenden Bücher von Prof. Dr. Paul Mecheril vor

  • Prof. Dr. Paul Mecheril bringt den Anwesenden das Thema Migrationspädagogik nahe

    Prof. Dr. Paul Mecheril bringt den Anwesenden das Thema Migrationspädagogik nahe

  • Radhika Natarajan und Prof. Dr. Paul Mecheril

    Radhika Natarajan und Prof. Dr. Paul Mecheril

  • Das Publikum verfolgt gespannt Prof. Dr. Paul Mecherils Ausführungen

    Das Publikum verfolgt gespannt Prof. Dr. Paul Mecherils Ausführungen

  • Prof. Dr. Julia Gillen referiert über berufliche Aus- und Weiterbildung

    Prof. Dr. Julia Gillen referiert über berufliche Aus- und Weiterbildung

  • Das Publikum verfolgt Prof. Dr. Julia Gillens Beitrag

    Das Publikum verfolgt Prof. Dr. Julia Gillens Beitrag

  • Prof. Dr. Julia Gillen erläutert das deutsche Bildungssystem

    Prof. Dr. Julia Gillen erläutert das deutsche Bildungssystem

  • Interessiertes Publikum beim Beitrag zu Traumafolgestörungen

    Interessiertes Publikum beim Beitrag zu Traumafolgestörungen

  • Christiane Maurer von der Psychologisch-Therapeutischen Beratung für Studierende beim Vortrag über Traumafolgestörungen

    Christiane Maurer von der Psychologisch-Therapeutischen Beratung für Studierende beim Vortrag über Traumafolgestörungen

  • Die Zuhörenden verfolgen aufmerksam Christiane Maurers Beitrag zu Traumafolgestörungen

    Die Zuhörenden verfolgen aufmerksam Christiane Maurers Beitrag zu Traumafolgestörungen

  • Das Publikum verfolgt konzentriert Prof. Dr. Joachim Grabowskis Vortrag zu Sprechen und Schreiben aus psychologischer Sicht

    Das Publikum verfolgt konzentriert Prof. Dr. Joachim Grabowskis Vortrag zu Sprechen und Schreiben aus psychologischer Sicht

  • Vernetzung vor Prof. Dr. Grabowskis Vortrag

    Vernetzung vor Prof. Dr. Grabowskis Vortrag

  • Prof. Dr. Joachim Grabowski erläutert Prozesse der Sprachproduktion

    Prof. Dr. Joachim Grabowski erläutert Prozesse der Sprachproduktion

  • Aufmerksame Teilnehmerinnen bei Prof. Dr. Joachim Grabowskis Vortrag zu Sprechen und Schreiben aus psychologischer Sicht

    Aufmerksame Teilnehmerinnen bei Prof. Dr. Joachim Grabowskis Vortrag zu Sprechen und Schreiben aus psychologischer Sicht

  • Vor Florian Grawans Vortrag zu Integration

    Vor Florian Grawans Vortrag zu Integration

  •  

  • Florian Grawan beim Vortrag über Integration

    Florian Grawan beim Vortrag über Integration

  • Radhika Natarajan zeigt den Anwesenden das in den Deutschkursen des Fachsprachenzentrums verwendete Lehrwerk

    Radhika Natarajan zeigt den Anwesenden das in den Deutschkursen des Fachsprachenzentrums verwendete Lehrwerk

  • Vernetzung vor dem Vortrag des Fachsprachenzentrums

    Vernetzung vor dem Vortrag des Fachsprachenzentrums

  • Das Publikum verfolgt den Vortrag von Mitarbeitenden des Fachsprachenzentrums zu studienvorbereitenden Deutschkursen

    Das Publikum verfolgt den Vortrag von Mitarbeitenden des Fachsprachenzentrums zu studienvorbereitenden Deutschkursen

  • Teilnehmende bei Dr. Ina Rusts Vortrag zu ehrenamtlicher Flüchtlingsarbeit

    Teilnehmende bei Dr. Ina Rusts Vortrag zu ehrenamtlicher Flüchtlingsarbeit

  • Ein Teilnehmer hält Dr. Ina Rusts Präsentation im Bild fest

    Ein Teilnehmer hält Dr. Ina Rusts Präsentation im Bild fest

  • Teilnehmerinnen betrachten die Präsentation von Dr. Ina Rust

    Teilnehmerinnen betrachten die Präsentation von Dr. Ina Rust

  • Teilnehmende bei Radhika Natarajans Vortrag

    Teilnehmende bei Radhika Natarajans Vortrag

  • Das Publikum verfolgt Radhika Natarajans Vortrag zu Flüchtlingsfrauen im Ehrenamt

    Das Publikum verfolgt Radhika Natarajans Vortrag zu Flüchtlingsfrauen im Ehrenamt

  • Radhika Natarajan referiert über Flüchtlingsfrauen

    Radhika Natarajan referiert über Flüchtlingsfrauen

  • Vor dem Vortrag zu religiöser Vielfalt im Unterricht

    Vor dem Vortrag zu religiöser Vielfalt im Unterricht

  • Teilnehmende vor dem Vortrag zu religiöser Diversität im Unterricht

    Teilnehmende vor dem Vortrag zu religiöser Diversität im Unterricht

  • Prof. Dr. Wanda Alberts informiert die Anwesenden zu religiöser Diversität in der Schule

    Prof. Dr. Wanda Alberts informiert die Anwesenden zu religiöser Diversität in der Schule

  • Teilnehmende beim Vortrag zur Sozialpsychologie des Rassismus

    Teilnehmende beim Vortrag zur Sozialpsychologie des Rassismus

  • Prof. Dr. Rolf Pohl über die Sozialpsychologie des Rassismus

    Prof. Dr. Rolf Pohl über die Sozialpsychologie des Rassismus

  • Diskussion nach dem Vortrag zu Diskriminierung

    Diskussion nach dem Vortrag zu Diskriminierung

  • Das Publikum verfolgt Peggy Zanders Vortrag über Diskriminierung

    Das Publikum verfolgt Peggy Zanders Vortrag über Diskriminierung

  • Radhika Natarajan stellt Peggy Zander von der Antidiskriminierungsstelle vor

    Radhika Natarajan stellt Peggy Zander von der Antidiskriminierungsstelle vor

  • Vernetzung vor dem Vortrag

    Vernetzung vor dem Vortrag

  • Das Publikum verfolgt gespannt Prof. Dr. Eva-Maria Thünes Vortrag zu Erinnerungsgegenständen

    Das Publikum verfolgt gespannt Prof. Dr. Eva-Maria Thünes Vortrag zu Erinnerungsgegenständen

  • Teilnehmende beim Vortrag von Prof. Dr. Eva-Maria Thüne

    Teilnehmende beim Vortrag von Prof. Dr. Eva-Maria Thüne

  • Prof. Dr. Eva-Maria Thüne referiert über Erinnerungsgegenstände

    Prof. Dr. Eva-Maria Thüne referiert über Erinnerungsgegenstände

  • Beim Vortrag über Intersektionalität wird ein Video vorgeführt

    Beim Vortrag über Intersektionalität wird ein Video vorgeführt

  • Dr. Catharina Peeck definiert Intersektionalität

    Dr. Catharina Peeck definiert Intersektionalität

  • Vernetzung vor dem Vortrag über Intersektionalität

    Vernetzung vor dem Vortrag über Intersektionalität

  • Zuhörende des Vortrags zu Migration und Sprachkontakt

    Zuhörende des Auftaktvortrags

  • Radhika Natarajan begrüßt die Anwesenden zur Vortragsreihe

    Radhika Natarajan begrüßt die Anwesenden zur Vortragsreihe

  • Prof. Dr. Hans Bickes stellt die Vortragende vor

    Prof. Dr. Hans Bickes stellt Prof. Dr. Marijana Kresić vor

  • Prof. Dr. Marijana Kresić referiert über Migration und Sprachkontakt

    Prof. Dr. Marijana Kresić referiert über Migration und Sprachkontakt

  • Vor dem Vortrag zu Kommunikation und Sprachkontakt kommen die Anwesenden miteinander in Kontakt

    Vor dem Vortrag zu Kommunikation und Sprachkontakt kommen die Anwesenden miteinander in Kontakt

Termine und Resümees

Beitragende aus universitätsinternen und -externen Einrichtungen

12.04.2017 Migration und Sprachkontakt - Prof. Dr. Marijana Kresić

Migration und Sprachkontakt am Beispiel kroatischstämmiger Sprecher_innen in Hannover
Prof. Dr. Marijana Kresić (Universität Zadar, Kroatien)

»Irgendwie etwas Gemischtes. Ich bin weder ganz Kroatin, noch ganz Deutsche. Etwas Gemischtes.«

Am 12.04.2017 startete die Vortragsreihe »mittwochs um vier« mit einem sehr interessanten Beitrag von Prof. Dr. Marijana Kresić von der Universität Zadar, Kroatien, ins Sommersemester 2017. Frau Prof. Kresić berichtete von einem internationalen Projekt, welches Phänomene von Sprachkontakt bei Kroatischsprechenden in aller Welt untersucht, wobei sie selbst ihre Untersuchungen in Niedersachsen und hier insbesondere in Hannover durchgeführt hat.

  • Auf eine Einführung über das Projekt und den Forschungshintergrund folgte ein Überblick über die Datengrundlage: Das vorgestellte Teilprojekt beschäftigte sich mit Migrant_innen kroatischer Herkunft der ersten bis dritten Generation. Von besonderem Interesse waren deren Sprachgebrauch, ihre Einstellungen der Sprache gegenüber, deren Bewahrung, Förderung und Erwerb, Kontakte zwischen verschiedenen Sprachen, Sprachbiografien sowie Identität in Migrationskontexten.
  • Mit dem Alter der Befragten sinkt auch der Stellenwert des Kroatischen zugunsten des Deutschen. Gleichzeitig nimmt auch die Kompetenz im Kroatischen ab und mehr Befragte identifizieren sich stärker mit Deutschland und der deutschen Sprache; insbesondere die Angehörigen der zweiten und dritten Generation fühlen sich gut in die deutsche Gesellschaft integriert und von ihr angenommen. Trotzdem bleibt die Herkunftssprache aber für alle Befragten relevant und ein wichtiger Teil der Identität.
  • Auf eine Auswahl von konkreten Beispielen aus dem Korpus folgte sodann ein Überblick über Sprachkontaktphänomene, die sich auf verschiedensten linguistischen Ebenen finden. Insbesondere sind sehr viele Wechsel und Mischungen von Sprachen und Varietäten zu verzeichnen. Hinzu kommen Transferprozesse von einer Sprache in die andere und kreative Wortneuschöpfungen.
  • Den Abschluss bildeten Überlegungen zu den Zusammenhängen von Sprachkontakt und Identität, wobei Frau Prof. Kresić zu dem (vorläufigen) Fazit kam, dass Identität ein flexibles Konstrukt ist, das sich je nach Kommunikationskontext neu konstituiert, wobei Sprache, Sprachkontakt und Sprachwechsel eine tragende Rolle spielen – auf der Gefühlsebene jedoch scheinen noch weitere Aspekte bedeutsam zu sein. An dieser Stelle herrscht noch weiterer Forschungsbedarf.

Im Anschluss an den Vortrag war wie immer Zeit für Fragen und Anmerkungen, es entstand ein lebhafter Austausch mit der Vortragenden und untereinander, z.B. über den Einfluss der Politik in den Herkunftsländern von Migrant_innen auf deren Selbsteinschätzung und ihren Erfolg bei der Integration.

19.04.2017 Intersektionalität als Perspektive - Dr. Catharina Peeck

Geschlecht, Klasse, Ethnizität und…? Intersektionalität als Perspektive auf die Migrationsgesellschaft
Dr. (des.) Catharina Peeck (Institut für Soziologie/Centre for Atlantic and Global Studies)

»Feminismus als Integration von Glauben und Gleichstellung«

Am 19.04.2017 brachte die Soziologin Dr. Catharina Peeck vom Centre for Atlantic and Global Studies den Zuhörenden anhand von Ergebnissen ihrer Doktorarbeit das Konzept der Intersektionalität mit Blick auf britische muslimische Frauen näher.

  • Hintergrund der Forschung ist die „Prevent Strategie“, ein Programm der britischen Regierung zur Terrorprävention durch die Verhinderung von Radikalisierungsprozessen. Dies will man durch die verstärkte Zusammenarbeit mit muslimischen Frauenorganisationen erreichen, aus welchen die Interviewpartnerinnen der vorgestellten Studie stammen.
  • Das Konzept der Intersektionalität stammt ursprünglich aus der schwarzen Frauenbewegung des angloamerikanischen Raumes, weshalb manche seiner Begriffe hierzulande leicht anders konnotiert sind. Neben den grundlegenden Strukturkategorien „Race, Class and Gender“ sind auch weitere Differenzkategorien wie Nationalität, Alter, Sexualität, Religion, Behinderungen oder Beruf von Bedeutung. Wichtig für die Intersektionalität ist die Annahme, dass diese Kategorien nie alleine wirken, sondern wir es immer mit einem Zusammenspiel mehrerer Kategorien zu tun haben.
  • Aus den im Anschluss an die theoretischen Grundlagen vorgestellten Ergebnissen der Studie leitete Frau Dr. Peeck her, dass die von den befragten Frauen wahrgenommenen Konflikte u.a. das Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft, Ungleichheiten innerhalb der Communities sowie das Verhältnis zum Feminismus betreffen. Als Anknüpfungspunkte für die Forschung hierzulande ergeben sich daraus die Narrative muslimischer Frauen, die problematische Gleichsetzung von Islam und Islamismus sowie Möglichkeiten der Solidarisierung zwischen feministischen Bewegungen.

Im Anschluss an den Vortrag war Zeit für Nachfragen und Diskussionen. Es ging hier z.B. um politische Implikationen des Konzepts der Intersektionalität, Erfahrungen und Beobachtungen von Teilnehmenden, die selbst in der Arbeit mit Geflüchteten aktiv sind, um Diskriminierung innerhalb diskriminierter Gruppen und um durch große Heterogenität der Geflüchteten verursachte Konflikte in Massenunterkünften.

26.04.2017 Dinge als Gefährten - Prof. Dr. Eva-Maria Thüne

Dinge als Gefährten. Die Bedeutung von Objekten und Erinnerungsgegenständen bei Flucht und Migration
Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien)

»In den Dingen steckt die Person«

Am 26.04.2017 beschäftigte sich Prof. Dr. Eva-Maria Thüne, Sprachwissenschaftlerin von der Universität Bologna, mit der identitätswirksamen Funktion von Gegenständen im Kontext von Flucht und Migration. Der sehr interessante und zur Diskussion anregende Vortrag wurde durch viele Zitate, Fotos und Audioaufnahmen illustriert.

  • Die Grundlage der Forschung stellt das »Israel-Korpus« dar, das aus narrativen Interviews mit deutschsprachigen Juden der ersten und zweiten Generation besteht, die in den 1930er Jahren aus Deutschland und Österreich nach Israel ausgewandert waren.
  • Objekte können sich von ihrer ursprünglichen Funktion ablösen und dadurch Wichtigkeit erlangen, dass sie uns an eine andere Zeit, einen anderen Ort oder uns selbst unter anderen Umständen erinnern. Solche »Erinnerungsobjekte« wählen wir selbst aus. Sie tragen Spuren von Erinnerungen in sich und bestimmen so unsere Identität (mit).
  • Typisch für narrative Interviews ist der Stil des »Illustrierens«. Hierbei wird ein allgemeines Problem anhand eines Beispiels thematisiert, wobei die Sprache allgemein und unkonkret bleibt.
  • Im Falle der »Umwidmung« erhalten Gegenstände eine andere Funktion, wie z.B. der Container, in dem man seine Habseligkeiten transportiert hat und der nun in der neuen Heimat als Gartenhaus dient. So erhalten die Objekte einen neuen Sinn und oft auch einen besonderen ideellen Wert.
  • Eine weitere wichtige sprachliche Form in den Erzählungen der Migrierten sind Listen und Aufzählungen, die der Kategorisierung dienen und gleichzeitig auch rhythmische Elemente darstellen.
  • Die letzte Frage zielte auf das Verhältnis der zweiten Generation zu den Erinnerungsgegenständen ihrer Eltern ab. Damit auch die Nachkommen diese Dinge schätzen und für ihre Identität nutzen können, ist es wichtig, eine Auswahl zu treffen, die Gegenstände mit Inhalt zu beleben und ihnen so einen neuen Kontext zu geben.

Nach dem Vortrag entstand ein angeregter Austausch zwischen Teilnehmenden und Vortragender, u.a. zu gegenläufigen Bewegungen, wenn z.B. jemand gezielt alle Gegenstände und damit die Erinnerungen zurücklässt, zu »gewollter Leere« in Flüchtlings- und Obdachlosenunterkünften, wo keine persönlichen Gegenstände erlaubt sind, und zur Verknüpfung von Sprache, Gegenständen und Erinnerung.

03.05.2017 Diskriminierung: Risiken und Schutz in Hannover - Peggy Zander

Diskriminierung: Risiken und Schutz in Hannover: Was tun für eine diskriminierungsfreie Stadt?!
Peggy Zander (Antidiskriminierungsstelle, Fachbereich Soziales, Landeshauptstadt Hannover)

»Niemand wird diesen Menschen eine Wohnung geben – den Muslimen – den Terroristen!«

Am 03.05.2027 informierte Peggy Zander, Sozialarbeiterin bei der Antidiskriminierungsstelle Hannover, die Anwesenden unter der Fragestellung »Was tun für eine diskriminierungsfreie Stadt?!« über die Risiken von und den Schutz vor Diskriminierung.

  • Zum Einstieg stellte Frau Zander einige Ergebnisse der Studie »Diskriminierungsrisiken für Geflüchtete in Deutschland« der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vor, in der Beratungsstellen hinsichtlich der ihnen gemeldeten Fälle von Diskriminierung befragt wurden. Es wurde hierbei untersucht, in welchen Lebensbereichen Diskriminierung erfahren wird, welche Formen sie annimmt, welche Auswirkungen sie haben kann und anhand welcher Merkmale Menschen diskriminiert werden. Ergänzt wurden diese Befragungen durch Interviews mit Geflüchteten, aus denen Zitate zur Illustration des Vortrags präsentiert wurden.
  • Anschließend wurde das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) diskutiert, welches seit dem Jahr 2006 in Kraft ist. Von besonderem Interesse waren dessen Ziele, Anwendungsmöglichkeiten und Probleme bzw. Leerstellen. Zudem wurde die Frage thematisiert, wie genau man Diskriminierung definieren kann. Es hat sich hier die Faustformel »Zuschreibung plus Bewertung plus Schlechterbehandlung gleich  Diskriminierung« etabliert.
  • Abschließend ging die Vortragende näher auf die Antidiskriminierungsstelle selbst ein: Ihre Aufgaben, wer sich an sie wenden kann, in welchen Fällen sie zuständig ist, wie eine Beratung genau verläuft und was jede_r Einzelne sonst noch gegen erfahrene oder beobachtete Diskriminierung unternehmen kann.

Nach dem Vortrag war wie immer Zeit für Fragen und Kommentare. Hier waren z.B. aktuelle Verbesserungsansätze – zu deren Umsetzung sich kein politischer Wille feststellen lässt – und die arbeitsrechtliche Sonderstellung der Kirchen sowie eine Änderung des niedersächsischen Gaststättengesetzes ein Thema, nach welcher Diskriminierung »an der Discotür« jetzt eine Ordnungswidrigkeit ist und als solche bei der Stadt angezeigt werden kann.

