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»mittwochs um vier«

PD Dr. Nina Clara Tiesler erläutert anhand eines Fallbeispiels die Entstehung von Ethnizität

17. Januar 2018: Ethnizität als reale Fiktion – Diskursive Konstruktionen mit gesellschaftlicher Wirkungsmacht
PD Dr. Nina Clara Tiesler (Institut für Soziologie)

»What men believe as real is real in its consequences«

Unter dem Titel »Ethnizität als reale Fiktion« beschäftigte sich PD Dr. Nina Clara Tiesler vom Institut für Soziologie am 17.01.2018 mit dem Begriff der Ethnizität, deren Entstehung und Auswirkungen.

PD Dr. Nina Clara Tiesler referiert über Ethnizität

Eingangs besprach Frau Dr. Tiesler anhand zweier Fallbeispiele die Soziogenese von Ethnizität. Diese findet stets situativ, relational und historisch kontingent statt. Zusätzlich spielt auch eine regionale Komponente hinein, wenn etwa Migrant_innen, die sich im Heimatland noch über ihre Herkunftsregion definiert hatten, im Aufnahmeland auf einmal homogenisiert werden, indem man sie auf ihr Herkunftsland reduziert: »Wären Pedros Eltern nicht nach Deutschland gegangen, hätten sie gar nicht angefangen, sich als Portugiesen zu betrachten.« Ethnizität ist also ein Wechselspiel von Fremd- und Selbstzuschreibungen, sie ist sozial konstruiert und stets historischen Zufällen unterworfen. Die historischen Prozesse, aus denen sie hervorgeht, sind »messy«, und sie ist ein stets verzerrtes und verzerrendes Konzept. Ethnizität ist »der Versuch, eine reine Kategorie einer sozialen Realität aufzuzwängen, die überhaupt nicht ‚rein‘ ist« – dennoch wird sie von vielen Menschen als wichtiger und unveränderlicher Teil ihres Selbst angesehen und zieht Konsequenzen nach sich.

Das Publikum verfolgt aufmerksam den Vortrag von PD Dr. Nina Clara Tiesler

Seit dem historischen Wendepunkt von 1989, der ein Neudenken etablierter Kategorien mit sich brachte, finden wir uns wieder in einem »Zeitalter von Traditionsverlusten«. Durch diese Entwicklung gewinnen überwunden geglaubte Kategorien wie Religion, Kultur, Abstammung oder eben Ethnizität in den Köpfen vieler Menschen wieder an Bedeutung. Die Suche nach dem Sinn der eigenen Existenz und die anstrengende Integration der vier Kräfte, denen der moderne Mensch unterworfen ist – Arbeit, Tausch, Autorität und Gewalt – führen zu einer Suche nach einfachen Antworten und »Sinnplomben« und macht die Menschen anfällig für sogenannte »Alltagsreligionen« wie etwa Fremdenhass, Nationalismus oder auch Antisemitismus. Es wird gesucht nach »Kategorien kollektiver Subjektivität«, wobei aber leicht aus dem Blick gerät, dass Ethnizität nur eine von vielen sozialen Mitgliedschaften ist. Jeder Mensch ist Mitglied vieler verschiedener sozialer Kreise – und diese Konfiguration ist bei niemandem gleich. An den Schnittstellen dieser Kreise entsteht Individualität.

PD Dr. Nina Clara Tiesler bei der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

Aus diesen Überlegungen leitete Frau Dr. Tiesler das Konzept der Ethnoheterogenese als alltagsreligiöser Verarbeitung ab – ein Zusammenspiel von gesellschaftlicher Erfahrung und Vergesellschaftungsprozessen, kennzeichnend für die diskursive Strukturierung gesellschaftlicher Großgruppen. In dieses Konzept spielen Phänomene wie Fremd- und Selbstzuschreibungen, symbolische Grenzen, Identitätspolitiken und die Organisation sozialer Ungleichheit entlang kultureller Unterschiede hinein. Stets haben wir es hierbei mit einer Dialektik von Homo- und Heterogenisierungsprozessen zu tun.

PD Dr. Nina Clara Tiesler erläutert den Interessierten die Soziogenese von Ethnizität

Als Fazit lässt sich festhalten, dass es wichtig ist, die »reale Fiktion« der Ethnizität ernst zu nehmen, da sie konkrete Konsequenzen nach sich zieht, denn mensch neigt leider nach wie vor dazu, in Kategorien zu denken, und von diesen Kategorien können wir uns vorerst offenbar nicht befreien.

Im Anschluss an den Vortrag wurde einmal mehr angeregt diskutiert, etwa über die Problematik der »Traditionsverluste«, das Wechselspiel von Herrschaftssicherung und Alltagsreligion sowie über die Unterschiede zwischen kollektiver Subjektivität, Ethnizität und Identität.

(tk)