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»mittwochs um vier«

PD Dr. Gerd Sebald bringt den Teilnehmenden der Vortragsreihe den Themenkomplex Migration und Gedächtnis näher

29. November 2017: Migration und Gedächtnis. Überlegungen auf der Basis von Alfred Schütz’ »Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch«
PD Dr. Gerd Sebald (Universität Erlangen-Nürnberg)

»Kultur als soziales Gedächtnis«

PD Dr. Gerd Sebald, Soziologe von der Universität Erlangen-Nürnberg, diskutierte mit den Teilnehmenden der Vortragsreihe »mittwochs um vier« am 29.11.2017 in einem interaktiv gehaltenen Beitrag über den Themenkomplex Migration und Gedächtnis, wobei er sich insbesondere auf Alfred Schütz‘ Aufsatz »Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch« bezog.

PD Dr. Gerd Sebald: Migration und Gedächtnis

Nach einem kurzen Gespräch über die Erwartungen und Interessen seitens des Publikums ging Herr Dr. Sebald näher auf den Zugang der Soziologie zur Migration und auf biografische Eckdaten zu Alfred Schütz ein. Die Soziologie entstand im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung, die von Anfang an durch starke Migrationsströme gekennzeichnet war. So überrascht es nicht, dass die Migration von Anfang an ein Fokus der Soziologie war – insbesondere in den USA, wo es beispielsweise im Raum Chicago, bedingt durch die Autoindustrie, viel Arbeitsmigration gab. Hier befasste sich die Soziologie bereits früh mit dem Thema Integration. Hinzu kamen dann, mit Aufkommen des Faschismus und Nationalsozialismus in Europa, die Exilmigrant_innen, zu denen auch Alfred Schütz zählte.

Ein Teilnehmer betrachtet ein Buch des Referenten

Anschließend erläuterte der Referent das Konzept der Migration aus gedächtnissoziologischer Perspektive. Gedächtnis wird hierbei als »jede Form von Bezug auf Vergangenheit« verstanden, wobei zu beachten ist, dass wir zu dieser keinen direkten Zugang haben, sondern sie stets nur anhand von »Überresten« in der Gegenwart rekonstruieren können, was unweigerlich eine Deutung des Vergangenen mit sich bringt. Soziale Gedächtnisse können durch Kollektive bzw. Gruppen geprägt werden und auch aus der Interaktion heraus entstehen, wobei diese nicht plan- oder kontrollierbar ist. Zudem können auch Organisationen, Institutionen und andere soziale Gebilde »gedächtnishaft agieren«. Migration stellt in diesem Zusammenhang eine Grenzüberschreitung und eine Verlagerung von Lebensbereichen dar und kann auch neue (z.B. soziale, politische oder kulturelle) Grenzziehungen mit sich bringen, die zu Widersprüchen und Auseinandersetzungen führen können.

Konzentriert verfolgt das Publikum den Vortrag

Zum Schluss wurden einige Kernaspekte von Schütz‘ Aufsatz diskutiert, kritisiert und ergänzt. Schütz beschreibt die typische Situation eines Neuankömmlings, wobei er explizit den Moment des Ankommens in den Blick nimmt. Gruppen verfügen über bestimmte kulturelle Muster, die durch ihre Vergangenheit geprägt sind und die ihr alltägliches Leben und ihre Wahrnehmung bestimmen. Kultur fungiert in diesem Zusammenhang als soziales Gedächtnis, wobei man zwei Modi von Gedächtnis unterscheiden muss: Das nicht reflektierte, habituelle Gedächtnis einerseits und die reflektierte, bewusste Erinnerung andererseits. Wenn nun der Lebensmittelpunkt eines Menschen verlagert wird, er also zum »Fremden« wird, entsteht eine besondere Gedächtnissituation, da seine kulturellen Muster nicht mit denen der neuen Umgebung übereinstimmen, was zu einer Krise führen kann. In kulturellen Mustern sind zudem immer auch Selbst- und Fremdbilder enthalten, was eine Abgrenzung mit sich bringt – und für massive Irritationen sorgen kann, wenn das Fremdbild nicht mit der wahrgenommenen Realität übereinstimmt. Interaktion kann diese Bilder allerdings aufbrechen, wodurch sich Grenzen auch verschieben können. Eine besondere Form von sozialem Gedächtnis ist schließlich die Sprache, deren feinere Nuancen allerdings nicht direkt lernbar sind. Daher umfasst wahrhaft gelungener Spracherwerb die habitualisierte Verwendung von Sprache und somit viel implizites Wissen. Die Beherrschung der Sprache allein ist nach diesem Ansatz also kein Maßstab für »Integration«.

PD Dr. Gerd Sebald bespricht in seinem Vortrag einen Aufsatz von Alfred Schütz

»Der Fremde« ist ein Klassiker der Migrationssoziologie. Aus heutiger Perspektive wäre jedoch mehr Differenzierung notwendig. So müsste beispielsweise zwischen freiwilliger und Zwangsmigration unterschieden und der ganze Prozess der Migration, inklusive seiner Vorbedingungen, in den Blick genommen werden. Zudem sollte die Migration aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Von Interesse wären hier beispielsweise die Migrierenden, die Aufnahmegesellschaft und auch der Verwaltungsapparat. Zudem ist »der Fremde« nie ein einzelnes Individuum, sondern immer in vielfältige soziale Zusammenhänge eingebunden, was ebenfalls berücksichtigt werden müsste.

(tk)