10.05.2017 Zur Sozialpsychologie des Rassismus - Prof. Dr. Rolf Pohl

»Der Dreck muss weg«. Eine Einführung in die Sozialpsychologie des Rassismus
Prof. Dr. Rolf Pohl (Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie)

»Um groß zu sein, genügt es dem Rassisten, auf die Schultern eines anderen zu steigen« (Albert Memmi)

Am 10.05.2017 gab Prof. Dr. Rolf Pohl, Professor für Sozialpsychologie am Institut für Soziologie und einer der Koordinatoren der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie, unter dem Titel »Der Dreck muss weg« eine sehr gut besuchte und außerordentlich interessante Einführung in die Sozialpsychologie des Rassismus.

  • Zunächst befasste sich Herr Prof. Pohl mit Definitionen, Merkmalen und Funktionen von Rassismus. Rassismus ist ein allgemeiner Mechanismus, der in verschiedenen Spielarten auftritt, nämlich als Ideologie, in Form von Vorurteilen und als Verhalten, und auf einer Überbetonung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede und einer daraus abgeleiteten Hierarchisierung beruht.
  • Anschließend bot der Vortrag ein kurzes Streiflicht zur Geschichte des Rassismus, wobei er sich auf drei prägende Zeitabschnitte konzentrierte: Die Reconquista, also die christliche Rückeroberung der iberischen Halbinsel, das Zeitalter der Aufklärung, welches ein Katalysator für den Rassismus war und dessen Ausbreitung massiv beschleunigte, sowie den Kolonialismus, der den weißen Mann als kontrollierend und den »Wilden« überlegen etablierte. Selbstredend kulminierte all dies schließlich in der NS-Ideologie.
  • Im Anschluss an den historischen Überblick wurde die Aktualität des Rassismus in Deutschland besprochen, der sich als Kombination von alltäglichem und institutionellem Rassismus äußert. Dabei ist ein Paradigmenwechsel zu verzeichnen, weg vom biologisch begründeten Rassismus, hin zu einem Neo-Rassismus der Kulturunterschiede. In der Realität meint der Rassismus aber eigentlich immer beides – Kultur und Biologie.
  • Abschließend ging Herr Prof. Pohl näher auf sozialpsychologische Aspekte des Rassismus ein. Dieser stellt demnach einen Projektionsmechanismus dar, d.h. unangenehme Reize werden auf ein äußeres Feindbild übertragen, gleichsam »ausgelagert«, um die inneren Quellen zu verschleiern. Aus der Projektion ergeben sich rassifizierte Wahrnehmungsmuster, die sich als Angst und Paranoia äußern und auf einem steigen Wechselverhältnis von Wahrnehmung und Interpretationen beruht. Hieraus resultiert letztlich der Kern rassifizierter Wahrnehmungsmuster: »Die Ablösung von Reflexion durch reflexhaftes Handeln.«

Die sehr ausgiebige und fruchtbare Diskussion im Anschluss an den Vortrag drehte sich unter anderem um die Rolle der Medien bei der Etablierung einer »Bedrohungskultur«, um die Problematik kollektiver Identitäten, die Zusammenhänge von Rassismus, Sexismus und Antifeminismus sowie um Möglichkeiten des konstruktiven Umgangs mit Angst und Unsicherheit.

18.05.2017 Religiöse Diversität - Prof. Dr. Wanda Alberts, am Donnerstag!

Religiöse Diversität als Gegenstand schulischen Unterrichts
Prof. Dr. Wanda Alberts (Institut für Theologie und Religionswissenschaft)

»Ist der Unterricht kritisch, objektiv und pluralistisch?«

Am 18.05.2017 befasste sich Prof. Dr. Wanda Alberts, Professorin für Religionswissenschaft und Didaktik im Fach Werte und Normen am Institut für Theologie und Religionswissenschaft, mit der Frage, auf welche Weisen im schulischen Unterricht über religiöse und weltanschauliche Vielfalt gelernt werden kann.

  • Einleitend stellte Frau Prof. Alberts das Fach Religionswissenschaft näher vor, das, in Abgrenzung zur Theologie, einen explizit säkularen, wissenschaftlichen Religionsbegriff verfolgt, und sich, aufbauend auf einem sozial- und kulturwissenschaftlichen Hintergrund, mit der Vielfalt religiöser Phänomene beschäftigt.
  • Der Unterricht über Religionen lässt sich in Europa anhand von drei verschiedenen Modellen beschreiben: Im integrativen Religionsunterricht, wie er beispielsweise in Norwegen und Großbritannien praktiziert wird, lernen alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam über Religionen. Der separative Religionsunterricht hingegen, wie wir ihn z.B. hierzulande oder auch in Finnland finden, findet nach Konfessionen getrennt oder in Alternativfächern statt. Das Modell der Lerndimension schließlich, bekannt aus den Niederlanden, integriert das Lernen über Religion in die anderen Schulfächer.
  • Im Anschluss an eine Übersicht über den Religionsunterricht in Deutschland, der sich – bis auf einige wenige Ausnahmen – auf konfessionellen Religionsunterricht und Ersatzfächer aufteilt, folgte eine Übersicht über die historische Entwicklung des Religions(kunde)unterrichts in Schweden, das die längste Geschichte eines integrativen Unterrichts aufweisen kann.
  • Im Gegensatz zu Schweden ist Norwegen konservativer und religiöser geprägt, was sich auch in der sehr bewegten Geschichte des dortigen integrativen Religionsunterrichts widerspiegelt. Hauptkritikpunkt an diesem dem Anspruch nach religionskundlichen Unterricht war dabei stets ein unzulässiger Fokus aufs Christentum und eine verkürzte Aufteilung in »Christentum« und »die Anderen« – Probleme, an denen sich letztlich auch trotz Verurteilung durch das Menschenrechtskomitee der UN und durch den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof und nach mehrfacher Überarbeitung nicht wirklich viel geändert hat.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass jedes Modell des Unterrichts seine eigenen Stärken und Schwächen, Probleme und Konflikte besitzt, und dass das »perfekte« Modell noch erfunden werden muss.

Im Anschluss an den Vortrag ging es unter anderem um die Frage, ob Religion überhaupt einen Platz in der Schule haben sollte, und um die oft sehr große Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, beispielsweise in Form von praktisch nicht vorhandenen religionskundlichen Anteilen im »Werte und Normen«-Unterricht, oder auch repräsentiert durch die Unmöglichkeit an manchen Schulen, selbiges Fach als Prüfungsfach im Abitur zu wählen, obwohl es eigentlich angeboten werden müsste.

24.05.2017 Anerkennende Sichtbarkeit - Radhika Natarajan

Anerkennende Sichtbarkeit: Flüchtlingsfrauen als ehrenamtlich Handelnde
Radhika Natarajan (Projekt LeibnizWerkstatt)

»Arbeit ist das halbe Leben.«

Am 24.05.2017 referierte Radhika Natarajan, Germanistin und Ausbilderin für Deutsch als Fremdsprache und für die Konzeption und Umsetzung des Projekts LeibnizWerkstatt zuständig, über den in der Forschung oft übersehenen Themenkomplex von Flüchtlingsfrauen als ehrenamtlich Handelnden. Sie stützte sich hierbei auf Daten, die sie im Rahmen ihrer Dissertation zum Sprachgebrauch tamilischer Flüchtlingsfrauen aus Sri Lanka erhoben hat.

  • Auf eine Vorstellung der Flüchtlingscommunity und des Hintergrunds zu den Fluchtgründen folgte eine Definition des Begriffs »Flüchtlingsfrau«, der zweierlei bedeuten kann: Eine Flüchtlingsfrau ist entweder eine Frau, die selbst geflüchtet ist, oder mit einem Geflüchteten verheiratet und im Rahmen der Familienzusammenführung in dessen Aufnahmeland gekommen.
  • Anschließend ging die Vortragende näher auf die Erwerbstätigkeit der in Deutschland lebenden tamilischen Geflüchteten ein. Hierbei lässt sich eine generelle Aufstiegshaltung verzeichnen, der aber unglücklicherweise oft der Aufenthaltsstatus im Wege steht. So arbeiten die Flüchtlingsfrauen hier in Deutschland oft weit unterhalb ihrer Qualifikation. Um diese unbefriedigende Situation besser zu ertragen, engagieren sich viele Frauen ehrenamtlich, speziell innerhalb ihrer Community, beispielsweise indem sie Sprachunterricht erteilen oder Nachhilfe geben.
  • Nach einem Überblick über verschiedene Studien zu ehrenamtlicher Arbeit in Deutschland stellte Frau Natarajan einige der von ihr befragten Frauen näher vor, wobei sie besonders auf deren Fluchtgeschichte, berufliche Karriere und ehrenamtliche Tätigkeiten einging. Allen vorgestellten Frauen ist gemein, dass ein »Scheitern« im Berufsleben oder eine durch Erwerbsarbeit unter ihrer Qualifikation »verlorene Ehre« durch besonderes Engagement im ehrenamtlichen Bereich ein Stück weit kompensiert wird. So dient die ehrenamtliche Tätigkeit, bei allen individuellen Unterschieden, letztlich der Selbstverwirklichung, die den Frauen im Rahmen der Erwerbstätigkeit verwehrt bleibt, und bringt ihnen Anerkennung von drei Seiten ein: Anerkennung von sich selbst, von der Flüchtlingscommunity und auch von der Mehrheitsgesellschaft.

Ergänzt wurde der Vortrag durch Rückgriffe auf vergangene Vorträge des laufenden Semesters, so ging Frau Natarajan insbesondere noch einmal auf das Konzept der Intersektionalität sowie den Zugang zur Sprache in der kroatisch-stämmigen Community ein.

Nach dem Vortrag wurde lebhaft nachgefragt und diskutiert, beispielsweise über die Religionen Sri Lankas, die Benachteiligung der Flüchtlingsfrauen als politisches Problem und den hohen Stellenwert der Sprache für die tamilische Community.

31.05.2017 Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit - Dr. Ina Rust

Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit
Dr. Ina Rust (Institut für Soziologie)

Bürgerschaftliches Engagement im Geflüchtetenbereich

Am 31.05.2017 referierte Dr. Ina Rust, am Institut für Soziologie im Bereich der qualitativen Methodenausbildung tätig, über ehrenamtliches Engagement im Bereich der Geflüchtetenarbeit.

  • Zu Beginn befasste sich Frau Dr. Rust mit den Begriffen »Flüchtling« und »Geflüchteter«: Der Begriff »Flüchtling« ist einerseits kritisch zu sehen, da man ihm eine gewisse negative Konnotation nachsagen kann und sein Singular nicht dem Anspruch geschlechtergerechter Sprache entspricht. Gleichzeitig gibt es aber auch gute Gründe für die Benutzung von »Flüchtling«, da es sich um einen etablierten Begriff handelt, der etwa in Institutionen, Organisationen und Gesetzen fixiert ist. Anschließend wurden einige ausgewählte Überblicksmaterialien vorgestellt, in denen die Flüchtlingsdebatte aus verschiedenen Disziplinen und Positionen heraus thematisiert wird.
  • Weiterhin wurde näher auf die verschiedenen Formen freiwilligen Engagements eingegangen und thematisiert, wo Informationsquellen für Interessierte zu finden sind. Zudem wurden zentrale Ergebnisse des aktuellen Deutschen Freiwilligensurveys vorgestellt, eine repräsentative Befragung zum freiwilligen Engagement in Deutschland aus dem Jahr 2014.
  • Ehe sie den Vortrag mit einem kurzen persönlichen Fallbeispiel beschloss, ging Frau Dr. Rust näher auf bürgerschaftliches Engagement für Geflüchtete ein, indem sie von einem selbst durchgeführten Lehrforschungsprojekt berichtete. Auf einen Überblick zur qualitativen Forschung und methodischen Herausforderungen folgte eine Aufarbeitung zentraler Ergebnisse, wobei es primär um Formularhilfe, die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen, das Ehrenamt als Integrationschance und bürgerliches Engagement von Geflüchteten ging. Als Ergebnis hielt Frau Dr. Rust fest: »Wenn Geflüchtete selbst ehrenamtlich tätig werden – und dabei nicht im Migrationsbereich – dann ist die Integration gelungen. Es gibt andere Wege, aber dies ist einer.«

Im Anschluss an den Vortrag war wie immer Zeit für Nachfragen und Diskussionen, wobei diesmal insbesondere das Verhältnis der Begriffe »Flüchtling« und »Geflüchteter« im Mittelpunkt stand. Welcher Begriff letztlich der beste ist – es werden auch viele weitere Alternativbegriffe diskutiert – lässt sich letztlich wohl nicht klären. Generell befinden sich die Begrifflichkeiten offenbar gerade im Wandel, und es lässt sich ein latenter Konflikt zwischen Korrektheit und Handhabbarkeit unterstellen.

07.06.2017 Geflüchtete in studienvorbereitenden Kursen - Fachsprachenzentrum

Geflüchtete in studienvorbereitenden Deutsch-Intensivsprachkursen: Berichte aus der Praxis
Hubert Fleddermann (Fachsprachenzentrum) und Lehrkräfte in D-intensiv (Karin Brockmann, Ulrike Diepenbrock-Akdemir, Jana Stoklasa, Wolfgang Mennecke)

»Die Arbeit ist anstrengend, aber sie ist jede Minute wert.«

Am 07.06.2017 berichteten Hubert Fleddermann und seine Kolleginnen und Kollegen vom Fachsprachenzentrum den Anwesenden vom Projekt „D-intensiv“, das Geflüchtete gemeinsam mit anderen internationalen Studienanwärter_innen  in Deutsch-Intensivkursen auf das Studium an einer deutschen Hochschule vorbereitet.

  • Zu Beginn stellte Hubert Fleddermann das Projekt an sich näher vor, dessen Ziel es ist, den Status »Flüchtling« aus dem Fokus zu rücken, indem die Geflüchteten mit anderen internationalen Studierenden gemeinsam die Kurse besuchen. Der Unterricht wird handlungsorientiert gestaltet und bereitet die Teilnehmenden umfassend auf die abschließende DSH-Prüfung vor. Außerdem werden Vorlesungen und universitäre Veranstaltungen besucht, die Teilnehmenden haben Zugang zu Mensa, Bibliotheken und Hochschulsport und es besteht insgesamt ein enger Kontakt mit den Lehrkräften.
  • Anschließend ging Jana Stoklasa im Rahmen ihres Erfahrungsberichts näher auf die Struktur der Kurse ein, die in drei Phasen verlaufen: Während in der ersten Phase des Kennenlernens noch die Erwartung vorherrscht, der Unterricht möge straff organisiert und dozentenzentriert sein, werden die Lernenden schrittweise zu einem selbstbestimmten Lernen hingeführt und in der zweiten Phase intensiviert sich der Lernprozess. Die dritte Phase schließlich ist ganz der Prüfungsvorbereitung gewidmet.
  • Danach befasste sich Ulrike Diepenbrock-Akdemir mit den Rückmeldungen von ehemaligen Teilnehmenden bezüglich ihres weiteren Werdegangs und stellte in diesem Rahmen zwei Personen näher vor. Das Bild ist insgesamt gemischt, gibt Anlass zur Freude, aber macht auch traurig: Während vier der insgesamt zwölf Befragten bereits ein Studium aufgenommen haben und weitere vier dies zum Wintersemester tun werden, war bei nur zwei Personen das Ergebnis der Sprachprüfung nicht ausreichend. Zwei weitere Befragte konnten allerdings nur deshalb noch nicht ins Studium starten, weil ihr Aufenthaltsstatus noch unklar ist – eine Problematik, die auch für die Lehrkräfte eine besondere Herausforderung darstellt.
  • Zum Abschluss informierte Wolfgang Mennecke die Zuhörenden anhand eines Museumsprojekts über das Konzept des handlungsorientierten Unterrichts: Nach einem gemeinsamen Besuch im Museum entstehen im Rahmen einer Einheit zu moderner Kunst Präsentationen zu ausgewählten Objekten, was in besonderem Maße der Studienvorbereitung dient, da Präsentationen ein elementarer Teil des deutschen Bildungssystems sind. Ein weiteres interessantes und sehr fruchtbares Konzept ist das ‚Mentoring‘ durch akademische Senior_innen, das in Kooperation mit der Seniorenresidenz Kastanienhof durchgeführt wird. Es bietet den angehenden Studierenden die Möglichkeit, die deutsche Sprache auch abseits des Unterrichts zu erproben und in ungezwungenem Rahmen mit Deutschen in Kontakt zu kommen – ein Angebot, das insbesondere unter den Geflüchteten großen Anklang findet, da gerade diese ein größeres Interesse an emotionaler Zuwendung und „echten sozialen Beziehungen“ zeigen.

Nach dem Vortrag entstand eine lebhafte Diskussion, in der es unter anderem um Gruppendynamiken, Einstufungstests und Auswahlverfahren, die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Museumsbesuchen im Sprachunterricht sowie Auswahl und Einsatz von Lehrwerken ging.

14.06.2017 Perspektiven auf ›Integration‹ - Florian Grawan

Migrationspädagogische Perspektiven auf ›Integration
Florian Grawan (Arbeitsstelle DiversitAS)

»Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.« (Max Frisch, 1965)

Am 14.06.2017 führte Florian Grawan von der Arbeitsstelle DiversitAS die Anwesenden in einem sehr interaktiven, werkstattartigen Beitrag in die Perspektive der Migrationspädagogik auf den Begriff  ›Integration‹ ein. Von besonderer Wichtigkeit für diese Perspektive ist die Bewusstheit über und die Frage nach der Konstruktion von Begriffen und Kategorien und welche Wirkung diese besitzen.

  • Zunächst stellte Herr Grawan kurz Geschichte und Arbeit von DiversitAS vor, um anschließend in einem Brainstorming gemeinsam mit dem Publikum Ideen zum Thema  ›Integration‹ zu sammeln. Hierbei fielen Begriffe wie Toleranz und wechselseitige Interaktion, aber auch gesellschaftliche Normen und Anpassung an den Status Quo, was bereits deutlich macht, mit was für einem unklaren und kritischen Begriff wir es hier zu tun haben.
  • Nach dem Brainstorming ging der Vortragende näher auf den Komplex Migration, Migrationsgesellschaft und Migrationspädagogik ein. Hierbei befasste er sich zuerst mit der Migrationsgeschichte der Bundesrepublik und mit Statistiken zu ausländischer Bevölkerung in und Formen der Zuwanderung nach Deutschland, um dann zu einem eigenen Verständnis von »Migration(sgesellschaft)« zu gelangen. Zentral ist hierbei die Aushandlung von Grenzen der Zugehörigkeit, gleichzeitig spielt auch der Mediendiskurs eine wichtige Rolle. Im Mittelpunkt stehen demnach die Fragen: »Wer sind ‚wir‘ und wer sind die ‚Anderen‘?« sowie »Wer wird wie dargestellt und repräsentiert?«
  • Abschließend wurden weitere Perspektiven auf ›Integration‹ angesprochen, wie etwa die Theorie von Integration als Systemintegration der »frühen« Soziologie, wonach sich Systemintegration über gleichgewichtige Markt- und Tauschbeziehungen zwischen Akteuren vollzieht, oder auch die soziologische Theorie der vierdimensionalen Integration, die sich strukturell, sozial, »kulturell« und identifikativ vollziehen kann. Weitere Sichtweisen sind die Akkulturationsstrategien nach Berry (1997), nach denen Integration unterschiedlich verläuft, je nachdem, ob die »Kultur der Aufnahmegesellschaft« angenommen und/oder die »eigene Kultur« erhalten wird, sowie die Einsicht der ‚Chicago School‘, nach der aus dem Aufeinandertreffen der »Kulturen« auch ein Typus des Grenzgängers zwischen den Welten entstehen kann, der nirgends mehr wirklich dazugehört, nichtsdestotrotz aber eine wichtige Rolle als Vermittler einnehmen kann.

