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»mittwochs um vier«

Vor dem Vortrag zu Gedächtnis und kultureller Identität

28. November 2018: Gedächtnis und kulturelle Identität
PD Dr. Gerd Sebald (Universität Erlangen-Nürnberg)

»Gedächtnis als Grundlage von Identität«

Am 28.11.2018 besuchte ein alter Bekannter die Vortragsreihe: PD Dr. Gerd Sebald von der Universität Erlangen-Nürnberg, seines Zeichens Soziologe mit dem Schwerpunkt Gedächtnissoziologie, befasste sich in einem dialogisch gestalteten Vortrag mit den Zusammenhängen zwischen Gedächtnis, Erinnerung, Vergessen, Identität, Kultur und Migration.

Der Ansatz von Herrn Dr. Sebald und seinen Kolleg_innen begreift »Gedächtnis« als genuin sozialen Prozess. Ihr Ziel ist, das Gedächtnis in der Soziologie zu etablieren und als Forschungswerkzeug nutzbar zu machen, wobei sie sich ausdrücklich gegen den Fokus auf das individuelle Gedächtnis entscheiden. Wenn wir erinnern, greifen wir vielmehr stets auf soziale Muster zurück und generieren diese auch neu. Gedächtnis ist hierbei ein weiter gefasster Begriff und umfasst jegliche Art von Vergangenheitsbezügen – nicht nur kognitiver Art, sondern beispielsweise auch Handlungsgewohnheiten oder soziale Gepflogenheiten. Das Erinnern ist demgegenüber die konkrete Aktualisierung von Gedächtnisinhalten und zwangsläufig immer auch mit dem Vergessen verknüpft: Wenn wir auf bestimmte Aspekte fokussieren, treten automatisch andere in den Hintergrund, werden ausgelassen und vergessen.

Radhika Natarajan eröffnet den Vortrag von PD Dr. Gerd Sebald

Der Begriff »Gedächtnis« bezieht sich auf mehrere Ebenen: Körper, Bewusstsein und Soziales wie die Interaktion in konkreten Situationen oder auch höhere, transsituationale interaktionale Ebenen. All diese Ebenen greifen immer wieder auf Vergangenes zurück. Der besprochene Ansatz nutzt die vorgestellten Begriffe als theoretische Werkzeuge zur Beschreibung sozialer Vorgänge. Der Gewinn dieser Methode: Sie ermöglicht einen anderen Blick auf bestimmte Zusammenhänge. So schärft sie unser Bewusstsein für den stetigen Wandel, das »Werden und Entwerden«, in dem sich alles befindet. Unter dieser Prämisse ergibt sich die Notwendigkeit, Stabilität zu erklären – eine klare Umkehr unserer Alltagsperspektive, die uns neue Blickwinkel und Fragestellungen erlaubt.

Der Begriff der »kulturellen Identität« ist hochgradig aktuell – und zeitgleich in modernen Gesellschaften schon lange relevant. In der Diskussion um das Thema Identität haben sich zwei Stränge herausgebildet: Der Fokus auf die individuelle, die Ich-Identität sowie die Betrachtung von sozialen, kollektiven, kulturellen Identitäten. Auf letztere (übrigens ein Kind der Neuzeit, letztlich ausgelöst durch die Industrialisierung) konzentrierte sich der Vortrag. Der Begriff »Identität« stammt ursprünglich aus der Logik und meint eine »absolute Sich-selbst-Gleichheit«. Daraus ergibt sich, dass mit der Feststellung von Identität immer ein Vergleichen einhergeht – entweder der Vergleich zweier Entitäten zum gleichen Zeitpunkt (synchron) oder der Vergleich einer einzelnen Entität mit sich selbst zu verschiedenen Zeitpunkten (diachron). Der hierbei bedeutsame Wirkungsmechanismus ist das Gedächtnis als »Vergleichsmaschine«.

