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»mittwochs um vier«

Radhika Natarajan eröffnet den Vortrag von Dr. Alexis Feldmeier García

30. Januar 2019: Sprachlernberatung und Lernberatung
Dr. Alexis Feldmeier García (Westfälische Wilhelms-Universität Münster)

»Nachholende Grundbildung im Erwachsenenalter – wieso sollte das klappen?«

Sprachlernberatung im Besonderen und Lernberatung im Allgemeinen standen im Fokus des Vortrags von Dr. Alexis Feldmeier García, Sprachdidaktiker von der Universität Münster. Diese Themen brachte er den Anwesenden anhand mehrerer Projekte zum Thema Analphabetismus näher.

Beim heutigen Vortrag geht es um Lernberatung und Sprachlernberatung

Im Anschluss an eine kurze Einführung in die eigene Arbeit ging Dr. Feldmeier García näher auf Analphabetismus in Deutschland ein. Er stellte die verschiedenen Arten vor (primärer Analphabetismus, funktionaler Analphabetismus und Zweitschriftlernen; für nähere Informationen hierzu sei an dieser Stelle auf Herrn Dr. Feldmeier Garcías Vortrag aus dem Wintersemester 2017/18 verwiesen) und präsentierte statistische Daten zum Thema. Besonders interessant hierbei: Rund 14,5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind funktionale Analphabet_innen, können also nicht ausreichend lesen und schreiben, obwohl sie eine Schule besucht, teilweise sogar abgeschlossen haben. 41,8 Prozent dieser Menschen haben eine andere Erstsprache als Deutsch; Menschen mit Migrationshintergrund sind hier also überdurchschnittlich häufig vertreten.

Dr. Alexis Feldmeier García referiert über (Sprach-)Lernberatung

Mehrere Forschungsprojekte befassten sich mit dem Thema Analphabetismus bei und Alphabetisierung von Erwachsenen, die schließlich in das Forschungsprogramm AlphaDekade 2016–2026 mündeten. Dieses Programm widmet sich der »Förderung von lebensweltlich orientierten Entwicklungsvorhaben in der Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener« und ist besonders bemerkenswert, da es eine übergreifende Kooperation von Bund und Ländern ist. Das Projekt hat es sich (unter anderem) zum Ziel gesetzt, die Kompetenzen der Betroffenen zu verbessern, die Forschung auszubauen (bislang gibt es keine Forschung zu den Ursachen von funktionalem Analphabetismus), die Professionalisierung der Lehrkräfte zu verbessern und vieles mehr.

Dr. Alexis Feldmeier García spricht über Analphabetismus in Deutschland

Anschließend ging der Vortragende näher auf den Themenkomplex Alphabetisierung und Grundbildung ein. Hier spielt die Erreichbarkeit der Lernenden eine Rolle: Von den rund 7,5 Mio. funktionalen Analphabet_innen nehmen weniger als 2 Prozent an Kursen teil, einerseits aus Mangel an Lehrkräften, andererseits vermutlich auch aus Mangel an Motivation bzw. Problembewusstsein. Häufig hat man sich in seinem Leben gut eingerichtet und kommt ohne Schriftsprache zurecht, man hat einen Arbeitsplatz und so auch gar keine Zeit, einen Kurs zu besuchen. Einen Motivationsfaktor könnte ein erzwungener Milieuwechsel darstellen, etwa eine Beförderung oder auch der Verlust des Arbeitsplatzes. Faktoren mit negativer Auswirkung auf die Motivation könnten Stigmatisierung und ein negatives Selbstbild sein. Migration, Flucht, fehlende Lernmöglichkeiten im Heimatland und Traumatisierung dürften ebenfalls wichtige Einflussfaktoren sein. Daher muss im Rahmen der Grundbildung mehr als nur die Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten erfolgen, vielmehr stehen vor allem Persönlichkeitsentwicklung und Beziehungsarbeit im Fokus.

Geeignete Angebote für verschiedenste Anforderungsbereiche sind wichtig und notwendig. Der Vortragende ging näher auf das Integrationskurssystem und dessen verschiedene Angebote und Ergänzungen ein. Trotz vielfältiger Angebote kann es allerdings passieren, dass Menschen »aus dem System fallen«, die Kurse hinter sich lassen und immer noch nicht alphabetisiert sind – an dieser Stelle können die Angebote der AlphaDekade einspringen, da diese über einen anderen Topf finanziert werden.

Dr. Alexis Feldmeier García stellt verschiedene Beratungsansätze vor

Im letzten großen Block des Vortrags beschäftigte sich Dr. Feldmeier García näher mit Beratung und Alphabetisierung in der Grundbildung. Das Schulsystem ist geprägt durch Idealisierungen und angenommene Homogenität. Die Annahme standardisierter Lernender führt zu einem starren Rahmen mit geschlossenen Curricula, definierten Zielen und Zeiträumen etc. Dies wird jedoch der Realität keinesfalls gerecht und so stellt sich die Frage, wie man Lernenden helfen kann. Hier kommt die Lernberatung ins Spiel, die sich auf verschiedene Weisen gestalten kann. Die verschiedenen Beratungsansätze umfassen etwa den individualpsychologischen Ansatz und die Vorstellung von Lernenden als »System«. Wichtig ist insbesondere, dass Beratende nicht direktiv auftreten, sondern die Autonomie der Lernenden fördern. Anhand zweier weiterer Projekte (eines abgeschlossen, eines in der Anfangsphase befindlich) ging der Vortragende näher darauf ein, wie angemessene (Sprach-)Lernberatung im Sozialraum aussehen und an welchen Punkten man ansetzen könnte, um mehr Menschen mit Alphabetisierungsbedarf zu erreichen.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass auf diesem Gebiet sehr viel Bewegung zu verzeichnen ist. Es passiert viel, doch Ergebnisse stehen derzeit noch aus – man darf also gespannt sein, was die Zukunft der Lernberatung im Alphabetisierungsbereich bringen wird.

(tk)