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»mittwochs um vier«

Den letzten Vortrag des Jahres 2018 hält Prof. Dr. Paul Mecheril

20. Dezember 2018: Warum Sprache verletzen kann. Rassismustheoretische Überlegungen
Prof. Dr. Paul Mecheril (Center for Migration, Education and Cultural Studies, Universität Oldenburg

Mehr Empfindsamkeit für die Gewaltdimension der Sprache als Bildungsziel

Im letzten Beitrag des Jahres 2018 gestaltete Prof. Dr. Paul Mecheril, ein stets gern gesehener Gast von der Universität Oldenburg, mit den Teilnehmenden einen Dialog über die Machtdimensionen und Verletzungspotenziale von Sprache aus dem Blickwinkel der Rassismuskritik.

Sprache ist weit mehr als nur die einzelnen Laute. In sprachlichen Akten können Unterschiede der Anerkennung zum Ausdruck kommen; Sprache ist also (auch) eine Dimension von Anerkennung und Missachtung. Dies ist bedeutsam, da mittels Sprache Macht ausgeübt werden kann: Wenn ich mitbekomme, dass schlecht über mich oder mit mir gesprochen wird, dann erreicht mich das auf einer emotionalen Ebene – insbesondere dann, wenn dieses Sprechen aus einer Position der Stärke heraus geschieht, wenn etwa eine Person mit Autorität oder eine Gruppe spricht. Die Macht des Urteils der Anderen über mich wächst in dem Maße, wie mir die Mittel fehlen, darauf zu reagieren.

Prof. Dr. Paul Mecheril ist ein stets gern gesehener Gast der LeibnizWerkstatt

Wieso aber kann Sprache diese Wirkung auf uns haben? Die Philosophin Judith Butler erklärt dies folgendermaßen: Sprache kann verletzten, weil wir unseren Subjektstatus darüber gewinnen, dass wir sprachlich verfasst sind. Wir Menschen »erkennen« uns (auch) sprachlich, sind (nicht ausschließlich, aber auch) sprachlich verfasste Wesen. Diese Erkenntnis ist für die Rassismuskritik ein wichtiger theoretischer Einstieg und führt zu dem Schluss, dass wir viel sorgsamer mit Sprache umgehen müssten und mehr Empfindsamkeit für die verletzende Dimension der Sprache ein wichtiges Bildungsziel wäre.

Im Zusammenspiel von Sprache und Macht stehen drei Aspekte im Mittelpunkt: 1) Im Sprechen werden Handlungen vollzogen, das heißt die Sprache als soziale Praxis stellt Realitäten her. 2) Die Sprache ist durch Körperlichkeit geprägt, wir sprechen mit dem Körper und nehmen mit diesem wahr, wobei die körperliche Erfahrung über den reinen Austausch von Lauten weit hinaus geht. Diese Körperlichkeit des Sprechens, Merleau-Ponty (1986) spricht hier von »Zwischenleiblichkeit«, ist ursächlich für eine spezifische Empfindlichkeit und macht uns durch Sprache in besonderem Maße verletzbar. 3) Die Anerkennung von Autorität ist die Voraussetzung für das Wirksamwerden von Adressierungen. Fehlt diese, kann demnach auch keine Verletzung erfolgen – wenn ich demjenigen, der mich beleidigt, keine Autorität zuschreibe, mir die Aussagen egal sind, erreicht mich demnach auch die Beleidigung nicht. Wenn ich mich aber beschämt fühle, bestätige ich damit die »Ordnung«, der die Beleidigung entstammt.

Prof. Dr. Paul Mecheril referiert über verletzende Sprache

Rassistische Sprache verletzt daher, weil der Rassismus, obgleich er offiziell verfemt ist, als moderne soziale Ordnung Geltung beansprucht – und weil ihm durch die Betroffenen Geltung zugeschrieben wird: »Ohne meine Beteiligung würde die Herabwürdigung nicht funktionieren.« Damit ist natürlich nicht gemeint, dies gilt es zu beachten, dass die Opfer verletzender Rede für diese verantwortlich wären! Die Konsequenz ist vielmehr, dass wir alle dringend empfindsamer und reflektierter mit Sprache umgehen müssten, um Verletzungspotenziale einzuschränken. Dies gilt umso mehr, da ich nicht selbst angegriffen werden muss, um mich diskriminiert zu fühlen, sondern es ausreicht, dass ich mich mit einer verletzten Gruppe identifiziere.

Der Rassismuskritik geht es in diesem Zusammenhang nicht primär darum, Rassismus als solchen zu identifizieren (obgleich dieses Ziel in anderen Feldern sehr wichtig ist); sie geht mir Urteilen eher zurückhaltend um. Die Rassismuskritik möchte vielmehr mit einer bestimmten Brille auf die soziale Realität blicken und so auch verdeckte rassistische Tendenzen zu Tage fördern, wie Herr Prof. Mecheril anhand verschiedener Textbeispiele darlegte. So muss ein Text nicht einmal unbedingt per se rassistisch sein, die Brille der Rassismuskritik kann aber dabei helfen, Konstruktionen deutlich zu machen, die (bewusst oder unbewusst) rassistische Botschaften transportieren.

Bei der Vortragsreihe geht es diesmal um verletzende Sprache

Der Rassismus ist eine vergleichsweise moderne Erfindung, denn er benötigt eine Rassekonstruktion, die wir erstmals im Rahmen des Kolonialismus vorfinden. Rasse und Rassismus dienten hier einer »vernunftbasierten« Legitimation von Herrschaft, die es ohne Gelehrte nicht gegeben hätte. Rassismus existiert, so das Fazit des Beitrags, weil wir Andere brauchen, um uns selbst zu definieren. Die potenzielle Inferiorität einer wie auch immer definierten und von uns abgegrenzten Gruppe stellt unsere imaginierte Superiorität sicher – freilich ein hoch fragiles Konstrukt.

(tk)