Im Anschluss an den Vortrag, während dessen Verlauf bereits ausgiebig diskutiert wurde, war Zeit für Anmerkungen. Es wurde gelobt, dass der Vortrag zum Nachdenken anregte und zum Öffnen und In-Frage-Stellen von Schubladen motivierte. Weiterhin wurde über Bilder von »Normalität« diskutiert und als des Merkens würdig festgehalten, dass das Beibehalten und Wertschätzen der eigenen Traditionen einer positiven, für beide Seiten fruchtbaren Integration nicht im Wege steht.

21.06.2017 Sprechen und Schreiben - Prof. Dr. Joachim Grabowski

Sprechen und Schreiben aus psychologischer Sicht
Prof. Dr. Joachim Grabowski (Institut für Pädagogische Psychologie)

Sprache als aufmerksamkeitsintensiver Prozess

Prof. Dr. Joachim Grabowski vom Institut für Pädagogische Psychologie brachte den Anwesenden am 21.06.2017 in einem gleichermaßen interessanten wie unterhaltsamen Vortrag den Komplex des Sprechens und Schreibens aus psychologischer Sicht näher. Kernfrage des Beitrags war: »Sind Sprachmigranten auch dort leistungsschwächer, wo man es nicht erwarten würde oder wo es eigentlich nicht sein müsste?«

  • Der Vortrag näherte sich dieser Frage an, indem er zuerst die psychologischen Grundlagen der Sprache besprach. So benötigt Sprache, wie alle psychischen Prozesse, Aufmerksamkeit als mentale Ressource, wobei generell weniger Aufmerksamkeit benötigt wird, je besser geübt und automatisiert die Prozesse sind. Auch im Bereich der Sprachproduktion gibt es aufmerksamkeitsintensivere Prozesse, wie die Planung und Bereitstellung der Inhalte und die Berücksichtigung von Kontextinformationen, aber auch weitgehend automatisiert ablaufende Prozesse, wie die lexikalische und grammatische Planung oder das Sprechen bzw. Schreiben an sich - zumindest in der Erstsprache. In Zweit- und Fremdsprachen hingegen »sind auch die hierarchieniedrigeren Prozesse der Sprachproduktion aufmerksamkeitsfordernd«, was entsprechende didaktische Kompensationsmaßnahmen seitens der Lehrkräfte notwendig macht.
  • Diesen Sachverhalt erläuterte Herr Prof. Grabowski  näher anhand einer eigenen, mit Schülerinnen und Schülern aus Köln und Hannover durchgeführten, Studie, wobei er sich auch mit den bildungssprachlichen Voraussetzungen für schulischen Erfolg und möglichen positiven Transfereffekten von sprachlicher Migration im Bereich der Schreibkompetenz befasste.
  • Zur Schreibkompetenz tragen allgemeine kognitive Fähigkeiten wie die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses und die Reaktionsgeschwindigkeit bei. In diesem Bereich zeigten sich, wie erwartet, keine relevanten Unterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern mit Deutsch als Erst- und als Zweitsprache. Ebenfalls relevant sind allgemeine, einzelsprachspezifische Fähigkeiten wie Wortschatz, Lesefähigkeit und Schreibflüssigkeit. Hier sind, ebenfalls erwartungsgemäß, Unterschiede zwischen Erst- und Zweitsprachler_innen zu verzeichnen. Außerdem gibt es noch spezielle schreibbezogene Fähigkeiten wie die (kognitive, räumliche oder emotionale) Perspektivenübernahme oder das Kohärenzmanagement, und in diesem Bereich förderte die Studie überraschende Ergebnisse zutage, die das Forschungsteam bis heute vor ein Rätsel stellen: Obwohl anzunehmen gewesen wäre, dass sich beide Gruppen hier nicht unterscheiden, ist das Gegenteil der Fall, und Lernende mit sprachlichem Migrationshintergrund schneiden hier konsequent schlechter ab.

Über die Gründe für dieses Phänomen lässt sich bislang nur spekulieren, was im Rahmen der an den Vortrag anschließenden Diskussion auch ausgiebig getan wurde. So wurden etwa mögliche Einflüsse von Mehrsprachigkeit auf die kognitive Entwicklung, der Erwerbszeitpunkt einer Sprache sowie Selbstzuschreibungseffekte diskutiert. Notwendig ist hier offensichtlich, unabhängig von möglichen Gründen, eine Schreibförderung jenseits der Einzelsprache.

28.06.2017 Traumafolgestörungen - Christiane Maurer

Zum Verständnis im Umgang mit Menschen mit Traumafolgestörungen
Christiane Maurer (Psychologisch-Therapeutische Beratung für Studierende)

»Manche Flüchtlinge haben nicht die Vorstellung davon, dass es so etwas gibt wie psychische Erkrankungen.«

Christiane Maurer von der Psychologisch-Therapeutischen Beratung für Studierende informierte die Zuhörenden am 28.06.2017 über Traumata und daraus möglicherweise resultierende psychische Erkrankungen. Ziel ihres Vortrags war, den Anwesenden eine Vorstellung vom Erleben und Verhalten von Personen mit Traumafolgestörungen zu verschaffen und ihnen auf dieser Grundlage angemessene Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

  • Zunächst befasste sich Frau Maurer mit der Frage, worunter traumatisierte Menschen eigentlich genau leiden. Unter einem Trauma versteht man ein besonders belastendes oder bedrohliches Ereignis, das durch die existenzielle Bedrohung eine tiefe Verstörung hervorruft. Ein solches Trauma kann eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder andere psychische Erkrankungen wie z.B. Depressionen, Angsterkrankungen oder Süchte nach sich ziehen.  Schätzungen zufolge leidet etwa die Hälfte der in Deutschland lebenden erwachsenen Geflüchteten unter derartigen Traumafolgestörungen.
  • Im Anschluss an eine Übersicht über die häufigsten Traumafolgestörungen und deren Symptomatik besprach Frau Maurer weitere Faktoren, die sich positiv oder auch negativ auf die psychische Gesundheit auswirken können. So erhöhen etwa vorhergehende psychische Erkrankungen das Risiko, an einer Traumafolgestörung zu erkranken, während sich Religiosität als Schutzfaktor erwiesen hat. Auch spielt es eine große Rolle, ob das traumatische Ereignis vorhersehbar war und ob man währenddessen Einflussmöglichkeiten auf das Geschehen erlebt hat. Für Geflüchtete sind insbesondere auch Postmigrationsfaktoren wie ein unsicherer Aufenthaltsstatus, Sprachbarrieren und Diskriminierungserfahrungen von Bedeutung. Wichtige gesundheitsfördernde Faktoren sind die Fähigkeit, das Erlebte einzuordnen und ihm einen Sinn geben zu können, sowie soziale Unterstützung und die Anerkennung als Opfer.
  • Wichtig im Umgang mit potenziell traumatisierten Geflüchteten ist eine gewisse Sensibilität für interkulturelle Aspekte, denn die Erscheinungsformen von und Haltungen zu psychischen Krankheiten können sich sehr unterschiedlich gestalten. So kann es etwa sein, dass Menschen gar kein Verständnis davon haben, dass sie krank sind und Hilfe brauchen, oder die Erkrankung als Schande angesehen und überspielt wird. Generell muss man sich immer vor Augen halten, dass man Menschen nicht ansehen kann, ob sie krank sind. Daher müssen wir uns generell aufmerksam und innerlich darauf eingestellt verhalten.
  • Abschließend ging Frau Maurer näher auf günstige Rahmenbedingungen und Gesprächsverhalten im Umgang mit Traumatisierten ein. So sind neben genügend Zeit und einer ruhigen Situation etwa eine umfassende Klärung des Verständnisses, Empathie, Authentizität und ganz viel Geduld wichtig. Vermeiden sollte man hingegen Nachfragen zu den traumatischen Erlebnissen, um keine Flashbacks hervorzurufen. Zudem sollte man nach Möglichkeit die Hilfe von Unterstützungssystemen suchen: Das können Freunde, Familie und Partner sein, aber auch professionelle Stellen wie der Psychiatrische Notfalldienst oder das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachen. Über diese Netzwerke sollte man sich auch zur eigenen Entlastung einen Überblick verschaffen.

Während und nach dem Vortrag entstanden angeregte Diskussionen, unter anderem über die Zusammenhänge von PTBS und Depressionen, den Umgang mit Menschen, in deren sozialer Umgebung psychische Erkrankungen ein Tabu sind, über die Vererbbarkeit von Depressionen, das Geschlecht als Risikofaktor, die Möglichkeit einer vollständigen »Heilung« von einer psychischen Erkrankung und vieles mehr.

05.07.2017 Berufliche Aus-/Weiterbildung als zweite Chance? - Prof. Dr. Julia Gillen

Berufliche Aus- und Weiterbildung als zweite Chance? Herausforderungen für den Umgang mit Diversität und die Arbeit mit Geflüchteten
Prof. Dr. Julia Gillen (Institut für Erwachsenenbildung und Berufspädagogik & Leibniz School of Education)

»Wenn man die Menschen wirklich ins Arbeitsleben integrieren will, muss man die Interessen des Einzelnen berücksichtigen.«

Prof. Dr. Julia Gillen, Professorin für Berufspädagogik und Direktorin der Leibniz School of Education, befasste sich im vorletzten Vortrag des Sommersemesters 2017, am 05.07., mit beruflicher Aus- und Weiterbildung, wobei sie eine betriebliche Perspektive auf Bildung in den Blick nahm. Diese ist marktorientiert, was sich auch in ihren Strukturen und spezifischen Problematiken niederschlägt.

  • Einleitend gab Frau Prof. Gillen den Anwesenden einen Überblick über das deutsche Bildungssystem, wobei sie sich auf die berufliche Aus- und Weiterbildung konzentrierte. Diese teilt sich ihrerseits noch einmal auf in Fortbildung, Umschulung sowie Lernen am Arbeitsplatz und weist einige spezielle Probleme auf: Das System ist stark ausdifferenziert und soziale Ungleichheiten schreiben sich in ihm fort. Zudem kann man ihm einen »Paternostereffekt« unterstellen, d.h. für jede aufsteigende Person steigt eine andere ab.
  • Anschließend wurden Ungleichheitsstrukturen in der Weiterbildung thematisiert. Auf einen Überblick über allgemeine Merkmale von Diversität folgte eine nähere Betrachtung der zentralen Differenzlinien Alter, Geschlecht, Migrationshintergrund, schulischer Hintergrund sowie Erwerbstätigkeit bzw. -losigkeit. Bezogen auf Geflüchtete kommt zusätzlich den Kategorien Sprachkenntnisse, Ausbildungsvoraussetzungen und Lebenssituation besondere Relevanz zu.
  • Schließlich wurde noch die Frage gestellt, wie Aus- und Weiterbildung zur zweiten Chance wird. Wichtig ist hierbei, Bildung immer mit Begleitung zu koppeln und interessengeleitete Angebote zu schaffen. Berufsorientierung und Sprachförderung müssen miteinander verbunden, Potenziale und Kompetenzen herausgefunden und auch informelle und im Ausland erworbene Kompetenzen und Qualifikationen anerkannt werden. Neben zeitlicher Flexibilität und einer durchgängigen Begleitung der Geflüchteten ist auch eine Unterstützung der Betriebe notwendig. So benötigen diese externe Anlaufstellen bei schwierigen Situationen und das Ausbildungspersonal muss auf die Arbeit mit Geflüchteten vorbereitet werden. Grundprobleme in diesem Kontext sind die starke Steuerung durch den Markt sowie der eher konservativ ausgerichtete Bereich des deutschen Handwerks.

Im Laufe des Vortrags und auch danach entstand ein lebhafter Austausch unter den Teilnehmenden und der Vortragenden, der sich u.a. um »informelles Lernen«, die Messung von Kompetenzen, die Komplexität des Bildungssystems im Allgemeinen, die großen Unterschiede zwischen den Systemen Beruf und Hochschule sowie die spezielle Problematik des Alphabetisierungsbedarfs drehte.

12.07.2017 Solidarische Bildung - Prof. Dr. Paul Mecheril

Für solidarische Bildung in der globalen Gesellschaft. Migrationspädagogische Überlegungen
Prof. Dr. Paul Mecheril (Center for Migration, Education and Cultural Studies, Universität Oldenburg)

»Migration ereignet sich eigentlich als Widerspruch zu Integration.«

Die sehr gut besuchten migrationspädagogischen Überlegungen zu solidarischer Bildung in der globalen Gesellschaft von Prof. Dr. Paul Mecheril, Professor für Pädagogik und Leiter des Center for Migration, Education and Cultural Studies an der Universität Oldenburg, beschlossen am 12.07.2017 die Vortragsreihe des Sommersemesters.

  • Zunächst eröffnete Herr Prof. Mecheril in seinem sehr dialogisch gestalteten Beitrag den Raum für seine späteren Ausführungen, indem er auf zwei Themenbereiche näher einging: Die Migrationspädagogik als Perspektive auf die migrationsgesellschaftliche Wirklichkeit und die große Bedeutung des Themas Migration in der heutigen Zeit.
  • Die Fragen, was eigentlich Migration und Gesellschaft seien, werden, so Mecheril, in Pädagogik und Erziehungswissenschaft vernachlässigt – obwohl es laut der gängigen Schultheorien eine der zentralen Aufgaben der Schule ist, Gesellschaftlichkeit sowohl zu reproduzieren als auch ggf. zu wandeln. Ebenso wichtig wie kritisch ist hierbei, dass, obgleich die Gesellschaft nicht mit dem Nationalstaat gleichgesetzt werden darf, genau dieser die Referenz für die Pädagogik darstellt. Die Migrationspädagogik kann man in diesem Zusammenhang als eine von vielen unterschiedlichen Perspektiven auf die Migrationsgesellschaft verstehen, die das sehr ausgeprägte Interesse der anderen Perspektiven an Migrant_innen näher betrachtet. Auf dieser Grundlage stellt die Migrationspädagogik Fragen nach den durch dieses übersteigerte Interesse angestoßenen Bildungsprozessen und nach den durch es produzierten Realitäten.
  • Der Begriff der Migration wird heutzutage recht affektbehaftet betrachtet – dies ist ein relativ neues Phänomen. Binnen kürzester Zeit ist Migration in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das Thema besitzt aus zwei Gründen eine besondere Wichtigkeit: Unter der Überschrift »Migration« wird ein Fundament der gesellschaftlichen Verhältnisse verhandelt, nämlich die Legitimität der Trennung anhand der Differenzlinien innen vs. außen, zugehörig vs. nicht zugehörig sowie legitim vs. illegitim. Von besonderer Bedeutung ist hierbei auch die Frage nach den Konsequenzen für Pädagogik und Pädagog_innen. Hinzu kommt, dass Migration heutzutage – auch, aber längst nicht ausschließlich akademisch –  ein »kapitales Thema« ist: Seit die Migration im allgemeinen Sprechen angekommen ist, wird Geld mit ihr verdient. Gleichzeitig birgt die erhöhte Wichtigkeit auch ein größeres Konfliktpotenzial als in früheren Zeiten.
  • Zudem wurde das Thema Integration eingehender diskutiert. Die »Selbstentdeckung der deutschen Migrationsgesellschaft als Migrationsgesellschaft« weist drei Eigentümlichkeiten auf: »die Erfindung derer mit Migrationshintergrund«, eine enge semantische Nähe zum Kulturbegriff sowie eine ausgeprägte Nähe der Konzepte Integration und Migration. Aus diesen Zusammenhängen resultiert ein in der Öffentlichkeit weit verbreiteter Diskurs, der unter Integration eine schon beinahe sakral anmutende Überhöhung des Gegebenen versteht. Der Integrationsbegriff nach heutigem Verständnis, bezogen auf Migration, wird in Deutschland etwa seit 2004 diskutiert und aufgrund seiner enormen Erfolgsgeschichte als Synonym für etwas Gutes verwendet, statt angemessen reflektiert, problematisiert oder gar kritisiert zu werden.
  • Ein weiterer diskutierter Bereich waren die Zusammenhänge des Themenkomplexes mit der Sprache und der durch die Entdeckung der Bedeutsamkeit von Sprachförderung ausgelöste »DaZ-Boom«, der die Entwicklung eines reflexiven Verhältnisses zur Thematik erschwert. Das Grundproblem in diesem Bereich ist das illusionäre Versprechen »Wenn du Deutsch lernst, wird alles gut.«, welches Diskriminierungsverhältnisse dethematisiert. An diese Problematik anschließend müsste man fragen, wie eine diskriminierungs- und auch kapitalismuskritische Sprachbildung aussehen könnte.

Über diese ausführlich besprochenen Themen hinaus wurden weitere Fragen behandelt, beispielsweise die Bedürfnisse der neu Hinzukommenden in der Migrationsgesellschaft, der Kulturbegriff als Sprachversteck für Rassekonstruktionen, Bildung und daraus resultierende Mündigkeit als Grundlage, um das eigene Schicksal zu beeinflussen und darauf aufbauend die Erklärung von Migration als Aufbegehren gegen dieses Schicksal. Aus ethischer Perspektive mündet diese Problematik in die Frage, ob es ein »geopolitisches Selbstbestimmungsrecht« gibt.

Beitragende aus universitätsinternen und -externen Einrichtungen

12.04.2017 Migration und Sprachkontakt - Prof. Dr. Marijana Kresić

Migration und Sprachkontakt am Beispiel kroatischstämmiger Sprecher_innen in Hannover
Prof. Dr. Marijana Kresić (Universität Zadar, Kroatien)

»Irgendwie etwas Gemischtes. Ich bin weder ganz Kroatin, noch ganz Deutsche. Etwas Gemischtes.«

Am 12.04.2017 startete die Vortragsreihe »mittwochs um vier« mit einem sehr interessanten Beitrag von Prof. Dr. Marijana Kresić von der Universität Zadar, Kroatien, ins Sommersemester 2017. Frau Prof. Kresić berichtete von einem internationalen Projekt, welches Phänomene von Sprachkontakt bei Kroatischsprechenden in aller Welt untersucht, wobei sie selbst ihre Untersuchungen in Niedersachsen und hier insbesondere in Hannover durchgeführt hat.