Das Gedächtnis stellt demnach die Grundlage von Identität dar. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, wie bereits Hegel herausstellte, dass mit dem Vergleichen immer auch die Feststellung von Ungleichheit einhergeht. Identitätsfeststellung ist demnach stets eine Art von Abgrenzung: Unterschiede innerhalb der Gruppe werden i. d. R. vergessen, so ein homogenes Kollektiv konstruiert – allein die Behauptung von Identität stellt auf diese Weise schon Andere her. Das Gedächtnis fungiert also nicht nur als Vergleichsmaschine, sondern auch als »Vergessensmaschine«. Somit beinhaltet die Feststellung von Identität immer auch Vergessen.

Identität ist eine Kombination von Konstruktion und Vergessen. Sie wird stabil gehalten über Gedächtnisprozesse, die immer wieder aktualisiert werden. Identifizierung kann man in diesem Zusammenhang verstehen als individuelle Bewegungen zu Identitäten hin: Dank der modernen Gesellschaften haben wir vielfältige Wahlmöglichkeiten. Die Identifizierung bedeutet in diesem Kontext aber keine Übernahme einer Identität, sondern lediglich eine Interpretation für uns, indem wir die Muster der Identität auf unsere Weise auslegen und in unsere Praxis übersetzen.

Die Migration stellt den Menschen auch neue Identitätsangebote zur Wahl, die sie annehmen oder ablehnen können. Mit der Annahme einer Identität gehen dabei auch Grenzen und exkludierende Aspekte einher, man ist konfrontiert mit Bedingungen, Grenzen und Widerständen, sozialem Druck, Erwartungen und Regeln. Die soziale Identität wird auch in diesem Fall nicht zur individuellen, sondern es findet eine Interpretation, Auslegung und Umsetzung statt.

PD Dr. Gerd Sebald referiert über Gedächtnis und kulturelle Identität

Kultur lässt sich auf drei Ebenen betrachten: Zunächst verfügt man über Verhalten, Formeln, Regeln etc., die im Alltag/in der Gruppe als selbstverständlich angesehen werden. Erst im Kontakt mit Anderen stellt man fest, dass es auch anders geht – erst so wird Kultur überhaupt sichtbar und eine reflexive Auseinandersetzung kann entstehen. Ein Zusammenwirken von Selbstbeschreibung und Fremdbeschreibung bildet dann die Grundlage der Diskussion um Identität, die durch kulturelle Muster »gefüllt« wird. Diese Art der Auseinandersetzung mit Identität und Kultur geht leider meist mit Abgrenzung und Abwertung Hand in Hand: Man wertet das Eigene auf und das Andere ab, um sich besser zu fühlen. Diese drei Ebenen sind eng verschränkt mit der Identität; Identität bzw. Identifikation geht also stets auch mit Bewertung einher.

In modernen Gesellschaften ist dieses Phänomen äußerst virulent: Aktuell findet eine sehr starke Ausdifferenzierung statt – was in Kombination mit der Globalisierung dafür sorgt, dass wir sehr viel Fremdes kennenlernen und lernen müssen, damit umzugehen. Das sorgt für Unsicherheit und so verwundert es nicht, dass Zuschreibungen automatisch »aufpoppen«. Die Frage, wie wir mit Pluralisierung umgehen sollen, stellt unser Bekanntes oft in Frage. Hier geben uns Identitäten Sicherheit; sie ermöglichen es uns, innerhalb der Gesellschaft zu agieren, unsere Interessen zu artikulieren und unsere Position zu verbessern. Hinzu kommt eine weitere, problematische Art des Umgangs mit Identität: Die »disparate Vergemeinschaftung« bewältigt komplexe Zusammenhänge, indem sie sich auf imaginierte Formen ethnischer Reinheit und andere phantasierte Identitäten beruft und zurückzieht.

Die Zusammenhänge von Migration, Kultur und Identität, so lässt sich abschließend festhalten, zeichnen sich durch eine große Dynamik und Offenheit der Prozesse aus. Identifikationen und Identitäten sind hierbei immer dynamisch – erklärungsbedürftig wäre, wenn sie stabil wären.

(tk)