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»mittwochs um vier«

Dr. Rafael Ugarte Chacón vom Institut für Philosophie bei der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

08. November 2017: Ästhetiken des Zugangs - Theater für Gehörlose und Hörende
Dr. Rafael Ugarte Chacón (Institut für Philosophie)

»Theater ist halt nicht nur die Vermittlung von Inhalten in sprachlicher Form.«

Dr. Rafael Ugarte Chacón, Theaterwissenschaftler vom Institut für Philosophie, gewährte den Anwesenden am 08.11.2017 Einblicke in die Welt der Gehörlosen, indem er sich mit interkulturellen Theateraufführungen von und für gehörlose und hörende Menschen mit und ohne Migrationshintergrund beschäftigte.

Auf ein einleitendes Video, das Ausschnitte aus einer solchen Theateraufführung zeigte und im Plenum diskutiert wurde, folgte eine theoretische Einführung. Zunächst wurde hierbei der Versuch unternommen, eine Definition von Gehörlosigkeit vorzunehmen. Zu diesem Zweck wurden die drei gängigen Modelle von medizinischer Behinderung und sozialer Behinderung sowieso von kultureller Gehörlosigkeit vorgestellt und diskutiert.

Das Publikum verfolgt Dr. Rafael Ugarte Chacóns Vortrag zu Theater für Gehörlose und Hörende

Während das medizinische Modell die körperliche Seite der Gehörlosigkeit in den Fokus rückt und diese in erster Linie als defizitäre Behinderung betrachtet, die es zu heilen gilt, versteht das soziale Modell eine Behinderung in erster Linie als gesellschaftliche Kategorie und konzentriert sich auf deren soziale Konsequenzen, vernachlässigt dadurch aber die Rolle des Körpers. Das kulturelle Modell schließlich, das sich heutzutage weitgehend durchgesetzt hat – gerade auch in der Selbstdefinition der Gehörlosencommunity –  löst sich vom Label der Behinderung und betrachtet Gehörlose stattdessen als sprachliche, kulturelle und/oder ethnische Minderheit mit einer eigenen Sprache, eigenen Werten und Normen und kulturellen Traditionen. Auch dieser Ansatz vernachlässigt jedoch die Körperlichkeit und basiert auf einem statischen, elitären Kulturbegriff, der die Vielfalt der Gemeinschaft nicht abbildet.

Aufmerksam verfolgen die Teilnehmerinnen den Vortrag zu Theater für Gehörlose und Hörende

Da alle theoretischen Modelle nur zu einer unbefriedigenden Definition von Gehörlosigkeit führen, wurden im Anschluss die Unterschiede zwischen Gehörlosen und Hörenden thematisiert. Diese finden wir insbesondere in den Bereichen Körper (in Bezug auf Wahrnehmung und Hirnaktivität), Macht (in Form von Hierarchien, Diskriminierung und fehlender Chancengleichheit) und Kultur (verkörpert durch Sprache, Traditionen, Umgangsformen und differierende Körperbilder).

Dr. Rafael Ugarte Chacón führt bei seinem Vortrag ein Video vor

Im Anschluss an eine weitere Videosequenz wurden in dieser deutlich werdende Ein- und Ausschlussmechanismen, wie etwa Klänge, Lautsprache, Bilder, Gebärdensprache und Übersetzung, thematisiert und daraus das Potenzial zweisprachigen Theaters hergeleitet: Es kann Konflikte und Hierarchien nicht nur erfahrbar und verständlich machen, sondern durch die Kombination und Kontrastierung unterschiedlicher kultureller und sprachlicher Einflüsse auch Zugang schaffen und Hierarchien umkehren oder überwinden.

Das Publikum von »mittwochs um vier« verfolgt aufmerksam den Vortrag

Anhand von zwei weiteren Beispielen wurde abschließend die Kunstform des Visuellen Theaters thematisiert, welches verschiedene Elemente – beispielsweise Gebärdensprache, Pantomime und Akrobatik – kombiniert und narrativ nutzt. Visuelles Theater ist für gewöhnlich auch ohne Gebärdensprachkenntnisse verständlich; durch die Betonung von Gemeinsamkeiten blendet es Konflikte aus und nivelliert Hierarchien.

Körper, Macht und Kultur spielen also in allen Inszenierungen eine Rolle – mal explizit, mal auch nur implizit, wobei entweder der Umgang mit Unterschieden oder auch die Betonung von Gemeinsamkeiten im Mittelpunkt stehen kann.

Nach dem Vortrag wurde ausgiebig und angeregt diskutiert und nachgefragt. So ging es beispielsweise um die Unterschiede zwischen den Gebärdensprachen verschiedener Länder, das ambivalente Verhältnis der Gehörlosencommunity zur ästhetischen Wahrnehmung ihrer Sprache durch Hörende, den Stellenwert der Gebärdensprache in verschiedenen Ländern und die Verbreitung von Gehörlosentheater.

(tk)