  • Auf eine Einführung über das Projekt und den Forschungshintergrund folgte ein Überblick über die Datengrundlage: Das vorgestellte Teilprojekt beschäftigte sich mit Migrant_innen kroatischer Herkunft der ersten bis dritten Generation. Von besonderem Interesse waren deren Sprachgebrauch, ihre Einstellungen der Sprache gegenüber, deren Bewahrung, Förderung und Erwerb, Kontakte zwischen verschiedenen Sprachen, Sprachbiografien sowie Identität in Migrationskontexten.
  • Mit dem Alter der Befragten sinkt auch der Stellenwert des Kroatischen zugunsten des Deutschen. Gleichzeitig nimmt auch die Kompetenz im Kroatischen ab und mehr Befragte identifizieren sich stärker mit Deutschland und der deutschen Sprache; insbesondere die Angehörigen der zweiten und dritten Generation fühlen sich gut in die deutsche Gesellschaft integriert und von ihr angenommen. Trotzdem bleibt die Herkunftssprache aber für alle Befragten relevant und ein wichtiger Teil der Identität.
  • Auf eine Auswahl von konkreten Beispielen aus dem Korpus folgte sodann ein Überblick über Sprachkontaktphänomene, die sich auf verschiedensten linguistischen Ebenen finden. Insbesondere sind sehr viele Wechsel und Mischungen von Sprachen und Varietäten zu verzeichnen. Hinzu kommen Transferprozesse von einer Sprache in die andere und kreative Wortneuschöpfungen.
  • Den Abschluss bildeten Überlegungen zu den Zusammenhängen von Sprachkontakt und Identität, wobei Frau Prof. Kresić zu dem (vorläufigen) Fazit kam, dass Identität ein flexibles Konstrukt ist, das sich je nach Kommunikationskontext neu konstituiert, wobei Sprache, Sprachkontakt und Sprachwechsel eine tragende Rolle spielen – auf der Gefühlsebene jedoch scheinen noch weitere Aspekte bedeutsam zu sein. An dieser Stelle herrscht noch weiterer Forschungsbedarf.

Im Anschluss an den Vortrag war wie immer Zeit für Fragen und Anmerkungen, es entstand ein lebhafter Austausch mit der Vortragenden und untereinander, z.B. über den Einfluss der Politik in den Herkunftsländern von Migrant_innen auf deren Selbsteinschätzung und ihren Erfolg bei der Integration.

19.04.2017 Intersektionalität als Perspektive - Dr. Catharina Peeck

Geschlecht, Klasse, Ethnizität und…? Intersektionalität als Perspektive auf die Migrationsgesellschaft
Dr. (des.) Catharina Peeck (Institut für Soziologie/Centre for Atlantic and Global Studies)

»Feminismus als Integration von Glauben und Gleichstellung«

Am 19.04.2017 brachte die Soziologin Dr. Catharina Peeck vom Centre for Atlantic and Global Studies den Zuhörenden anhand von Ergebnissen ihrer Doktorarbeit das Konzept der Intersektionalität mit Blick auf britische muslimische Frauen näher.

  • Hintergrund der Forschung ist die „Prevent Strategie“, ein Programm der britischen Regierung zur Terrorprävention durch die Verhinderung von Radikalisierungsprozessen. Dies will man durch die verstärkte Zusammenarbeit mit muslimischen Frauenorganisationen erreichen, aus welchen die Interviewpartnerinnen der vorgestellten Studie stammen.
  • Das Konzept der Intersektionalität stammt ursprünglich aus der schwarzen Frauenbewegung des angloamerikanischen Raumes, weshalb manche seiner Begriffe hierzulande leicht anders konnotiert sind. Neben den grundlegenden Strukturkategorien „Race, Class and Gender“ sind auch weitere Differenzkategorien wie Nationalität, Alter, Sexualität, Religion, Behinderungen oder Beruf von Bedeutung. Wichtig für die Intersektionalität ist die Annahme, dass diese Kategorien nie alleine wirken, sondern wir es immer mit einem Zusammenspiel mehrerer Kategorien zu tun haben.
  • Aus den im Anschluss an die theoretischen Grundlagen vorgestellten Ergebnissen der Studie leitete Frau Dr. Peeck her, dass die von den befragten Frauen wahrgenommenen Konflikte u.a. das Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft, Ungleichheiten innerhalb der Communities sowie das Verhältnis zum Feminismus betreffen. Als Anknüpfungspunkte für die Forschung hierzulande ergeben sich daraus die Narrative muslimischer Frauen, die problematische Gleichsetzung von Islam und Islamismus sowie Möglichkeiten der Solidarisierung zwischen feministischen Bewegungen.

Im Anschluss an den Vortrag war Zeit für Nachfragen und Diskussionen. Es ging hier z.B. um politische Implikationen des Konzepts der Intersektionalität, Erfahrungen und Beobachtungen von Teilnehmenden, die selbst in der Arbeit mit Geflüchteten aktiv sind, um Diskriminierung innerhalb diskriminierter Gruppen und um durch große Heterogenität der Geflüchteten verursachte Konflikte in Massenunterkünften.

26.04.2017 Dinge als Gefährten - Prof. Dr. Eva-Maria Thüne

Dinge als Gefährten. Die Bedeutung von Objekten und Erinnerungsgegenständen bei Flucht und Migration
Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien)

»In den Dingen steckt die Person«

Am 26.04.2017 beschäftigte sich Prof. Dr. Eva-Maria Thüne, Sprachwissenschaftlerin von der Universität Bologna, mit der identitätswirksamen Funktion von Gegenständen im Kontext von Flucht und Migration. Der sehr interessante und zur Diskussion anregende Vortrag wurde durch viele Zitate, Fotos und Audioaufnahmen illustriert.

  • Die Grundlage der Forschung stellt das »Israel-Korpus« dar, das aus narrativen Interviews mit deutschsprachigen Juden der ersten und zweiten Generation besteht, die in den 1930er Jahren aus Deutschland und Österreich nach Israel ausgewandert waren.
  • Objekte können sich von ihrer ursprünglichen Funktion ablösen und dadurch Wichtigkeit erlangen, dass sie uns an eine andere Zeit, einen anderen Ort oder uns selbst unter anderen Umständen erinnern. Solche »Erinnerungsobjekte« wählen wir selbst aus. Sie tragen Spuren von Erinnerungen in sich und bestimmen so unsere Identität (mit).
  • Typisch für narrative Interviews ist der Stil des »Illustrierens«. Hierbei wird ein allgemeines Problem anhand eines Beispiels thematisiert, wobei die Sprache allgemein und unkonkret bleibt.
  • Im Falle der »Umwidmung« erhalten Gegenstände eine andere Funktion, wie z.B. der Container, in dem man seine Habseligkeiten transportiert hat und der nun in der neuen Heimat als Gartenhaus dient. So erhalten die Objekte einen neuen Sinn und oft auch einen besonderen ideellen Wert.
  • Eine weitere wichtige sprachliche Form in den Erzählungen der Migrierten sind Listen und Aufzählungen, die der Kategorisierung dienen und gleichzeitig auch rhythmische Elemente darstellen.
  • Die letzte Frage zielte auf das Verhältnis der zweiten Generation zu den Erinnerungsgegenständen ihrer Eltern ab. Damit auch die Nachkommen diese Dinge schätzen und für ihre Identität nutzen können, ist es wichtig, eine Auswahl zu treffen, die Gegenstände mit Inhalt zu beleben und ihnen so einen neuen Kontext zu geben.

Nach dem Vortrag entstand ein angeregter Austausch zwischen Teilnehmenden und Vortragender, u.a. zu gegenläufigen Bewegungen, wenn z.B. jemand gezielt alle Gegenstände und damit die Erinnerungen zurücklässt, zu »gewollter Leere« in Flüchtlings- und Obdachlosenunterkünften, wo keine persönlichen Gegenstände erlaubt sind, und zur Verknüpfung von Sprache, Gegenständen und Erinnerung.

03.05.2017 Diskriminierung: Risiken und Schutz in Hannover - Peggy Zander

Diskriminierung: Risiken und Schutz in Hannover: Was tun für eine diskriminierungsfreie Stadt?!
Peggy Zander (Antidiskriminierungsstelle, Fachbereich Soziales, Landeshauptstadt Hannover)

»Niemand wird diesen Menschen eine Wohnung geben – den Muslimen – den Terroristen!«

Am 03.05.2027 informierte Peggy Zander, Sozialarbeiterin bei der Antidiskriminierungsstelle Hannover, die Anwesenden unter der Fragestellung »Was tun für eine diskriminierungsfreie Stadt?!« über die Risiken von und den Schutz vor Diskriminierung.

  • Zum Einstieg stellte Frau Zander einige Ergebnisse der Studie »Diskriminierungsrisiken für Geflüchtete in Deutschland« der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vor, in der Beratungsstellen hinsichtlich der ihnen gemeldeten Fälle von Diskriminierung befragt wurden. Es wurde hierbei untersucht, in welchen Lebensbereichen Diskriminierung erfahren wird, welche Formen sie annimmt, welche Auswirkungen sie haben kann und anhand welcher Merkmale Menschen diskriminiert werden. Ergänzt wurden diese Befragungen durch Interviews mit Geflüchteten, aus denen Zitate zur Illustration des Vortrags präsentiert wurden.
  • Anschließend wurde das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) diskutiert, welches seit dem Jahr 2006 in Kraft ist. Von besonderem Interesse waren dessen Ziele, Anwendungsmöglichkeiten und Probleme bzw. Leerstellen. Zudem wurde die Frage thematisiert, wie genau man Diskriminierung definieren kann. Es hat sich hier die Faustformel »Zuschreibung plus Bewertung plus Schlechterbehandlung gleich  Diskriminierung« etabliert.
  • Abschließend ging die Vortragende näher auf die Antidiskriminierungsstelle selbst ein: Ihre Aufgaben, wer sich an sie wenden kann, in welchen Fällen sie zuständig ist, wie eine Beratung genau verläuft und was jede_r Einzelne sonst noch gegen erfahrene oder beobachtete Diskriminierung unternehmen kann.

Nach dem Vortrag war wie immer Zeit für Fragen und Kommentare. Hier waren z.B. aktuelle Verbesserungsansätze – zu deren Umsetzung sich kein politischer Wille feststellen lässt – und die arbeitsrechtliche Sonderstellung der Kirchen sowie eine Änderung des niedersächsischen Gaststättengesetzes ein Thema, nach welcher Diskriminierung »an der Discotür« jetzt eine Ordnungswidrigkeit ist und als solche bei der Stadt angezeigt werden kann.

10.05.2017 Zur Sozialpsychologie des Rassismus - Prof. Dr. Rolf Pohl

»Der Dreck muss weg«. Eine Einführung in die Sozialpsychologie des Rassismus
Prof. Dr. Rolf Pohl (Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie)

»Um groß zu sein, genügt es dem Rassisten, auf die Schultern eines anderen zu steigen« (Albert Memmi)

Am 10.05.2017 gab Prof. Dr. Rolf Pohl, Professor für Sozialpsychologie am Institut für Soziologie und einer der Koordinatoren der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie, unter dem Titel »Der Dreck muss weg« eine sehr gut besuchte und außerordentlich interessante Einführung in die Sozialpsychologie des Rassismus.

  • Zunächst befasste sich Herr Prof. Pohl mit Definitionen, Merkmalen und Funktionen von Rassismus. Rassismus ist ein allgemeiner Mechanismus, der in verschiedenen Spielarten auftritt, nämlich als Ideologie, in Form von Vorurteilen und als Verhalten, und auf einer Überbetonung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede und einer daraus abgeleiteten Hierarchisierung beruht.
  • Anschließend bot der Vortrag ein kurzes Streiflicht zur Geschichte des Rassismus, wobei er sich auf drei prägende Zeitabschnitte konzentrierte: Die Reconquista, also die christliche Rückeroberung der iberischen Halbinsel, das Zeitalter der Aufklärung, welches ein Katalysator für den Rassismus war und dessen Ausbreitung massiv beschleunigte, sowie den Kolonialismus, der den weißen Mann als kontrollierend und den »Wilden« überlegen etablierte. Selbstredend kulminierte all dies schließlich in der NS-Ideologie.
  • Im Anschluss an den historischen Überblick wurde die Aktualität des Rassismus in Deutschland besprochen, der sich als Kombination von alltäglichem und institutionellem Rassismus äußert. Dabei ist ein Paradigmenwechsel zu verzeichnen, weg vom biologisch begründeten Rassismus, hin zu einem Neo-Rassismus der Kulturunterschiede. In der Realität meint der Rassismus aber eigentlich immer beides – Kultur und Biologie.
  • Abschließend ging Herr Prof. Pohl näher auf sozialpsychologische Aspekte des Rassismus ein. Dieser stellt demnach einen Projektionsmechanismus dar, d.h. unangenehme Reize werden auf ein äußeres Feindbild übertragen, gleichsam »ausgelagert«, um die inneren Quellen zu verschleiern. Aus der Projektion ergeben sich rassifizierte Wahrnehmungsmuster, die sich als Angst und Paranoia äußern und auf einem steigen Wechselverhältnis von Wahrnehmung und Interpretationen beruht. Hieraus resultiert letztlich der Kern rassifizierter Wahrnehmungsmuster: »Die Ablösung von Reflexion durch reflexhaftes Handeln.«

Die sehr ausgiebige und fruchtbare Diskussion im Anschluss an den Vortrag drehte sich unter anderem um die Rolle der Medien bei der Etablierung einer »Bedrohungskultur«, um die Problematik kollektiver Identitäten, die Zusammenhänge von Rassismus, Sexismus und Antifeminismus sowie um Möglichkeiten des konstruktiven Umgangs mit Angst und Unsicherheit.

18.05.2017 Religiöse Diversität - Prof. Dr. Wanda Alberts, am Donnerstag!

Religiöse Diversität als Gegenstand schulischen Unterrichts
Prof. Dr. Wanda Alberts (Institut für Theologie und Religionswissenschaft)

»Ist der Unterricht kritisch, objektiv und pluralistisch?«

Am 18.05.2017 befasste sich Prof. Dr. Wanda Alberts, Professorin für Religionswissenschaft und Didaktik im Fach Werte und Normen am Institut für Theologie und Religionswissenschaft, mit der Frage, auf welche Weisen im schulischen Unterricht über religiöse und weltanschauliche Vielfalt gelernt werden kann.

  • Einleitend stellte Frau Prof. Alberts das Fach Religionswissenschaft näher vor, das, in Abgrenzung zur Theologie, einen explizit säkularen, wissenschaftlichen Religionsbegriff verfolgt, und sich, aufbauend auf einem sozial- und kulturwissenschaftlichen Hintergrund, mit der Vielfalt religiöser Phänomene beschäftigt.
  • Der Unterricht über Religionen lässt sich in Europa anhand von drei verschiedenen Modellen beschreiben: Im integrativen Religionsunterricht, wie er beispielsweise in Norwegen und Großbritannien praktiziert wird, lernen alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam über Religionen. Der separative Religionsunterricht hingegen, wie wir ihn z.B. hierzulande oder auch in Finnland finden, findet nach Konfessionen getrennt oder in Alternativfächern statt. Das Modell der Lerndimension schließlich, bekannt aus den Niederlanden, integriert das Lernen über Religion in die anderen Schulfächer.
  • Im Anschluss an eine Übersicht über den Religionsunterricht in Deutschland, der sich – bis auf einige wenige Ausnahmen – auf konfessionellen Religionsunterricht und Ersatzfächer aufteilt, folgte eine Übersicht über die historische Entwicklung des Religions(kunde)unterrichts in Schweden, das die längste Geschichte eines integrativen Unterrichts aufweisen kann.
  • Im Gegensatz zu Schweden ist Norwegen konservativer und religiöser geprägt, was sich auch in der sehr bewegten Geschichte des dortigen integrativen Religionsunterrichts widerspiegelt. Hauptkritikpunkt an diesem dem Anspruch nach religionskundlichen Unterricht war dabei stets ein unzulässiger Fokus aufs Christentum und eine verkürzte Aufteilung in »Christentum« und »die Anderen« – Probleme, an denen sich letztlich auch trotz Verurteilung durch das Menschenrechtskomitee der UN und durch den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof und nach mehrfacher Überarbeitung nicht wirklich viel geändert hat.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass jedes Modell des Unterrichts seine eigenen Stärken und Schwächen, Probleme und Konflikte besitzt, und dass das »perfekte« Modell noch erfunden werden muss.

Im Anschluss an den Vortrag ging es unter anderem um die Frage, ob Religion überhaupt einen Platz in der Schule haben sollte, und um die oft sehr große Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, beispielsweise in Form von praktisch nicht vorhandenen religionskundlichen Anteilen im »Werte und Normen«-Unterricht, oder auch repräsentiert durch die Unmöglichkeit an manchen Schulen, selbiges Fach als Prüfungsfach im Abitur zu wählen, obwohl es eigentlich angeboten werden müsste.

24.05.2017 Anerkennende Sichtbarkeit - Radhika Natarajan

Anerkennende Sichtbarkeit: Flüchtlingsfrauen als ehrenamtlich Handelnde
Radhika Natarajan (Projekt LeibnizWerkstatt)

»Arbeit ist das halbe Leben.«

Am 24.05.2017 referierte Radhika Natarajan, Germanistin und Ausbilderin für Deutsch als Fremdsprache und für die Konzeption und Umsetzung des Projekts LeibnizWerkstatt zuständig, über den in der Forschung oft übersehenen Themenkomplex von Flüchtlingsfrauen als ehrenamtlich Handelnden. Sie stützte sich hierbei auf Daten, die sie im Rahmen ihrer Dissertation zum Sprachgebrauch tamilischer Flüchtlingsfrauen aus Sri Lanka erhoben hat.

  • Auf eine Vorstellung der Flüchtlingscommunity und des Hintergrunds zu den Fluchtgründen folgte eine Definition des Begriffs »Flüchtlingsfrau«, der zweierlei bedeuten kann: Eine Flüchtlingsfrau ist entweder eine Frau, die selbst geflüchtet ist, oder mit einem Geflüchteten verheiratet und im Rahmen der Familienzusammenführung in dessen Aufnahmeland gekommen.
  • Anschließend ging die Vortragende näher auf die Erwerbstätigkeit der in Deutschland lebenden tamilischen Geflüchteten ein. Hierbei lässt sich eine generelle Aufstiegshaltung verzeichnen, der aber unglücklicherweise oft der Aufenthaltsstatus im Wege steht. So arbeiten die Flüchtlingsfrauen hier in Deutschland oft weit unterhalb ihrer Qualifikation. Um diese unbefriedigende Situation besser zu ertragen, engagieren sich viele Frauen ehrenamtlich, speziell innerhalb ihrer Community, beispielsweise indem sie Sprachunterricht erteilen oder Nachhilfe geben.
  • Nach einem Überblick über verschiedene Studien zu ehrenamtlicher Arbeit in Deutschland stellte Frau Natarajan einige der von ihr befragten Frauen näher vor, wobei sie besonders auf deren Fluchtgeschichte, berufliche Karriere und ehrenamtliche Tätigkeiten einging. Allen vorgestellten Frauen ist gemein, dass ein »Scheitern« im Berufsleben oder eine durch Erwerbsarbeit unter ihrer Qualifikation »verlorene Ehre« durch besonderes Engagement im ehrenamtlichen Bereich ein Stück weit kompensiert wird. So dient die ehrenamtliche Tätigkeit, bei allen individuellen Unterschieden, letztlich der Selbstverwirklichung, die den Frauen im Rahmen der Erwerbstätigkeit verwehrt bleibt, und bringt ihnen Anerkennung von drei Seiten ein: Anerkennung von sich selbst, von der Flüchtlingscommunity und auch von der Mehrheitsgesellschaft.

Ergänzt wurde der Vortrag durch Rückgriffe auf vergangene Vorträge des laufenden Semesters, so ging Frau Natarajan insbesondere noch einmal auf das Konzept der Intersektionalität sowie den Zugang zur Sprache in der kroatisch-stämmigen Community ein.

Nach dem Vortrag wurde lebhaft nachgefragt und diskutiert, beispielsweise über die Religionen Sri Lankas, die Benachteiligung der Flüchtlingsfrauen als politisches Problem und den hohen Stellenwert der Sprache für die tamilische Community.

