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»mittwochs um vier«

Dr. Mihaela Iclodean: Wo Ich bin, bist auch Du

21. November 2018: Wo Ich bin, bist auch Du. Spielerische Zugänge zu Fremdheit im Kontext der gegenwärtigen Flüchtlingssituation
Dr. Mihaela Iclodean (Freischaffende Künstlerin)

»Fremdsein zulassen und damit Nähe schaffen«

Am 21.11.2018 stellte uns Dr. Mihaela Iclodean, freischaffende Künstlerin, Theaterpädagogin und promovierte Soziologin, Ergebnisse ihrer Dissertation und darauf aufbauende Projekte vor. Obgleich ihre Forschungsarbeit bereits einige Jahre zurück liegt, gewinnt sie durch die Ereignisse des »Sommers der Migration« eine neue Dimension der Bedeutung.

Frau Dr. Iclodeans Arbeit ist eine Verknüpfung von Psychoanalyse und Gesellschaftstheorie, Theater und Kunst. Unter diesem multiperspektivischen Ansatz befasst sie sich mit der therapeutischen Wirkung von Theaterarbeit. Wichtig hierbei: Trotz dieser Wirkung ist Theaterpädagogik keine Therapie – daher ist es von zentraler Wichtigkeit, die Teilnehmenden nicht zu pathologisieren. Im Zentrum der Arbeit stehen das Unsagbare – eines der primären Interessensgebiete der Psychoanalyse – sowie die »Befreiung vom Herrschaftscharakter der Sprache«. Ziel der Arbeit ist, die (empirischen) Erkenntnisse für (Theater-)Pädagog_innen nutzbar zu machen und eine anwendbare Methode zu entwickeln.

Beim Vortrag von Dr. Michaela Iclodean

Im Rahmen der empirischen Studie führte die Vortragende das Projekt »8 Leben« durch, ein Wechselspiel von Szenen, Interviews und öffentlicher Aufführung, geleitet von der Fragestellung: »Wie kann Kunst bzw. Theater dazu beitragen, etwas sichtbar zu machen, ohne die Beteiligten zu retraumatisieren?« Hierbei muss man klar zwischen Regiearbeit und theaterpädagogischer Arbeit unterscheiden, denn während erstere sich auf das Endprodukt eines Projekts fokussiert, steht bei letzterer der Prozess im Mittelpunkt.

Zur Beantwortung der Frage unterzog Frau Dr. Iclodean die Interviews einer tiefenhermeneutischen Analyse, um enthaltene unbewusste Botschaften zu entschlüsseln. Hierbei traten die Themenschwerpunkte Autorität, Fremdheit, Symbiose, Gender, Emanzipation und Idealisierung zu Tage, die sie anschließend unter Zuhilfenahme weiterer Theorien analysierte.

Dr. Mihaela Iclodean referiert über die theoretischen Grundlagen ihrer Arbeit

Als psychoanalytische Zugänge dienten die Theorie der Anpassungsmechanismen nach Parin, der Spielzustand nach Winnicott und der Innere Rassismus nach Davids. Für tiefergehende Informationen zum theoretischen Hintergrund sei an dieser Stelle auf den im Entstehen befindlichen Sammelband Sprache, Flucht, Migration. Kritische, historische und pädagogische Annäherungen, herausgegeben von Radhika Natarajan, verwiesen, in welchem der vollständige Beitrag von Mihaela Iclodean nachzulesen sein wird.

Auf Grundlage ihrer theoretischen und praktischen Arbeit entwickelte Frau Dr. Iclodean schließlich das »Vierphasenmodell des autobiographischen Theaters«. Zentral sind bei diesem eine Atmosphäre der Offenheit und des Vertrauens, das Vermeiden von Projektionsmechanismen und das Zulassen und Aushalten von Kritik. Kritik seitens der Teilnehmenden ist ein wichtiger und heilsamer Teil des Prozesses; die Spielleitung muss diese aufnehmen und nicht vergeltend reagieren, sondern sie als das behandeln, was sie ist: Ein Ausdruck der Angst vor der Aufführung. Im Einzelnen zeichnen sich die verschiedenen Phasen durch die folgenden Schwerpunkte aus:

Dr. Mihaela Iclodean stellt ihre Ergebnisse vor
  • Phase 1: Offenheit und Vertrauen, Materialsammlung, Erstpräsentation
  • Phase 2: Magische Kontrolle und Omnipotenz, Spiegelfunktion der Leitung, Rollengestaltung
  • Phase 3: Prozess von der Person zur Figur, Alleinsein in Anwesenheit Anderer
  • Phase 4: Überschneidung von mehreren Spielbereichen, Stückentwicklung und Aufführung, Kulturelles Erleben.

Im Anschluss an den Vortrag führte Frau Dr. Iclodean ein Video vor, das einen Ausschnitt aus einem weiteren Projekt ihrer theaterpädagogischen Arbeit zeigte. Anschließend entstand eine lebhafte Nachfrage- und Diskussionsrunde, in deren Rahmen beispielsweise über gesellschaftliche Teilhabe, den Umgang mit biographischem Material und den sensiblen Umgang mit dem Thema Traumatisierung gesprochen wurde.

(tk)