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»mittwochs um vier«

Jana Stoklasa Referiert über Wiedergutmachungsverfahren

14. November 2018: Umstrittenes Vermögen! Kalter Bürgerkrieg und Vergangenheitsblindheit in Wiedergutmachungsverfahren für nationalsozialistisches Unrecht (1948 bis 1968)

Jana Stoklasa (Institut für Didaktik der Demokratie)

Über aufgeklärtes Geschichtsbewusstsein und die Wichtigkeit von angemessener Aufarbeitung

Die Wiedergutmachungsverfahren für in der NS-Zeit erlittenes Unrecht der Jahr 1948 bis 1968 waren Thema des Beitrags am 14.11.2018. Jana Stoklasa, Historikerin vom Institut für Didaktik der Demokratie, stellte uns ihre im Entstehen befindliche Dissertation vor, in deren Rahmen sie die heimischen Rückerstattungsverfahren Zugunsten der SPD, der KPD sowie der Konsumgenossenschaft in Hannover untersucht hat.

Die Rückerstattungsverfahren dienten der Rehabilitation und dem Wiederaufbau von Parteien und anderen Organisationen, die während der Zeit des Nationalsozialismus unter Verfolgung zu leiden hatten. Sie stehen in der öffentlichen Wahrnehmung im Schatten der Entschädigung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, erlauben bei näherer Betrachtung aber interessante Einblicke, etwa in die Hintergrundbedingungen des Diskurses um die deutsch-deutsche Teilung.

Radhika Natarajan eröffnet den Vortrag von Jana Stoklasa

Der Begriff »Wiedergutmachung« enthält die Komponenten »bezahlen/ersetzen« und »sühnen«, vereint also materielle Entschädigung und das Auseinandersetzen mit der eigenen Verantwortung seitens der Täter. Hinter dem Begriff verbirgt sich ein komplettes Programm, das die Bevölkerung wachrütteln sollte – und durchaus kontrovers diskutiert wurde. Das damals entwickelte Konzept des freiwilligen Engagements anstelle erzwungener Reparationen ist bis heute exemplarisch. Materielle Leistungen sind dabei nur ein Teilaspekt: Die freiwillige Anerkennung der Verantwortung und das Sich-Distanzieren von verübtem Unrecht dienen auch der Eigenrehabilitation.

Beim Vortrag von Jana Stoklasa

Der geschichtspolitische Kontext der Wiedergutmachungsverfahren wird geprägt durch den Wunsch nach außenpolitischer Eigenrehabilitation, eine – durch das weitgehende Scheitern der Entnazifizierung verursachte – »Politik der Amnesie und Amnestie« und die kommunikative Stille, das Schweigen über und Nichtbefassen mit den eigenen Erlebnissen und Taten während der NS-Zeit. Begünstigt wurde das Schweigen durch die Spaltung Deutschlands in BRD und DDR; weitere Einflussfaktoren waren der aufkommende Antikommunismus als verbindendes Element sowie der Druck der sogenannten »WESTernisierung«, also eines Kulturtransfers aus den USA. Die SPD wurde vor diesem Hintergrund letztlich in die »Red Paranoia« eingebunden, während die KPD verboten und stigmatisiert wurde.

Wiedergutmachungsverfahren sind das Thema des Vortrags von Jana Stoklasa

Frau Stoklasa erläuterte ausführlich die Geschichte der untersuchten Organisationen vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg, ihre Vermögensbewegungen und die letztendlich erfolgte – oder auch ausgebliebene – Wiedergutmachung. Als Quintessenz dieser Ausführungen lässt sich festhalten, dass die SPD ausgiebig für erlittenes Unrecht entschädigt wurde, während die KPD in der Praxis ausgeschlossen blieb, obgleich sie theoretisch das Recht auf Entschädigung gehabt hätte. Stattdessen wurde sie letzten Endes verboten und ihre verbliebenen Vermögenswerte eingezogen. Die Konsumgenossenschaft hingegen wurde letztlich zwar weitgehend rehabilitiert, verlor allerdings ihre gemeinwirtschaftlichen Werte und versank schließlich in der Versenkung. In der heutigen Erinnerungskultur kommt sie praktisch nicht vor.

Bei allen untersuchten Beispielen wird erkennbar, dass die Erinnerungskultur häufig nur wenig mit einer tatsächlichen Aufarbeitung der Geschehnisse zu tun hat; sei es weil manche Akteure ausgeblendet und andere überbetont werden oder weil Ereignisse völlig unter den Tisch gekehrt werden. Dies dürfte darin begründet liegen, dass die Verfahren mit dem politischen Rahmen eng verwoben sind und durch ihn geprägt wurden – ein Einfluss, der bis heute fortwirkt. Es stellt sich die Frage, inwieweit eine entstehende Forschungsliteratur zu dieser bislang unerforschten Thematik auf den Diskurs und die Erinnerungskultur einwirken kann.

(tk)