31.05.2017 Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit - Dr. Ina Rust

Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit
Dr. Ina Rust (Institut für Soziologie)

Bürgerschaftliches Engagement im Geflüchtetenbereich

Am 31.05.2017 referierte Dr. Ina Rust, am Institut für Soziologie im Bereich der qualitativen Methodenausbildung tätig, über ehrenamtliches Engagement im Bereich der Geflüchtetenarbeit.

  • Zu Beginn befasste sich Frau Dr. Rust mit den Begriffen »Flüchtling« und »Geflüchteter«: Der Begriff »Flüchtling« ist einerseits kritisch zu sehen, da man ihm eine gewisse negative Konnotation nachsagen kann und sein Singular nicht dem Anspruch geschlechtergerechter Sprache entspricht. Gleichzeitig gibt es aber auch gute Gründe für die Benutzung von »Flüchtling«, da es sich um einen etablierten Begriff handelt, der etwa in Institutionen, Organisationen und Gesetzen fixiert ist. Anschließend wurden einige ausgewählte Überblicksmaterialien vorgestellt, in denen die Flüchtlingsdebatte aus verschiedenen Disziplinen und Positionen heraus thematisiert wird.
  • Weiterhin wurde näher auf die verschiedenen Formen freiwilligen Engagements eingegangen und thematisiert, wo Informationsquellen für Interessierte zu finden sind. Zudem wurden zentrale Ergebnisse des aktuellen Deutschen Freiwilligensurveys vorgestellt, eine repräsentative Befragung zum freiwilligen Engagement in Deutschland aus dem Jahr 2014.
  • Ehe sie den Vortrag mit einem kurzen persönlichen Fallbeispiel beschloss, ging Frau Dr. Rust näher auf bürgerschaftliches Engagement für Geflüchtete ein, indem sie von einem selbst durchgeführten Lehrforschungsprojekt berichtete. Auf einen Überblick zur qualitativen Forschung und methodischen Herausforderungen folgte eine Aufarbeitung zentraler Ergebnisse, wobei es primär um Formularhilfe, die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen, das Ehrenamt als Integrationschance und bürgerliches Engagement von Geflüchteten ging. Als Ergebnis hielt Frau Dr. Rust fest: »Wenn Geflüchtete selbst ehrenamtlich tätig werden – und dabei nicht im Migrationsbereich – dann ist die Integration gelungen. Es gibt andere Wege, aber dies ist einer.«

Im Anschluss an den Vortrag war wie immer Zeit für Nachfragen und Diskussionen, wobei diesmal insbesondere das Verhältnis der Begriffe »Flüchtling« und »Geflüchteter« im Mittelpunkt stand. Welcher Begriff letztlich der beste ist – es werden auch viele weitere Alternativbegriffe diskutiert – lässt sich letztlich wohl nicht klären. Generell befinden sich die Begrifflichkeiten offenbar gerade im Wandel, und es lässt sich ein latenter Konflikt zwischen Korrektheit und Handhabbarkeit unterstellen.

07.06.2017 Geflüchtete in studienvorbereitenden Kursen - Fachsprachenzentrum

Geflüchtete in studienvorbereitenden Deutsch-Intensivsprachkursen: Berichte aus der Praxis
Hubert Fleddermann (Fachsprachenzentrum) und Lehrkräfte in D-intensiv (Karin Brockmann, Ulrike Diepenbrock-Akdemir, Jana Stoklasa, Wolfgang Mennecke)

»Die Arbeit ist anstrengend, aber sie ist jede Minute wert.«

Am 07.06.2017 berichteten Hubert Fleddermann und seine Kolleginnen und Kollegen vom Fachsprachenzentrum den Anwesenden vom Projekt „D-intensiv“, das Geflüchtete gemeinsam mit anderen internationalen Studienanwärter_innen  in Deutsch-Intensivkursen auf das Studium an einer deutschen Hochschule vorbereitet.

  • Zu Beginn stellte Hubert Fleddermann das Projekt an sich näher vor, dessen Ziel es ist, den Status »Flüchtling« aus dem Fokus zu rücken, indem die Geflüchteten mit anderen internationalen Studierenden gemeinsam die Kurse besuchen. Der Unterricht wird handlungsorientiert gestaltet und bereitet die Teilnehmenden umfassend auf die abschließende DSH-Prüfung vor. Außerdem werden Vorlesungen und universitäre Veranstaltungen besucht, die Teilnehmenden haben Zugang zu Mensa, Bibliotheken und Hochschulsport und es besteht insgesamt ein enger Kontakt mit den Lehrkräften.
  • Anschließend ging Jana Stoklasa im Rahmen ihres Erfahrungsberichts näher auf die Struktur der Kurse ein, die in drei Phasen verlaufen: Während in der ersten Phase des Kennenlernens noch die Erwartung vorherrscht, der Unterricht möge straff organisiert und dozentenzentriert sein, werden die Lernenden schrittweise zu einem selbstbestimmten Lernen hingeführt und in der zweiten Phase intensiviert sich der Lernprozess. Die dritte Phase schließlich ist ganz der Prüfungsvorbereitung gewidmet.
  • Danach befasste sich Ulrike Diepenbrock-Akdemir mit den Rückmeldungen von ehemaligen Teilnehmenden bezüglich ihres weiteren Werdegangs und stellte in diesem Rahmen zwei Personen näher vor. Das Bild ist insgesamt gemischt, gibt Anlass zur Freude, aber macht auch traurig: Während vier der insgesamt zwölf Befragten bereits ein Studium aufgenommen haben und weitere vier dies zum Wintersemester tun werden, war bei nur zwei Personen das Ergebnis der Sprachprüfung nicht ausreichend. Zwei weitere Befragte konnten allerdings nur deshalb noch nicht ins Studium starten, weil ihr Aufenthaltsstatus noch unklar ist – eine Problematik, die auch für die Lehrkräfte eine besondere Herausforderung darstellt.
  • Zum Abschluss informierte Wolfgang Mennecke die Zuhörenden anhand eines Museumsprojekts über das Konzept des handlungsorientierten Unterrichts: Nach einem gemeinsamen Besuch im Museum entstehen im Rahmen einer Einheit zu moderner Kunst Präsentationen zu ausgewählten Objekten, was in besonderem Maße der Studienvorbereitung dient, da Präsentationen ein elementarer Teil des deutschen Bildungssystems sind. Ein weiteres interessantes und sehr fruchtbares Konzept ist das ‚Mentoring‘ durch akademische Senior_innen, das in Kooperation mit der Seniorenresidenz Kastanienhof durchgeführt wird. Es bietet den angehenden Studierenden die Möglichkeit, die deutsche Sprache auch abseits des Unterrichts zu erproben und in ungezwungenem Rahmen mit Deutschen in Kontakt zu kommen – ein Angebot, das insbesondere unter den Geflüchteten großen Anklang findet, da gerade diese ein größeres Interesse an emotionaler Zuwendung und „echten sozialen Beziehungen“ zeigen.

Nach dem Vortrag entstand eine lebhafte Diskussion, in der es unter anderem um Gruppendynamiken, Einstufungstests und Auswahlverfahren, die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Museumsbesuchen im Sprachunterricht sowie Auswahl und Einsatz von Lehrwerken ging.

14.06.2017 Perspektiven auf ›Integration‹ - Florian Grawan

Migrationspädagogische Perspektiven auf ›Integration
Florian Grawan (Arbeitsstelle DiversitAS)

»Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.« (Max Frisch, 1965)

Am 14.06.2017 führte Florian Grawan von der Arbeitsstelle DiversitAS die Anwesenden in einem sehr interaktiven, werkstattartigen Beitrag in die Perspektive der Migrationspädagogik auf den Begriff  ›Integration‹ ein. Von besonderer Wichtigkeit für diese Perspektive ist die Bewusstheit über und die Frage nach der Konstruktion von Begriffen und Kategorien und welche Wirkung diese besitzen.

  • Zunächst stellte Herr Grawan kurz Geschichte und Arbeit von DiversitAS vor, um anschließend in einem Brainstorming gemeinsam mit dem Publikum Ideen zum Thema  ›Integration‹ zu sammeln. Hierbei fielen Begriffe wie Toleranz und wechselseitige Interaktion, aber auch gesellschaftliche Normen und Anpassung an den Status Quo, was bereits deutlich macht, mit was für einem unklaren und kritischen Begriff wir es hier zu tun haben.
  • Nach dem Brainstorming ging der Vortragende näher auf den Komplex Migration, Migrationsgesellschaft und Migrationspädagogik ein. Hierbei befasste er sich zuerst mit der Migrationsgeschichte der Bundesrepublik und mit Statistiken zu ausländischer Bevölkerung in und Formen der Zuwanderung nach Deutschland, um dann zu einem eigenen Verständnis von »Migration(sgesellschaft)« zu gelangen. Zentral ist hierbei die Aushandlung von Grenzen der Zugehörigkeit, gleichzeitig spielt auch der Mediendiskurs eine wichtige Rolle. Im Mittelpunkt stehen demnach die Fragen: »Wer sind ‚wir‘ und wer sind die ‚Anderen‘?« sowie »Wer wird wie dargestellt und repräsentiert?«
  • Abschließend wurden weitere Perspektiven auf ›Integration‹ angesprochen, wie etwa die Theorie von Integration als Systemintegration der »frühen« Soziologie, wonach sich Systemintegration über gleichgewichtige Markt- und Tauschbeziehungen zwischen Akteuren vollzieht, oder auch die soziologische Theorie der vierdimensionalen Integration, die sich strukturell, sozial, »kulturell« und identifikativ vollziehen kann. Weitere Sichtweisen sind die Akkulturationsstrategien nach Berry (1997), nach denen Integration unterschiedlich verläuft, je nachdem, ob die »Kultur der Aufnahmegesellschaft« angenommen und/oder die »eigene Kultur« erhalten wird, sowie die Einsicht der ‚Chicago School‘, nach der aus dem Aufeinandertreffen der »Kulturen« auch ein Typus des Grenzgängers zwischen den Welten entstehen kann, der nirgends mehr wirklich dazugehört, nichtsdestotrotz aber eine wichtige Rolle als Vermittler einnehmen kann.

Im Anschluss an den Vortrag, während dessen Verlauf bereits ausgiebig diskutiert wurde, war Zeit für Anmerkungen. Es wurde gelobt, dass der Vortrag zum Nachdenken anregte und zum Öffnen und In-Frage-Stellen von Schubladen motivierte. Weiterhin wurde über Bilder von »Normalität« diskutiert und als des Merkens würdig festgehalten, dass das Beibehalten und Wertschätzen der eigenen Traditionen einer positiven, für beide Seiten fruchtbaren Integration nicht im Wege steht.

21.06.2017 Sprechen und Schreiben - Prof. Dr. Joachim Grabowski

Sprechen und Schreiben aus psychologischer Sicht
Prof. Dr. Joachim Grabowski (Institut für Pädagogische Psychologie)

Sprache als aufmerksamkeitsintensiver Prozess

Prof. Dr. Joachim Grabowski vom Institut für Pädagogische Psychologie brachte den Anwesenden am 21.06.2017 in einem gleichermaßen interessanten wie unterhaltsamen Vortrag den Komplex des Sprechens und Schreibens aus psychologischer Sicht näher. Kernfrage des Beitrags war: »Sind Sprachmigranten auch dort leistungsschwächer, wo man es nicht erwarten würde oder wo es eigentlich nicht sein müsste?«

  • Der Vortrag näherte sich dieser Frage an, indem er zuerst die psychologischen Grundlagen der Sprache besprach. So benötigt Sprache, wie alle psychischen Prozesse, Aufmerksamkeit als mentale Ressource, wobei generell weniger Aufmerksamkeit benötigt wird, je besser geübt und automatisiert die Prozesse sind. Auch im Bereich der Sprachproduktion gibt es aufmerksamkeitsintensivere Prozesse, wie die Planung und Bereitstellung der Inhalte und die Berücksichtigung von Kontextinformationen, aber auch weitgehend automatisiert ablaufende Prozesse, wie die lexikalische und grammatische Planung oder das Sprechen bzw. Schreiben an sich - zumindest in der Erstsprache. In Zweit- und Fremdsprachen hingegen »sind auch die hierarchieniedrigeren Prozesse der Sprachproduktion aufmerksamkeitsfordernd«, was entsprechende didaktische Kompensationsmaßnahmen seitens der Lehrkräfte notwendig macht.
  • Diesen Sachverhalt erläuterte Herr Prof. Grabowski  näher anhand einer eigenen, mit Schülerinnen und Schülern aus Köln und Hannover durchgeführten, Studie, wobei er sich auch mit den bildungssprachlichen Voraussetzungen für schulischen Erfolg und möglichen positiven Transfereffekten von sprachlicher Migration im Bereich der Schreibkompetenz befasste.
  • Zur Schreibkompetenz tragen allgemeine kognitive Fähigkeiten wie die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses und die Reaktionsgeschwindigkeit bei. In diesem Bereich zeigten sich, wie erwartet, keine relevanten Unterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern mit Deutsch als Erst- und als Zweitsprache. Ebenfalls relevant sind allgemeine, einzelsprachspezifische Fähigkeiten wie Wortschatz, Lesefähigkeit und Schreibflüssigkeit. Hier sind, ebenfalls erwartungsgemäß, Unterschiede zwischen Erst- und Zweitsprachler_innen zu verzeichnen. Außerdem gibt es noch spezielle schreibbezogene Fähigkeiten wie die (kognitive, räumliche oder emotionale) Perspektivenübernahme oder das Kohärenzmanagement, und in diesem Bereich förderte die Studie überraschende Ergebnisse zutage, die das Forschungsteam bis heute vor ein Rätsel stellen: Obwohl anzunehmen gewesen wäre, dass sich beide Gruppen hier nicht unterscheiden, ist das Gegenteil der Fall, und Lernende mit sprachlichem Migrationshintergrund schneiden hier konsequent schlechter ab.

Über die Gründe für dieses Phänomen lässt sich bislang nur spekulieren, was im Rahmen der an den Vortrag anschließenden Diskussion auch ausgiebig getan wurde. So wurden etwa mögliche Einflüsse von Mehrsprachigkeit auf die kognitive Entwicklung, der Erwerbszeitpunkt einer Sprache sowie Selbstzuschreibungseffekte diskutiert. Notwendig ist hier offensichtlich, unabhängig von möglichen Gründen, eine Schreibförderung jenseits der Einzelsprache.

28.06.2017 Traumafolgestörungen - Christiane Maurer

Zum Verständnis im Umgang mit Menschen mit Traumafolgestörungen
Christiane Maurer (Psychologisch-Therapeutische Beratung für Studierende)

»Manche Flüchtlinge haben nicht die Vorstellung davon, dass es so etwas gibt wie psychische Erkrankungen.«

Christiane Maurer von der Psychologisch-Therapeutischen Beratung für Studierende informierte die Zuhörenden am 28.06.2017 über Traumata und daraus möglicherweise resultierende psychische Erkrankungen. Ziel ihres Vortrags war, den Anwesenden eine Vorstellung vom Erleben und Verhalten von Personen mit Traumafolgestörungen zu verschaffen und ihnen auf dieser Grundlage angemessene Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

  • Zunächst befasste sich Frau Maurer mit der Frage, worunter traumatisierte Menschen eigentlich genau leiden. Unter einem Trauma versteht man ein besonders belastendes oder bedrohliches Ereignis, das durch die existenzielle Bedrohung eine tiefe Verstörung hervorruft. Ein solches Trauma kann eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder andere psychische Erkrankungen wie z.B. Depressionen, Angsterkrankungen oder Süchte nach sich ziehen.  Schätzungen zufolge leidet etwa die Hälfte der in Deutschland lebenden erwachsenen Geflüchteten unter derartigen Traumafolgestörungen.
  • Im Anschluss an eine Übersicht über die häufigsten Traumafolgestörungen und deren Symptomatik besprach Frau Maurer weitere Faktoren, die sich positiv oder auch negativ auf die psychische Gesundheit auswirken können. So erhöhen etwa vorhergehende psychische Erkrankungen das Risiko, an einer Traumafolgestörung zu erkranken, während sich Religiosität als Schutzfaktor erwiesen hat. Auch spielt es eine große Rolle, ob das traumatische Ereignis vorhersehbar war und ob man währenddessen Einflussmöglichkeiten auf das Geschehen erlebt hat. Für Geflüchtete sind insbesondere auch Postmigrationsfaktoren wie ein unsicherer Aufenthaltsstatus, Sprachbarrieren und Diskriminierungserfahrungen von Bedeutung. Wichtige gesundheitsfördernde Faktoren sind die Fähigkeit, das Erlebte einzuordnen und ihm einen Sinn geben zu können, sowie soziale Unterstützung und die Anerkennung als Opfer.
  • Wichtig im Umgang mit potenziell traumatisierten Geflüchteten ist eine gewisse Sensibilität für interkulturelle Aspekte, denn die Erscheinungsformen von und Haltungen zu psychischen Krankheiten können sich sehr unterschiedlich gestalten. So kann es etwa sein, dass Menschen gar kein Verständnis davon haben, dass sie krank sind und Hilfe brauchen, oder die Erkrankung als Schande angesehen und überspielt wird. Generell muss man sich immer vor Augen halten, dass man Menschen nicht ansehen kann, ob sie krank sind. Daher müssen wir uns generell aufmerksam und innerlich darauf eingestellt verhalten.
  • Abschließend ging Frau Maurer näher auf günstige Rahmenbedingungen und Gesprächsverhalten im Umgang mit Traumatisierten ein. So sind neben genügend Zeit und einer ruhigen Situation etwa eine umfassende Klärung des Verständnisses, Empathie, Authentizität und ganz viel Geduld wichtig. Vermeiden sollte man hingegen Nachfragen zu den traumatischen Erlebnissen, um keine Flashbacks hervorzurufen. Zudem sollte man nach Möglichkeit die Hilfe von Unterstützungssystemen suchen: Das können Freunde, Familie und Partner sein, aber auch professionelle Stellen wie der Psychiatrische Notfalldienst oder das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachen. Über diese Netzwerke sollte man sich auch zur eigenen Entlastung einen Überblick verschaffen.

Während und nach dem Vortrag entstanden angeregte Diskussionen, unter anderem über die Zusammenhänge von PTBS und Depressionen, den Umgang mit Menschen, in deren sozialer Umgebung psychische Erkrankungen ein Tabu sind, über die Vererbbarkeit von Depressionen, das Geschlecht als Risikofaktor, die Möglichkeit einer vollständigen »Heilung« von einer psychischen Erkrankung und vieles mehr.

05.07.2017 Berufliche Aus-/Weiterbildung als zweite Chance? - Prof. Dr. Julia Gillen

Berufliche Aus- und Weiterbildung als zweite Chance? Herausforderungen für den Umgang mit Diversität und die Arbeit mit Geflüchteten
Prof. Dr. Julia Gillen (Institut für Erwachsenenbildung und Berufspädagogik & Leibniz School of Education)

»Wenn man die Menschen wirklich ins Arbeitsleben integrieren will, muss man die Interessen des Einzelnen berücksichtigen.«

Prof. Dr. Julia Gillen, Professorin für Berufspädagogik und Direktorin der Leibniz School of Education, befasste sich im vorletzten Vortrag des Sommersemesters 2017, am 05.07., mit beruflicher Aus- und Weiterbildung, wobei sie eine betriebliche Perspektive auf Bildung in den Blick nahm. Diese ist marktorientiert, was sich auch in ihren Strukturen und spezifischen Problematiken niederschlägt.

