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»mittwochs um vier«

Beim Vortrag zu inklusiver Schulentwicklung

07. November 2018: Inklusive Schulentwicklung: Grundlagen, Widersprüche und Perspektiven

Ann-Kathrin Arndt (Institut für Sonderpädagogik)

»However pure and universal the principle of inclusion may be, its reality will always be partial and compromised«

Am 07.11.2018 startete die Vortragsreihe »mittwochs um vier« mit einem Beitrag zum Thema Inklusion ins Wintersemester 2018/19. Ann-Kathrin Arndt vom Institut für Sonderpädagogik informierte uns über Grundlagen, Widersprüche und Perspektiven der inklusiven Schul-entwicklung.

Zunächst brachte uns Frau Arndt die Ausgangspunkte der Diskussion näher, wobei nicht vergessen werden darf, dass das Thema ein „unsicheres Terrain“ ist und auch andere Perspektiven als die präsentierte existieren. Schulische Inklusion ist ein zentrales, allgegenwärtiges und viel diskutiertes Thema im Bildungsbereich. Einige Meilensteine der Diskussion um „Schule für alle“ sind die Empfehlung des deutschen Bildungsrats von 1973, die Weltkonferenz „Pädagogik für besondere Bedürfnisse: Zugang und Qualität“ der UNESCO im Jahr 1994 sowie die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen von 2006.

Radhika Natarajan eröffnet die Vortragsreihe im Wintersemester 2018/19

Anschließend befasste sich die Vortragende mit den Begriffen Integration und Inklusion und deren Irritationspotenzial. Es zeigt sich, dass beide unklar und nicht trennscharf sind. Es gibt unterschiedliche Interpretationen beider Begriffe, die pädagogische Konsequenzen nach sich ziehen. Inklusion muss zudem nicht nur als nationales, sondern auch als globales Konzept betrachtet werden.

Die „Vielfalt der Inklusionsdiskurse“ befasst sich mit einer ganzen Reihe von Fragen: Wer ist Teil des Adressatenkreises? Geht es um Behinderung im engeren Sinne, um verschiedene Diversitätsmerkmale im weiteren Sinne oder prinzipiell um alle Lernenden, insbesondere aber um vulnerable Gruppen? Hier ist auch das Spannungsfeld zwischen der Identifizierung dieser vulnerablen Gruppen und deren möglicher Stigmatisierung zu beachten.

Die Teilnehmenden der Vortragsreihe infomieren sich im Eröffnungsvortrag über Inklusion

In diesem Zusammenhang unternahm Frau Arndt einen kurzen Exkurs zu den Themen Behinderung und sonderpädagogischer Förderbedarf, in dessen Rahmen sie sich näher mit verschiedenen Modellen von Behinderung (alltagssprachlich, medizinisch, mehrdimensional-relational, menschenrechtlich, soziale Konstruktion) und mit der Konstruktion von Randgruppen befasste. Sonderpädagogischer Förderbedarf oder Unterstützungsbedarf wird auf landesschulrechtlicher Basis bestimmt und ist zwischen den Bundesländern nicht einheitlich. Generelle Förderschwerpunkte sind Lernen, Sprache, emotionale und soziale Entwicklung, geistige Entwicklung, körperliche und motorische Entwicklung, Hören und Sehen.

Nach der Präsentation einiger Statistiken zum Thema hielt die Vortragende als Zwischenfazit fest, dass bei einer ausschließlichen Fokussierung auf Behinderung bzw. Förderbedarf und die Frage der Platzierung zwei Gefahren bestehen: Andere Differenzlinien sowie gesellschaftliche Benachteiligungsstrukturen und ihr Einfluss auf die Bildungsprozesse bleiben ausgeblendet und übergreifende (schulweite) Entwicklungsprozesse werden ausgeklammert.

Ann-Kathrin Arndt beim Vortrag zu inklusiver Schulentwicklung

Weitere Fragen der Diskussion um die Inklusion beziehen sich auf deren Begründung bzw. Rechtfertigung (ethisch/menschenrechtsbasiert; mit welcher Wirkung?), ihre Umsetzung (politisch oder pragmatisch), beteiligte Dimensionen (Zugang, Akzeptanz, Partizipation, Entwicklung) und auf welcher Ebene (individuell, interaktionell, institutionell, gesellschaftlich) sie geschehen soll. Die Theorie integrativer Prozesse betrachtet in diesem Zusammenhang ein dynamisches Wechselspiel der vier Ebenen und versteht unter „integrativ“ im weitesten Sinne das Zustandekommen von „Einigungen“ zwischen verschiedensten widersprüchlichen Instanzen.

Betrachtet man inklusive Schulentwicklung, so muss man zwischen dem Prinzip und der Praxis unterscheiden. Widersprüche entstehen sowohl durch die Inklusion an sich als auch durch die Schule. Wichtig sind Aufmerksamkeit für inklusive und exklusive Prozesse an allen Schulen und ein „spezifischer Reflexionsmodus“. Inklusive Schulentwicklung muss demnach innerhalb des institutionellen Kontexts (Schulorganisation, staatliche Vorgaben, Studiengänge) betrachtet werden.

Ann-Kathrin Arndt referiert über Inklusion in Schulen

Anschließend stellte Frau Arndt Ergebnisse aus der qualitativen Studie „Gute inklusive Schule“ aus dem Jahr 2016 vor, die sie gemeinsam mit Professor Rolf Werning vom Institut für Sonderpädagogik durchgeführt hat. Inklusion betrifft nach den Ergebnissen dieser Studie stets die ganze Schule; inklusive Schulentwicklung ist demnach eine Querschnittsaufgabe – die sich auch mit Rückschritten und gegenläufigen gesellschaftlichen Entwicklungen konfrontiert sieht. Inklusiver Unterricht ist also durchaus kein „Selbstläufer“, sondern muss als Daueraufgabe begriffen werden – in die auch die Eltern mit einbezogen werden müssen.

Aufbauend auf bisherigen Forschungsergebnissen lässt sich festhalten, dass es den einen Weg zur inklusiven Schule nicht gibt. Es lassen sich jedoch vier Kennzeichen inklusiver Schulen ausmachen: Die Bedeutung von Schulkultur, Leitung und Mitbestimmung, Strukturen und Praktiken sowie Unterstützung durch Bildungspolitik und Verwaltung.

Abschließend wagte Frau Arndt einen Ausblick „beyond the school gate“ und hielt fest, dass die Fokussierung auf Einzelschulen nicht ausreichend ist. Darüber hinaus sind auch Verbindungen zwischen Schulen sowie Ansätze über die Schulebene hinaus in den Fokus zu nehmen, etwa nachbarschaftliche Ansätze, politische Kontexte, Ressourcen der Familien oder auch Selbstverständnis und Interessen beteiligter Fachkräfte.

Poster zur Vortragsreihe im Wintersemester 2018/19

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Inklusion im Spannungsfeld zwischen Entwicklung und Aufrechterhaltung des Status Quo zu sehen ist. Sie fördert nicht nur die Schwachstellen des Schulsystems zu Tage, sondern ist hierzulande auch in Gefahr. Wir sind konfrontiert mit dem Risiko der Ausblendung bzw. „Pädagogisierung“ sowohl von gesellschaftlichen Ungleichheiten als auch von schulischen Konstruktionsprozessen. Es stellt sich daher die wichtige Frage nach Möglichkeiten und Formaten der Reflexion und des Hinterfragens von Selbstverständlichkeiten sowohl im Kontext der Entwicklung inklusiver Schulen als auch in der Lehrer_innenbildung.

(tk)