  • Einleitend gab Frau Prof. Gillen den Anwesenden einen Überblick über das deutsche Bildungssystem, wobei sie sich auf die berufliche Aus- und Weiterbildung konzentrierte. Diese teilt sich ihrerseits noch einmal auf in Fortbildung, Umschulung sowie Lernen am Arbeitsplatz und weist einige spezielle Probleme auf: Das System ist stark ausdifferenziert und soziale Ungleichheiten schreiben sich in ihm fort. Zudem kann man ihm einen »Paternostereffekt« unterstellen, d.h. für jede aufsteigende Person steigt eine andere ab.
  • Anschließend wurden Ungleichheitsstrukturen in der Weiterbildung thematisiert. Auf einen Überblick über allgemeine Merkmale von Diversität folgte eine nähere Betrachtung der zentralen Differenzlinien Alter, Geschlecht, Migrationshintergrund, schulischer Hintergrund sowie Erwerbstätigkeit bzw. -losigkeit. Bezogen auf Geflüchtete kommt zusätzlich den Kategorien Sprachkenntnisse, Ausbildungsvoraussetzungen und Lebenssituation besondere Relevanz zu.
  • Schließlich wurde noch die Frage gestellt, wie Aus- und Weiterbildung zur zweiten Chance wird. Wichtig ist hierbei, Bildung immer mit Begleitung zu koppeln und interessengeleitete Angebote zu schaffen. Berufsorientierung und Sprachförderung müssen miteinander verbunden, Potenziale und Kompetenzen herausgefunden und auch informelle und im Ausland erworbene Kompetenzen und Qualifikationen anerkannt werden. Neben zeitlicher Flexibilität und einer durchgängigen Begleitung der Geflüchteten ist auch eine Unterstützung der Betriebe notwendig. So benötigen diese externe Anlaufstellen bei schwierigen Situationen und das Ausbildungspersonal muss auf die Arbeit mit Geflüchteten vorbereitet werden. Grundprobleme in diesem Kontext sind die starke Steuerung durch den Markt sowie der eher konservativ ausgerichtete Bereich des deutschen Handwerks.

Im Laufe des Vortrags und auch danach entstand ein lebhafter Austausch unter den Teilnehmenden und der Vortragenden, der sich u.a. um »informelles Lernen«, die Messung von Kompetenzen, die Komplexität des Bildungssystems im Allgemeinen, die großen Unterschiede zwischen den Systemen Beruf und Hochschule sowie die spezielle Problematik des Alphabetisierungsbedarfs drehte.

12.07.2017 Solidarische Bildung - Prof. Dr. Paul Mecheril

Für solidarische Bildung in der globalen Gesellschaft. Migrationspädagogische Überlegungen
Prof. Dr. Paul Mecheril (Center for Migration, Education and Cultural Studies, Universität Oldenburg)

»Migration ereignet sich eigentlich als Widerspruch zu Integration.«

Die sehr gut besuchten migrationspädagogischen Überlegungen zu solidarischer Bildung in der globalen Gesellschaft von Prof. Dr. Paul Mecheril, Professor für Pädagogik und Leiter des Center for Migration, Education and Cultural Studies an der Universität Oldenburg, beschlossen am 12.07.2017 die Vortragsreihe des Sommersemesters.

  • Zunächst eröffnete Herr Prof. Mecheril in seinem sehr dialogisch gestalteten Beitrag den Raum für seine späteren Ausführungen, indem er auf zwei Themenbereiche näher einging: Die Migrationspädagogik als Perspektive auf die migrationsgesellschaftliche Wirklichkeit und die große Bedeutung des Themas Migration in der heutigen Zeit.
  • Die Fragen, was eigentlich Migration und Gesellschaft seien, werden, so Mecheril, in Pädagogik und Erziehungswissenschaft vernachlässigt – obwohl es laut der gängigen Schultheorien eine der zentralen Aufgaben der Schule ist, Gesellschaftlichkeit sowohl zu reproduzieren als auch ggf. zu wandeln. Ebenso wichtig wie kritisch ist hierbei, dass, obgleich die Gesellschaft nicht mit dem Nationalstaat gleichgesetzt werden darf, genau dieser die Referenz für die Pädagogik darstellt. Die Migrationspädagogik kann man in diesem Zusammenhang als eine von vielen unterschiedlichen Perspektiven auf die Migrationsgesellschaft verstehen, die das sehr ausgeprägte Interesse der anderen Perspektiven an Migrant_innen näher betrachtet. Auf dieser Grundlage stellt die Migrationspädagogik Fragen nach den durch dieses übersteigerte Interesse angestoßenen Bildungsprozessen und nach den durch es produzierten Realitäten.
  • Der Begriff der Migration wird heutzutage recht affektbehaftet betrachtet – dies ist ein relativ neues Phänomen. Binnen kürzester Zeit ist Migration in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das Thema besitzt aus zwei Gründen eine besondere Wichtigkeit: Unter der Überschrift »Migration« wird ein Fundament der gesellschaftlichen Verhältnisse verhandelt, nämlich die Legitimität der Trennung anhand der Differenzlinien innen vs. außen, zugehörig vs. nicht zugehörig sowie legitim vs. illegitim. Von besonderer Bedeutung ist hierbei auch die Frage nach den Konsequenzen für Pädagogik und Pädagog_innen. Hinzu kommt, dass Migration heutzutage – auch, aber längst nicht ausschließlich akademisch –  ein »kapitales Thema« ist: Seit die Migration im allgemeinen Sprechen angekommen ist, wird Geld mit ihr verdient. Gleichzeitig birgt die erhöhte Wichtigkeit auch ein größeres Konfliktpotenzial als in früheren Zeiten.
  • Zudem wurde das Thema Integration eingehender diskutiert. Die »Selbstentdeckung der deutschen Migrationsgesellschaft als Migrationsgesellschaft« weist drei Eigentümlichkeiten auf: »die Erfindung derer mit Migrationshintergrund«, eine enge semantische Nähe zum Kulturbegriff sowie eine ausgeprägte Nähe der Konzepte Integration und Migration. Aus diesen Zusammenhängen resultiert ein in der Öffentlichkeit weit verbreiteter Diskurs, der unter Integration eine schon beinahe sakral anmutende Überhöhung des Gegebenen versteht. Der Integrationsbegriff nach heutigem Verständnis, bezogen auf Migration, wird in Deutschland etwa seit 2004 diskutiert und aufgrund seiner enormen Erfolgsgeschichte als Synonym für etwas Gutes verwendet, statt angemessen reflektiert, problematisiert oder gar kritisiert zu werden.
  • Ein weiterer diskutierter Bereich waren die Zusammenhänge des Themenkomplexes mit der Sprache und der durch die Entdeckung der Bedeutsamkeit von Sprachförderung ausgelöste »DaZ-Boom«, der die Entwicklung eines reflexiven Verhältnisses zur Thematik erschwert. Das Grundproblem in diesem Bereich ist das illusionäre Versprechen »Wenn du Deutsch lernst, wird alles gut.«, welches Diskriminierungsverhältnisse dethematisiert. An diese Problematik anschließend müsste man fragen, wie eine diskriminierungs- und auch kapitalismuskritische Sprachbildung aussehen könnte.

Über diese ausführlich besprochenen Themen hinaus wurden weitere Fragen behandelt, beispielsweise die Bedürfnisse der neu Hinzukommenden in der Migrationsgesellschaft, der Kulturbegriff als Sprachversteck für Rassekonstruktionen, Bildung und daraus resultierende Mündigkeit als Grundlage, um das eigene Schicksal zu beeinflussen und darauf aufbauend die Erklärung von Migration als Aufbegehren gegen dieses Schicksal. Aus ethischer Perspektive mündet diese Problematik in die Frage, ob es ein »geopolitisches Selbstbestimmungsrecht« gibt.

12.04.2017 Migration und Sprachkontakt - Prof. Dr. Marijana Kresić

Migration und Sprachkontakt am Beispiel kroatischstämmiger Sprecher_innen in Hannover
Prof. Dr. Marijana Kresić (Universität Zadar, Kroatien)

Tiefgreifende politische Umwälzungen, damit einhergehende Repressionen, wirtschaftliche Krisen und kriegerische Auseinandersetzungen kennzeichneten die gesellschaftliche Wirklichkeit im ehemaligen Jugoslawien und seinen Nachfolgestaaten seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. In diesem Kontext kam es zu einer Auswanderung und Flucht von Kroat_innen aus ihrer Heimat in eine Vielzahl von Ländern. 

Der Vortrag berichtet über die Ergebnisse eines Forschungsprojekts, das den Sprachgebrauch und damit einhergehende Sprachkontaktphänomene unter ausgewanderten Kroatischsprecher_innen weltweit in verschiedenen Ländern untersucht. Im Fokus des Vortrags ist das auf Deutschland bezogene Teilprojekt. Die Daten wurden soziolinguistisch im Hinblick auf Spracheinstellungen sowie die Selbstwahrnehmung und -positionierung als mehsprachige_r Sprecher_in analysiert. Zudem wurde das Material hinsichtlich kontaktlinguistischer Phänomene in den Bereichen Wortschatz, Morphologie und Syntax untersucht.

Zur Person

Prof. Dr. Marijana Kresić studierte deutsche und englische Sprache und Literatur an der Leibniz Universität Hannover, wo sie im Jahr 2005 zum Thema «Sprache, Sprechen und Identität» im Fach Germanistische Sprachwissenschaft promovierte. Seit 2009 ist sie am Institut für Linguistik der Universität Zadar tätig. Marijana Kresić forscht und veröffentlicht zu den Themen Zweit- und Tertiärspracherwerb, Mehrsprachigkeit, Deutsch als Fremdsprache, Sprache und Identität sowie zur Kontrastiven Linguistik.

19.04.2017 Intersektionalität als Perspektive - Dr. Catharina Peeck

Geschlecht, Klasse, Ethnizität und…? Intersektionalität als Perspektive auf die Migrationsgesellschaft
Dr. (des.) Catharina Peeck (Institut für Soziologie/Centre for Atlantic and Global Studies)

Das Konzept Intersektionalität schließt an feministische Debatten um die vielfältigen Diskriminierungen von Frauen unterschiedlicher Positionierung an. Sie haben Stichworte wie »triple oppression« oder Mehrfachunterdrückung hervorgebracht und die Kategorien Geschlecht, Klasse und Rasse/Ethnizität thematisiert. Intersektionalität verwirft diese Strukturkategorien nicht, verweist aber darauf, dass sie miteinander verwoben, situativ unterschiedlich wirksam und mit anderen Kategorien (z.B. Alter, Behinderung, sexuelle Orientierung) verknüpft sein können. Daran anschließend setzt sich der Vortrag mit der Frage auseinander, wie Intersektionalität als Perspektive auf die Migrationsgesellschaft nützlich ist. Anhand des Beispiels muslimischer Frauen soll diskutiert werden, wie Ungleichheiten im Hinblick auf ihre Wechselwirkungen analysiert werden können und welche politischen Strategien daraus entstehen können.

Zur Person

Dr. (des.) Catharina Peeck arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Soziologische Theorie am Institut für Soziologie der Leibniz Universität Hannover und hat ihre Dissertation über die Rolle von Geschlecht in der britischen Antiterrorstrategie im vergangenen Jahr abgeschlossen. Aktuelle Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Geschlechterforschung, Versicherheitlichung und Soziale Bewegungen.

26.04.2017 Dinge als Gefährten - Prof. Dr. Eva-Maria Thüne

Dinge als Gefährten. Die Bedeutung von Objekten und Erinnerungsgegenständen bei Flucht und Migration
Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien)

Dinge sind nicht nur Gebrauchsgegenstände, sie haben auch identitätswirksame Funktionen. Dies kann besonders in Situationen geschehen, in denen sich große Veränderungen im Leben einer Person ergeben, beispielsweise bei Flucht und Migration. In Interviews und Texten kann verfolgt werden, wie Dinge in der Erinnerung Spuren hinterlassen, die Bedeutungsmuster bilden.

Zur Person

Prof. Dr. Eva-Maria Thüne ist Professorin für Deutsche Sprache und Sprachwissenschaft an der Universität Bologna, Italien. Ihre Forschungsinteressen sind Deutsch als Fremdsprache, Soziolinguistik, Gesprächsanalyse und Literatursprache. In ihrem kürzlich gemeinsam mit Simona Leonardi und Anne Betten herausgegebenen Band »Emotionsausdruck und Erzählstrategien in narrativen Interviews. Analysen zu Gesprächsaufnahmen mit jüdischen Migranten.« setzt sie sich mit dem Tod der Eltern im Israel-Korpus auseinander.

03.05.2017 Diskriminierung: Risiken und Schutz in Hannover - Peggy Zander

Diskriminierung: Risiken und Schutz in Hannover: Was tun für eine diskriminierungsfreie Stadt?!
Peggy Zander (Antidiskriminierungsstelle, Fachbereich Soziales, Landeshauptstadt Hannover)

Seit zehn Jahren schützt das bundesrepublikanische Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) vor unzulässigen Ungleichbehandlungen und regelt Diskriminierungsverbote in verschiedenen Lebensbereichen. Wenngleich das Gesetz eine Verbesserung für den Schutz und die Durchsetzung von Menschenrechten darstellt, so sind Diskriminierungen dennoch an der Tagesordnung: an der Diskotür, im Bewerbungsverfahren und Erwerbsleben, bei der Wohnungssuche oder auf der Straße.

Der Vortrag gibt einen Einblick in die gesetzlichen Bestimmungen und stellt die Erfahrungen aus der Praxis der Antidiskriminierungsstelle dar. Aktuelle Entwicklungen sollen diskutiert und mögliche Umgangsweisen mit erlebten oder beobachteten Diskriminierungen herausgearbeitet werden.

Zur Person

Peggy Zander ist Diplom-Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (FH). Ihr Studium schloss sie 2007 mit einer Arbeit zu sexueller Belästigung im Lichte des neuen bundesrepublikanischen Antidiskriminierungsrechts ab. Seit 2015 ist Peggy Zander für die Antidiskriminierungsstelle der Landeshauptstadt Hannover tätig. Daneben arbeitet sie in einem Unabhängigen Jugendzentrum und ist Lehrbeauftragte an der Fakultät für Soziale Arbeit der Hochschule Hannover.

Zur Antidiskriminerungsstelle Hannover (ADS)

Die ADS ist eine kommunale Beratungsstelle für alle Menschen, die sich in Hannover diskriminiert fühlen oder Diskriminierungen beobachten. Sie hat den Auftrag, sich innerhalb des hannoverschen Stadtgebietes mit institutioneller oder individueller Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion, ihres Geschlechts oder Alters, einer sogenannten Behinderung oder ihrer sexuellen Identität zu beschäftigen. Insbesondere versucht sie darauf hinzuwirken, dass ungesetzliche Ungleichbehandlungen aufgrund der genannten Markierungen unterbleiben. Zu diesem Zweck betreibt die ADS auch Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit zum Thema (Anti-)Diskriminierung. An die ADS kann sich jede Einzelperson oder Gruppe wenden, die im Arbeitsleben, bei Dienstleistungen oder im Privatbereich diskriminiert wird oder solche Diskriminierungen beobachtet.

10.05.2017 Zur Sozialpsychologie des Rassismus - Prof. Dr. Rolf Pohl

»Der Dreck muss weg«. Eine Einführung in die Sozialpsychologie des Rassismus
Prof. Dr. Rolf Pohl (Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie)

Der Kern der aktuellen Fremdenfeindlichkeit ist ein Rassismus, der mal traditionell im biologischen Gewand, mal als kultureller (Neo-)Rassismus auftritt. Gemeinsames Merkmal aller unterschiedlichen Formen ist eine politisierbare Störung der sozialen Wahrnehmung, die es scheinbar mühelos erlaubt, die als feindlich konstruierte und deswegen gehasste Fremdgruppe unter Bezug auf ihre angeblichen minderwertigen »Wesensmerkmale« zu diskriminieren, auszugrenzen und zu verfolgen. Der Vortrag wird den Ursachen, Erscheinungsformen und Wirkungsweisen des Rassismus aus einer sozialpsychologischen Perspektive nachgehen, wobei insbesondere die Projektion und ihre psychosoziale Bedeutung als Mittel der Abwehr persönlicher und sozialer Ängste im Mittelpunkt stehen werden.

Zur Person

Prof. Dr. Rolf Pohl ist Professor für Sozialpsychologie am Institut für Soziologie an der Leibniz Universität Hannover und einer der Koordinatoren der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören im Bereich der Politischen Psychologie die Themen NS-Täter, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sowie im Bereich der Geschlechterforschung die Themen Männlichkeit, sexuelle Gewalt und männliche Adoleszenz.

18.05.2017 Religiöse Diversität - Prof. Dr. Wanda Alberts, am Donnerstag!

Religiöse Diversität als Gegenstand schulischen Unterrichts
Prof. Dr. Wanda Alberts (Institut für Theologie und Religionswissenschaft)

In diesem Vortrag wird in europäischer Perspektive der Frage nachgegangen, in welchen Kontexten und unter welchen Rahmenbedingungen Schüler in unterschiedlichen europäischen Ländern über religiöse Diversität lernen. Hierbei werden die unterschiedlichen Vorannahmen der Modelle analysiert, d.h. welche Art von Lernen über Religionen und Religion in der Schule in welchen Kontexten als möglich und wünschenswert betrachtet wird. Als Ort gemeinsamen Lernens über unterschiedliche Religionen kommen besonders Modelle des integrativen (d.h. gemeinsamen, von religiöser oder nicht-religiöser Zugehörigkeit unabhängigen) Religionsunterrichts in den Blick, wie er beispielsweise in Skandinavien verpflichtend ist. Möglichkeiten und Grenzen eines solchen Unterrichts werden bezüglich seines Verhältnisses zum Recht auf Religionsfreiheit anhand von Beispielen aufgezeigt. Abschließend wird erläutert, zu welchen Arten schulischen Lernens über Religion/en die säkulare Religionswissenschaft als Bezugsdisziplin in Betracht kommt.

Zur Person

Prof. Dr. Wanda Alberts ist Professorin für Religionswissenschaft an der Leibniz Universität Hannover und hat Verantwortung für die religionswissenschaftliche Lehrerausbildung für das Fach "Werte und Normen". Gemeinsam mit Tim Jensen leitet sie die Working Group on Religion in Public Education der European Association for the Study of Religions (EASR). Sie hat zu Modellen schulischen Lernens über religiöse Diversität in unterschiedlichen Ländern geforscht und an der Universität Bergen in Norwegen ein religionswissenschaftliches Lehrerausbildungsprogramm aufgebaut.

Achtung: Der Vortrag findet am Donnerstag im Raum 109 statt!

24.05.2017 Anerkennende Sichtbarkeit - Radhika Natarajan

Anerkennende Sichtbarkeit: Flüchtlingsfrauen als ehrenamtlich Handelnde
Radhika Natarajan (Projekt LeibnizWerkstatt)

Der einseitige Blick auf die mehrfache Unterdrückung einer Flüchtlingsfrau verschleiert unwillentlich deren Handlungsfähigkeit. Ihre Bemühungen und die Aushandlungsprozesse mit ihrem sozialen Umfeld in der je konkreten Situation bleiben oft verdeckt. Wahrgenommen werden Fluchtmigrierte als Empfänger_innen von Sozialarbeit und -leistungen doch kaum als Initiative Ergreifende. Laut eigener Interviewerhebungen können einige Frauen durch ehrenamtliches Engagement offenbar neue Handlungsräume schaffen und gestalten. Die damit verbundene Erfahrung einer sichtbaren Anerkennung und einer anerkennenden Sichtbarkeit trägt als ein wichtiger Ansporn zum fortwährenden freiwilligen Engagement bei. Diesen in der Forschung oft übersehenen Aspekt von Flüchtlingsfrauen als Handelnden und zwar ehrenamtlich Handelnden erstrebt der Vortrag mit Fokus auf Sprachen sichtbar zu machen. 

Zur Person

Radhika Natarajan ist für die Konzeption und Umsetzung des Projekts LeibnizWerkstatt zuständig. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind lebensweltliche wie migrationsbedingte Mehrsprachigkeit, sprachbezogene Alltagsbewältigung und im Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache.

31.05.2017 Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit - Dr. Ina Rust

Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit
Dr. Ina Rust (Institut für Soziologie)

Das ehrenamtliche Engagement zugunsten von Geflüchteten hat in den Jahren 2015/2016 in Deutschland einen Höhepunkt erreicht. Ehrenamtliche unterstützen dabei einzelne Menschen (Einzelfallarbeit in allen Lebensbereichen, z.B. Begleitung zu Banken, Arztterminen oder ins Jobcenter) oder machen gruppenbezogene Angebote (z.B. Sportkurse für Geflüchtete, private Sprachkurse, Nachhilfeangebote oder eine Mitmach-Fahrradwerkstatt). Einige helfen „nebenbei“, für andere wird das Helfen zu einer neuen Lebensaufgabe. So unterschiedlich das Engagement ist, so unterschiedlich sind Motive der Ehrenamtlichen, ihre Erfahrungen und Wertungen des Geschehenen. Im Rahmen von qualitativen Lehrforschungsprojekten wurden diese und weitere Aspekte in Interviews mit Ehrenamtlichen aus der Stadt und Region Hannover untersucht. Im Vortrag wird aus diesen berichtet und es wird ein Diskussionsimpuls gegeben.

Zur Person

Dr. Ina Rust studierte Sozialwissenschaften an der Universität Göttingen. Seit 2011 arbeitet sie am Institut für Soziologie der Leibniz Universität Hannover im Bereich der qualitativen Methodenausbildung. Eines ihrer Forschungsinteressen ist der Bereich Geflüchtetenforschung. Sie ist Mitglied der Arbeitsstelle Diversität Migration Bildung (DiversitAS).

07.06.2017 Geflüchtete in studienvorbereitenden Kursen - Fachsprachenzentrum

Geflüchtete in studienvorbereitenden Deutsch-Intensivsprachkursen: Berichte aus der Praxis
Hubert Fleddermann (Fachsprachenzentrum) und Lehrkräfte in D-intensiv (Karin Brockmann, Ulrike Diepenbrock-Akdemir, Jana Stoklasa, Wolfgang Mennecke)

Seit April 2016 arbeitet das Fachsprachenzentrum mit einem neuen Konzept, das differenziert auf die Ausgangskenntnisse der Teilnehmenden abgestimmt ist und die universitäre Umgebung in die Kursorganisation einbezieht. Geflüchtete werden von Anfang an in die Kurse integriert. Die Leibniz Universität hat sich vorgenommen, den Status »Flüchtling« möglichst schnell aus dem Fokus zu rücken. Daher lernen Geflüchtete aus Syrien, dem Südsudan, Irak und Iran an der Universität mit internationalen angehenden Studierenden z.B. aus Argentinien, Ägypten, China, Indien, Japan, Polen und Russland gemeinsam. Insbesondere diese Internationalität wird von den geflüchteten Studieninteressierten geschätzt.

Der Unterricht stützt sich auf einen handlungsorientierten Zugang zur deutschen Sprache und nutzt sowohl gängige Lehrwerke als auch selbst entwickeltes Material. Ziel der Kurse ist eine erfolgreiche Teilnahme an der Deutschen Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH). Neben dem Sprachunterricht ›an sich‹ beinhalten die Kurse auch Besuche von Vorlesungen und universitären Veranstaltungen, den Zugang zur Mensa, den Bibliotheken und dem Unisport, ›Mentoring‹ durch akademische Senior_innen sowie die Inszenierung von Probe-DSH-Prüfungen am Ende jedes Moduls.

14.06.2017 Perspektiven auf ›Integration‹ - Florian Grawan

Migrationspädagogische Perspektiven auf ›Integration
Florian Grawan (Arbeitsstelle DiversitAS)

Integration zählt als eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen, insbesondere seitdem Deutschland von einer vermeintlichen ›Flüchtlingskrise‹ betroffen ist. Es kursieren daher Begriffe wie ›Fachkräftemangel‹, ›Willkommenskultur‹ und ›Blue Card‹. Integration erscheint in der öffentlichen Debatte aber immer mehr als eine »ideologische Leerformel« (Schrader/Nikles/Griese 1976), als Phänomen, das alles und nichts bedeutet. Was genau ist also unter Integration zu verstehen? Wie wird das Phänomen von staatlicher und medialer Seite konstruiert und welche ›Integrationspolitiken‹ gehen damit einher? Anhand von Beispielen sollen in dem Vortrag die Konstruktionen eines Gegenübers von ›Wir‹ und ›den Anderen‹ im Rahmen des Integrationsdispositivs dargestellt werden.

Zur Person

Florian Grawan von der Arbeitsstelle DiversitAS studierte Sozialwissenschaften und Bildungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Pädagogisches Fallverstehen an der Leibniz Universität Hannover. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Berufspädagogik und Projektmitarbeiter im Verbundprojekt »Cultural Heritage als Ressource?«. Zu seinen Interessenschwerpunkten zählen Kritische Migrations- und Rassismusforschung, Migrationspädagogik/Diversity Education, Geflüchtetenforschung und Postcolonial Studies.

21.06.2017 Sprechen und Schreiben - Prof. Dr. Joachim Grabowski

Sprechen und Schreiben aus psychologischer Sicht
Prof. Dr. Joachim Grabowski (Institut für Pädagogische Psychologie)

Der Umgang des Menschen mit der Sprache ist unter anderem eine psychische Fähigkeit, die kognitiven und gedächtnisbezogenen Bedingungen unterliegt. Wie bei allen Fähigkeiten spielen Übung und Automatisierung eine wichtige Rolle für die individuelle Leistungsfähigkeit; das zeigt sich beispielsweise in der Geschwindigkeit oder Störbarkeit der beteiligten Prozesse. Das Erlernen einer neuen Sprache macht uns unter vielen Aspekten wieder zu Anfängern - mit typischen Konsequenzen. In dem Vortrag werden allgemeine psychologische Prinzipien der menschlichen Sprachproduktion erläutert; anhand aktueller sprachdidaktischer Forschungsergebnisse wird dann für das Schreiben von Texten gezeigt, bei welchen sprachbezogenen Fähigkeiten Jugendliche mit sprachlichem Migrationshintergrund Nachteile haben und bei welchen nicht.

Zur Person

Prof. Dr. Joachim Grabowski ist Professor für Pädagogische Psychologie und Privatdozent für Germanistische Linguistik an der Leibniz Universität Hannover. Seine aktuellen Forschungsprojekte betreffen die Diagnose und Förderung der Schreibkompetenz in der Sekundarstufe und die Theorie der Sprachproduktion. Zu seinen früheren Arbeitsfeldern gehören u.a. die Raumauffassung des Menschen und das Populärwissen in Quizshows.

28.06.2017 Traumafolgestörungen - Christiane Maurer

Zum Verständnis im Umgang mit Menschen mit Traumafolgestörungen
Christiane Maurer (Psychologisch-Therapeutische Beratung für Studierende)

Menschen auf der Flucht befinden sich in einer schwierigen und von Unsicherheit geprägten Lebenssituation. Zwei Aspekte sind in der Begegnung mit ihnen besonders relevant: zum einen sind viele von ihnen traumatisiert oder haben psychische Störungen entwickelt, zum anderen kommen sie überwiegend aus anderen Kulturkreisen. Beide Aspekte spiegeln sich in spezifischen Reaktionsweisen der betroffenen Personen wider.

In dieser Veranstaltung erhalten Zuhörende einen Überblick über Verhaltens- und Erlebensmuster der Menschen, die eine Traumafolgestörung entwickelt haben und erfahren, wie sich diese im Kontext der eigenen Tätigkeit konkret zeigen können. Informationen, wie adäquat zu handeln und zu reagieren wäre, vermitteln eine größere Handlungssicherheit im Kontakt mit traumatisierten Menschen.

Zur Person

Christiane Maurer ist Leiterin der Psychologisch-Therapeutischen Beratung für Studierende in Hannover. Nach ihrem Diplomabschluss in Psychologie erwarb sie die Approbation als Psychologische Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie. Nach Stationen mit klinischer Tätigkeit in den Bereichen Psychosomatik und Suchttherapie berät sie mit ihrem Team nun deutsche und internationale Studierende der Hochschulen Hannovers bei persönlichen und/oder studienbedingten Problemen, Störungen, Krisen und Konflikten im Studienverlauf.

Zur Einrichtung

Als Zentrale Einrichtung der Leibniz Universität Hannover erfüllt die ptb für die Studierenden der Hochschulen Hannovers einen umfassenden Beratungsauftrag bei psychosozialen Konflikten, Störungen und Krisen im Studienverlauf, der sich auf Ratsuchende der Leibniz Universität, der Medizinischen und der Tierärztlichen Hochschule Hannover, der Hochschule für Musik, Theater und Medien und der Hochschule Hannover erstreckt. Gegenwärtig werden ca. 800 Studierende der zuvor genannten Hochschulen ganzjährig in Einzelgesprächen sowie in themen- und übungszentrierten Gruppen beraten. Weitere Angebote sind offene Sprechstunden sowie eine Onlineberatung.

05.07.2017 Berufliche Aus-/Weiterbildung als zweite Chance? - Prof. Dr. Julia Gillen

Berufliche Aus- und Weiterbildung als zweite Chance? Herausforderungen für den Umgang mit Diversität und die Arbeit mit Geflüchteten
Prof. Dr. Julia Gillen (Institut für Erwachsenenbildung und Berufspädagogik & Leibniz School of Education)

Trotz aller bildungspolitischen Absichtserklärungen ist in den letzten Jahrzehnten in Deutschland eine Gleichzeitigkeit von Bildungsexpansion und sozialer Ungleichheit von Bildungschancen zu konstatieren. Auch für die berufliche und betriebliche Weiterbildung ist festzustellen, dass sie einem Selektions- und Segmentationsmechanismus unterliegt und damit exkludierende Wirkungen des Bildungssystems fortgeschrieben werden. Im Vortrag erfolgt eine Beschreibung und Analyse der Bedingungen und Möglichkeiten zur Weiterbildung für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen. Dabei wird mit Blick auf die soziale Ungleichheit und Weiterbildungsbeteiligung geprüft, welche Gruppen in welchem Umfang an Weiterbildung teilhaben. 

Zentrale Fragen des Vortrags sind:

  • Welche Maßnahmen sind wirkungsvoll, um Weiterbildungsbeteiligung auf allen Bildungsebenen zu befördern?
  • Welche Konsequenzen können vor diesem Hintergrund für die Arbeit mit Geflüchteten gezogen werden? 

Zur Person

Prof. Dr. Julia Gillen ist seit September 2011 Professorin für Berufspädagogik: Organisations- und Qualitätsentwicklung in der beruflichen Bildung an der Philosophischen Fakultät der Leibniz Universität Hannover. An der Leibniz Universität Hannover ist sie zudem Direktorin der Leibniz School of Education. Zu ihren Forschungs- und Lehrschwerpunkten an der Professur für Berufspädagogik mit dem Schwerpunkt Organisations- und Qualitätsentwicklung in der beruflichen Aus- und Weiterbildung gehören Kompetenzentwicklung und Kompetenzerfassung in schulischen und betrieblichen Kontexten sowie Fragen der Qualität und Qualitätsentwicklung in der beruflichen Bildung.

12.07.2017 Solidarische Bildung - Prof. Dr. Paul Mecheril

Für solidarische Bildung in der globalen Gesellschaft. Migrationspädagogische Überlegungen
Prof. Dr. Paul Mecheril (Center for Migration, Education and Cultural Studies, Universität Oldenburg)

»Migration« ist ein grundlegendes Kennzeichen der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die mit Migrationsphänomenen einhergehenden Wandlungsprozesse betreffen hierbei nicht allein spezifische gesellschaftliche Bereiche, sondern vielmehr Strukturen und Prozesse der Gesellschaft im Ganzen. Problembeschreibungen sind hierbei charakteristisch für das Verhältnis von Pädagogik und Migration. In seinem Vortrag möchte Herr Prof. Mecheril zunächst diese Herausforderung genauer skizzieren und anschließend den Ansatz der Migrationspädagogik vorstellen. Migrationspädagogik kann als Einladung zu einer Praxis des Denkens, Sprechens und Handelns verstanden werden, die versucht, Dominanzverhältnisse der Migrationsgesellschaft zu erkennen und Bedingungen zu erkennen, die es möglich machen, dass weniger Dominanz erforderlich ist. Die Frage, was es wohl hieße in der Migrationsgesellschaft gebildet zu sein, steht im Mittelpunkt seines Vortrags.

Zur Person

Prof. Dr. Paul Mecheril lehrt am Institut für Pädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und ist Direktor des Center for Migration, Education and Cultural Studies. An der Universität Münster promovierte er in Psychologie, an der Universität Bielefeld habilitierte er sich im Fach Erziehungswissenschaft. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem Verhältnis von Zugehörigkeitsordnungen und Bildung. 

12.04.2017 Migration und Sprachkontakt - Prof. Dr. Marijana Kresić

Migration und Sprachkontakt am Beispiel kroatischstämmiger Sprecher_innen in Hannover
Prof. Dr. Marijana Kresić (Universität Zadar, Kroatien)

Tiefgreifende politische Umwälzungen, damit einhergehende Repressionen, wirtschaftliche Krisen und kriegerische Auseinandersetzungen kennzeichneten die gesellschaftliche Wirklichkeit im ehemaligen Jugoslawien und seinen Nachfolgestaaten seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. In diesem Kontext kam es zu einer Auswanderung und Flucht von Kroat_innen aus ihrer Heimat in eine Vielzahl von Ländern. 

Der Vortrag berichtet über die Ergebnisse eines Forschungsprojekts, das den Sprachgebrauch und damit einhergehende Sprachkontaktphänomene unter ausgewanderten Kroatischsprecher_innen weltweit in verschiedenen Ländern untersucht. Im Fokus des Vortrags ist das auf Deutschland bezogene Teilprojekt. Die Daten wurden soziolinguistisch im Hinblick auf Spracheinstellungen sowie die Selbstwahrnehmung und -positionierung als mehsprachige_r Sprecher_in analysiert. Zudem wurde das Material hinsichtlich kontaktlinguistischer Phänomene in den Bereichen Wortschatz, Morphologie und Syntax untersucht.

Zur Person

Prof. Dr. Marijana Kresić studierte deutsche und englische Sprache und Literatur an der Leibniz Universität Hannover, wo sie im Jahr 2005 zum Thema «Sprache, Sprechen und Identität» im Fach Germanistische Sprachwissenschaft promovierte. Seit 2009 ist sie am Institut für Linguistik der Universität Zadar tätig. Marijana Kresić forscht und veröffentlicht zu den Themen Zweit- und Tertiärspracherwerb, Mehrsprachigkeit, Deutsch als Fremdsprache, Sprache und Identität sowie zur Kontrastiven Linguistik.

19.04.2017 Intersektionalität als Perspektive - Dr. Catharina Peeck

Geschlecht, Klasse, Ethnizität und…? Intersektionalität als Perspektive auf die Migrationsgesellschaft
Dr. (des.) Catharina Peeck (Institut für Soziologie/Centre for Atlantic and Global Studies)

Das Konzept Intersektionalität schließt an feministische Debatten um die vielfältigen Diskriminierungen von Frauen unterschiedlicher Positionierung an. Sie haben Stichworte wie »triple oppression« oder Mehrfachunterdrückung hervorgebracht und die Kategorien Geschlecht, Klasse und Rasse/Ethnizität thematisiert. Intersektionalität verwirft diese Strukturkategorien nicht, verweist aber darauf, dass sie miteinander verwoben, situativ unterschiedlich wirksam und mit anderen Kategorien (z.B. Alter, Behinderung, sexuelle Orientierung) verknüpft sein können. Daran anschließend setzt sich der Vortrag mit der Frage auseinander, wie Intersektionalität als Perspektive auf die Migrationsgesellschaft nützlich ist. Anhand des Beispiels muslimischer Frauen soll diskutiert werden, wie Ungleichheiten im Hinblick auf ihre Wechselwirkungen analysiert werden können und welche politischen Strategien daraus entstehen können.

Zur Person

Dr. (des.) Catharina Peeck arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Soziologische Theorie am Institut für Soziologie der Leibniz Universität Hannover und hat ihre Dissertation über die Rolle von Geschlecht in der britischen Antiterrorstrategie im vergangenen Jahr abgeschlossen. Aktuelle Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Geschlechterforschung, Versicherheitlichung und Soziale Bewegungen.

26.04.2017 Dinge als Gefährten - Prof. Dr. Eva-Maria Thüne

Dinge als Gefährten. Die Bedeutung von Objekten und Erinnerungsgegenständen bei Flucht und Migration
Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien)

Dinge sind nicht nur Gebrauchsgegenstände, sie haben auch identitätswirksame Funktionen. Dies kann besonders in Situationen geschehen, in denen sich große Veränderungen im Leben einer Person ergeben, beispielsweise bei Flucht und Migration. In Interviews und Texten kann verfolgt werden, wie Dinge in der Erinnerung Spuren hinterlassen, die Bedeutungsmuster bilden.

Zur Person

Prof. Dr. Eva-Maria Thüne ist Professorin für Deutsche Sprache und Sprachwissenschaft an der Universität Bologna, Italien. Ihre Forschungsinteressen sind Deutsch als Fremdsprache, Soziolinguistik, Gesprächsanalyse und Literatursprache. In ihrem kürzlich gemeinsam mit Simona Leonardi und Anne Betten herausgegebenen Band »Emotionsausdruck und Erzählstrategien in narrativen Interviews. Analysen zu Gesprächsaufnahmen mit jüdischen Migranten.« setzt sie sich mit dem Tod der Eltern im Israel-Korpus auseinander.

03.05.2017 Diskriminierung: Risiken und Schutz in Hannover - Peggy Zander

Diskriminierung: Risiken und Schutz in Hannover: Was tun für eine diskriminierungsfreie Stadt?!
Peggy Zander (Antidiskriminierungsstelle, Fachbereich Soziales, Landeshauptstadt Hannover)

Seit zehn Jahren schützt das bundesrepublikanische Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) vor unzulässigen Ungleichbehandlungen und regelt Diskriminierungsverbote in verschiedenen Lebensbereichen. Wenngleich das Gesetz eine Verbesserung für den Schutz und die Durchsetzung von Menschenrechten darstellt, so sind Diskriminierungen dennoch an der Tagesordnung: an der Diskotür, im Bewerbungsverfahren und Erwerbsleben, bei der Wohnungssuche oder auf der Straße.

Der Vortrag gibt einen Einblick in die gesetzlichen Bestimmungen und stellt die Erfahrungen aus der Praxis der Antidiskriminierungsstelle dar. Aktuelle Entwicklungen sollen diskutiert und mögliche Umgangsweisen mit erlebten oder beobachteten Diskriminierungen herausgearbeitet werden.

Zur Person

Peggy Zander ist Diplom-Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (FH). Ihr Studium schloss sie 2007 mit einer Arbeit zu sexueller Belästigung im Lichte des neuen bundesrepublikanischen Antidiskriminierungsrechts ab. Seit 2015 ist Peggy Zander für die Antidiskriminierungsstelle der Landeshauptstadt Hannover tätig. Daneben arbeitet sie in einem Unabhängigen Jugendzentrum und ist Lehrbeauftragte an der Fakultät für Soziale Arbeit der Hochschule Hannover.

Zur Antidiskriminerungsstelle Hannover (ADS)

Die ADS ist eine kommunale Beratungsstelle für alle Menschen, die sich in Hannover diskriminiert fühlen oder Diskriminierungen beobachten. Sie hat den Auftrag, sich innerhalb des hannoverschen Stadtgebietes mit institutioneller oder individueller Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion, ihres Geschlechts oder Alters, einer sogenannten Behinderung oder ihrer sexuellen Identität zu beschäftigen. Insbesondere versucht sie darauf hinzuwirken, dass ungesetzliche Ungleichbehandlungen aufgrund der genannten Markierungen unterbleiben. Zu diesem Zweck betreibt die ADS auch Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit zum Thema (Anti-)Diskriminierung. An die ADS kann sich jede Einzelperson oder Gruppe wenden, die im Arbeitsleben, bei Dienstleistungen oder im Privatbereich diskriminiert wird oder solche Diskriminierungen beobachtet.

10.05.2017 Zur Sozialpsychologie des Rassismus - Prof. Dr. Rolf Pohl

»Der Dreck muss weg«. Eine Einführung in die Sozialpsychologie des Rassismus
Prof. Dr. Rolf Pohl (Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie)

Der Kern der aktuellen Fremdenfeindlichkeit ist ein Rassismus, der mal traditionell im biologischen Gewand, mal als kultureller (Neo-)Rassismus auftritt. Gemeinsames Merkmal aller unterschiedlichen Formen ist eine politisierbare Störung der sozialen Wahrnehmung, die es scheinbar mühelos erlaubt, die als feindlich konstruierte und deswegen gehasste Fremdgruppe unter Bezug auf ihre angeblichen minderwertigen »Wesensmerkmale« zu diskriminieren, auszugrenzen und zu verfolgen. Der Vortrag wird den Ursachen, Erscheinungsformen und Wirkungsweisen des Rassismus aus einer sozialpsychologischen Perspektive nachgehen, wobei insbesondere die Projektion und ihre psychosoziale Bedeutung als Mittel der Abwehr persönlicher und sozialer Ängste im Mittelpunkt stehen werden.

Zur Person

Prof. Dr. Rolf Pohl ist Professor für Sozialpsychologie am Institut für Soziologie an der Leibniz Universität Hannover und einer der Koordinatoren der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören im Bereich der Politischen Psychologie die Themen NS-Täter, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sowie im Bereich der Geschlechterforschung die Themen Männlichkeit, sexuelle Gewalt und männliche Adoleszenz.

18.05.2017 Religiöse Diversität - Prof. Dr. Wanda Alberts, am Donnerstag!

Religiöse Diversität als Gegenstand schulischen Unterrichts
Prof. Dr. Wanda Alberts (Institut für Theologie und Religionswissenschaft)

In diesem Vortrag wird in europäischer Perspektive der Frage nachgegangen, in welchen Kontexten und unter welchen Rahmenbedingungen Schüler in unterschiedlichen europäischen Ländern über religiöse Diversität lernen. Hierbei werden die unterschiedlichen Vorannahmen der Modelle analysiert, d.h. welche Art von Lernen über Religionen und Religion in der Schule in welchen Kontexten als möglich und wünschenswert betrachtet wird. Als Ort gemeinsamen Lernens über unterschiedliche Religionen kommen besonders Modelle des integrativen (d.h. gemeinsamen, von religiöser oder nicht-religiöser Zugehörigkeit unabhängigen) Religionsunterrichts in den Blick, wie er beispielsweise in Skandinavien verpflichtend ist. Möglichkeiten und Grenzen eines solchen Unterrichts werden bezüglich seines Verhältnisses zum Recht auf Religionsfreiheit anhand von Beispielen aufgezeigt. Abschließend wird erläutert, zu welchen Arten schulischen Lernens über Religion/en die säkulare Religionswissenschaft als Bezugsdisziplin in Betracht kommt.

Zur Person

Prof. Dr. Wanda Alberts ist Professorin für Religionswissenschaft an der Leibniz Universität Hannover und hat Verantwortung für die religionswissenschaftliche Lehrerausbildung für das Fach "Werte und Normen". Gemeinsam mit Tim Jensen leitet sie die Working Group on Religion in Public Education der European Association for the Study of Religions (EASR). Sie hat zu Modellen schulischen Lernens über religiöse Diversität in unterschiedlichen Ländern geforscht und an der Universität Bergen in Norwegen ein religionswissenschaftliches Lehrerausbildungsprogramm aufgebaut.

Achtung: Der Vortrag findet am Donnerstag im Raum 109 statt!

24.05.2017 Anerkennende Sichtbarkeit - Radhika Natarajan

Anerkennende Sichtbarkeit: Flüchtlingsfrauen als ehrenamtlich Handelnde
Radhika Natarajan (Projekt LeibnizWerkstatt)

Der einseitige Blick auf die mehrfache Unterdrückung einer Flüchtlingsfrau verschleiert unwillentlich deren Handlungsfähigkeit. Ihre Bemühungen und die Aushandlungsprozesse mit ihrem sozialen Umfeld in der je konkreten Situation bleiben oft verdeckt. Wahrgenommen werden Fluchtmigrierte als Empfänger_innen von Sozialarbeit und -leistungen doch kaum als Initiative Ergreifende. Laut eigener Interviewerhebungen können einige Frauen durch ehrenamtliches Engagement offenbar neue Handlungsräume schaffen und gestalten. Die damit verbundene Erfahrung einer sichtbaren Anerkennung und einer anerkennenden Sichtbarkeit trägt als ein wichtiger Ansporn zum fortwährenden freiwilligen Engagement bei. Diesen in der Forschung oft übersehenen Aspekt von Flüchtlingsfrauen als Handelnden und zwar ehrenamtlich Handelnden erstrebt der Vortrag mit Fokus auf Sprachen sichtbar zu machen. 

Zur Person

Radhika Natarajan ist für die Konzeption und Umsetzung des Projekts LeibnizWerkstatt zuständig. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind lebensweltliche wie migrationsbedingte Mehrsprachigkeit, sprachbezogene Alltagsbewältigung und im Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache.

31.05.2017 Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit - Dr. Ina Rust

Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit
Dr. Ina Rust (Institut für Soziologie)

Das ehrenamtliche Engagement zugunsten von Geflüchteten hat in den Jahren 2015/2016 in Deutschland einen Höhepunkt erreicht. Ehrenamtliche unterstützen dabei einzelne Menschen (Einzelfallarbeit in allen Lebensbereichen, z.B. Begleitung zu Banken, Arztterminen oder ins Jobcenter) oder machen gruppenbezogene Angebote (z.B. Sportkurse für Geflüchtete, private Sprachkurse, Nachhilfeangebote oder eine Mitmach-Fahrradwerkstatt). Einige helfen „nebenbei“, für andere wird das Helfen zu einer neuen Lebensaufgabe. So unterschiedlich das Engagement ist, so unterschiedlich sind Motive der Ehrenamtlichen, ihre Erfahrungen und Wertungen des Geschehenen. Im Rahmen von qualitativen Lehrforschungsprojekten wurden diese und weitere Aspekte in Interviews mit Ehrenamtlichen aus der Stadt und Region Hannover untersucht. Im Vortrag wird aus diesen berichtet und es wird ein Diskussionsimpuls gegeben.

Zur Person

Dr. Ina Rust studierte Sozialwissenschaften an der Universität Göttingen. Seit 2011 arbeitet sie am Institut für Soziologie der Leibniz Universität Hannover im Bereich der qualitativen Methodenausbildung. Eines ihrer Forschungsinteressen ist der Bereich Geflüchtetenforschung. Sie ist Mitglied der Arbeitsstelle Diversität Migration Bildung (DiversitAS).

07.06.2017 Geflüchtete in studienvorbereitenden Kursen - Fachsprachenzentrum

Geflüchtete in studienvorbereitenden Deutsch-Intensivsprachkursen: Berichte aus der Praxis
Hubert Fleddermann (Fachsprachenzentrum) und Lehrkräfte in D-intensiv (Karin Brockmann, Ulrike Diepenbrock-Akdemir, Jana Stoklasa, Wolfgang Mennecke)

Seit April 2016 arbeitet das Fachsprachenzentrum mit einem neuen Konzept, das differenziert auf die Ausgangskenntnisse der Teilnehmenden abgestimmt ist und die universitäre Umgebung in die Kursorganisation einbezieht. Geflüchtete werden von Anfang an in die Kurse integriert. Die Leibniz Universität hat sich vorgenommen, den Status »Flüchtling« möglichst schnell aus dem Fokus zu rücken. Daher lernen Geflüchtete aus Syrien, dem Südsudan, Irak und Iran an der Universität mit internationalen angehenden Studierenden z.B. aus Argentinien, Ägypten, China, Indien, Japan, Polen und Russland gemeinsam. Insbesondere diese Internationalität wird von den geflüchteten Studieninteressierten geschätzt.

Der Unterricht stützt sich auf einen handlungsorientierten Zugang zur deutschen Sprache und nutzt sowohl gängige Lehrwerke als auch selbst entwickeltes Material. Ziel der Kurse ist eine erfolgreiche Teilnahme an der Deutschen Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH). Neben dem Sprachunterricht ›an sich‹ beinhalten die Kurse auch Besuche von Vorlesungen und universitären Veranstaltungen, den Zugang zur Mensa, den Bibliotheken und dem Unisport, ›Mentoring‹ durch akademische Senior_innen sowie die Inszenierung von Probe-DSH-Prüfungen am Ende jedes Moduls.

14.06.2017 Perspektiven auf ›Integration‹ - Florian Grawan

Migrationspädagogische Perspektiven auf ›Integration
Florian Grawan (Arbeitsstelle DiversitAS)

Integration zählt als eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen, insbesondere seitdem Deutschland von einer vermeintlichen ›Flüchtlingskrise‹ betroffen ist. Es kursieren daher Begriffe wie ›Fachkräftemangel‹, ›Willkommenskultur‹ und ›Blue Card‹. Integration erscheint in der öffentlichen Debatte aber immer mehr als eine »ideologische Leerformel« (Schrader/Nikles/Griese 1976), als Phänomen, das alles und nichts bedeutet. Was genau ist also unter Integration zu verstehen? Wie wird das Phänomen von staatlicher und medialer Seite konstruiert und welche ›Integrationspolitiken‹ gehen damit einher? Anhand von Beispielen sollen in dem Vortrag die Konstruktionen eines Gegenübers von ›Wir‹ und ›den Anderen‹ im Rahmen des Integrationsdispositivs dargestellt werden.

Zur Person

Florian Grawan von der Arbeitsstelle DiversitAS studierte Sozialwissenschaften und Bildungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Pädagogisches Fallverstehen an der Leibniz Universität Hannover. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Berufspädagogik und Projektmitarbeiter im Verbundprojekt »Cultural Heritage als Ressource?«. Zu seinen Interessenschwerpunkten zählen Kritische Migrations- und Rassismusforschung, Migrationspädagogik/Diversity Education, Geflüchtetenforschung und Postcolonial Studies.

21.06.2017 Sprechen und Schreiben - Prof. Dr. Joachim Grabowski

Sprechen und Schreiben aus psychologischer Sicht
Prof. Dr. Joachim Grabowski (Institut für Pädagogische Psychologie)

Der Umgang des Menschen mit der Sprache ist unter anderem eine psychische Fähigkeit, die kognitiven und gedächtnisbezogenen Bedingungen unterliegt. Wie bei allen Fähigkeiten spielen Übung und Automatisierung eine wichtige Rolle für die individuelle Leistungsfähigkeit; das zeigt sich beispielsweise in der Geschwindigkeit oder Störbarkeit der beteiligten Prozesse. Das Erlernen einer neuen Sprache macht uns unter vielen Aspekten wieder zu Anfängern - mit typischen Konsequenzen. In dem Vortrag werden allgemeine psychologische Prinzipien der menschlichen Sprachproduktion erläutert; anhand aktueller sprachdidaktischer Forschungsergebnisse wird dann für das Schreiben von Texten gezeigt, bei welchen sprachbezogenen Fähigkeiten Jugendliche mit sprachlichem Migrationshintergrund Nachteile haben und bei welchen nicht.

Zur Person

Prof. Dr. Joachim Grabowski ist Professor für Pädagogische Psychologie und Privatdozent für Germanistische Linguistik an der Leibniz Universität Hannover. Seine aktuellen Forschungsprojekte betreffen die Diagnose und Förderung der Schreibkompetenz in der Sekundarstufe und die Theorie der Sprachproduktion. Zu seinen früheren Arbeitsfeldern gehören u.a. die Raumauffassung des Menschen und das Populärwissen in Quizshows.

28.06.2017 Traumafolgestörungen - Christiane Maurer

Zum Verständnis im Umgang mit Menschen mit Traumafolgestörungen
Christiane Maurer (Psychologisch-Therapeutische Beratung für Studierende)

Menschen auf der Flucht befinden sich in einer schwierigen und von Unsicherheit geprägten Lebenssituation. Zwei Aspekte sind in der Begegnung mit ihnen besonders relevant: zum einen sind viele von ihnen traumatisiert oder haben psychische Störungen entwickelt, zum anderen kommen sie überwiegend aus anderen Kulturkreisen. Beide Aspekte spiegeln sich in spezifischen Reaktionsweisen der betroffenen Personen wider.

In dieser Veranstaltung erhalten Zuhörende einen Überblick über Verhaltens- und Erlebensmuster der Menschen, die eine Traumafolgestörung entwickelt haben und erfahren, wie sich diese im Kontext der eigenen Tätigkeit konkret zeigen können. Informationen, wie adäquat zu handeln und zu reagieren wäre, vermitteln eine größere Handlungssicherheit im Kontakt mit traumatisierten Menschen.

Zur Person

Christiane Maurer ist Leiterin der Psychologisch-Therapeutischen Beratung für Studierende in Hannover. Nach ihrem Diplomabschluss in Psychologie erwarb sie die Approbation als Psychologische Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie. Nach Stationen mit klinischer Tätigkeit in den Bereichen Psychosomatik und Suchttherapie berät sie mit ihrem Team nun deutsche und internationale Studierende der Hochschulen Hannovers bei persönlichen und/oder studienbedingten Problemen, Störungen, Krisen und Konflikten im Studienverlauf.

Zur Einrichtung

Als Zentrale Einrichtung der Leibniz Universität Hannover erfüllt die ptb für die Studierenden der Hochschulen Hannovers einen umfassenden Beratungsauftrag bei psychosozialen Konflikten, Störungen und Krisen im Studienverlauf, der sich auf Ratsuchende der Leibniz Universität, der Medizinischen und der Tierärztlichen Hochschule Hannover, der Hochschule für Musik, Theater und Medien und der Hochschule Hannover erstreckt. Gegenwärtig werden ca. 800 Studierende der zuvor genannten Hochschulen ganzjährig in Einzelgesprächen sowie in themen- und übungszentrierten Gruppen beraten. Weitere Angebote sind offene Sprechstunden sowie eine Onlineberatung.

05.07.2017 Berufliche Aus-/Weiterbildung als zweite Chance? - Prof. Dr. Julia Gillen

Berufliche Aus- und Weiterbildung als zweite Chance? Herausforderungen für den Umgang mit Diversität und die Arbeit mit Geflüchteten
Prof. Dr. Julia Gillen (Institut für Erwachsenenbildung und Berufspädagogik & Leibniz School of Education)

Trotz aller bildungspolitischen Absichtserklärungen ist in den letzten Jahrzehnten in Deutschland eine Gleichzeitigkeit von Bildungsexpansion und sozialer Ungleichheit von Bildungschancen zu konstatieren. Auch für die berufliche und betriebliche Weiterbildung ist festzustellen, dass sie einem Selektions- und Segmentationsmechanismus unterliegt und damit exkludierende Wirkungen des Bildungssystems fortgeschrieben werden. Im Vortrag erfolgt eine Beschreibung und Analyse der Bedingungen und Möglichkeiten zur Weiterbildung für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen. Dabei wird mit Blick auf die soziale Ungleichheit und Weiterbildungsbeteiligung geprüft, welche Gruppen in welchem Umfang an Weiterbildung teilhaben. 

Zentrale Fragen des Vortrags sind:

  • Welche Maßnahmen sind wirkungsvoll, um Weiterbildungsbeteiligung auf allen Bildungsebenen zu befördern?
  • Welche Konsequenzen können vor diesem Hintergrund für die Arbeit mit Geflüchteten gezogen werden? 

Zur Person

Prof. Dr. Julia Gillen ist seit September 2011 Professorin für Berufspädagogik: Organisations- und Qualitätsentwicklung in der beruflichen Bildung an der Philosophischen Fakultät der Leibniz Universität Hannover. An der Leibniz Universität Hannover ist sie zudem Direktorin der Leibniz School of Education. Zu ihren Forschungs- und Lehrschwerpunkten an der Professur für Berufspädagogik mit dem Schwerpunkt Organisations- und Qualitätsentwicklung in der beruflichen Aus- und Weiterbildung gehören Kompetenzentwicklung und Kompetenzerfassung in schulischen und betrieblichen Kontexten sowie Fragen der Qualität und Qualitätsentwicklung in der beruflichen Bildung.

12.07.2017 Solidarische Bildung - Prof. Dr. Paul Mecheril

Für solidarische Bildung in der globalen Gesellschaft. Migrationspädagogische Überlegungen
Prof. Dr. Paul Mecheril (Center for Migration, Education and Cultural Studies, Universität Oldenburg)

»Migration« ist ein grundlegendes Kennzeichen der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die mit Migrationsphänomenen einhergehenden Wandlungsprozesse betreffen hierbei nicht allein spezifische gesellschaftliche Bereiche, sondern vielmehr Strukturen und Prozesse der Gesellschaft im Ganzen. Problembeschreibungen sind hierbei charakteristisch für das Verhältnis von Pädagogik und Migration. In seinem Vortrag möchte Herr Prof. Mecheril zunächst diese Herausforderung genauer skizzieren und anschließend den Ansatz der Migrationspädagogik vorstellen. Migrationspädagogik kann als Einladung zu einer Praxis des Denkens, Sprechens und Handelns verstanden werden, die versucht, Dominanzverhältnisse der Migrationsgesellschaft zu erkennen und Bedingungen zu erkennen, die es möglich machen, dass weniger Dominanz erforderlich ist. Die Frage, was es wohl hieße in der Migrationsgesellschaft gebildet zu sein, steht im Mittelpunkt seines Vortrags.

Zur Person

Prof. Dr. Paul Mecheril lehrt am Institut für Pädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und ist Direktor des Center for Migration, Education and Cultural Studies. An der Universität Münster promovierte er in Psychologie, an der Universität Bielefeld habilitierte er sich im Fach Erziehungswissenschaft. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem Verhältnis von Zugehörigkeitsordnungen und Bildung.