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»mittwochs um vier«

Prof. Dr. Eva-Maria Thüne von der Universität Bologna referiert über Erinnerungsorte

19. Dezember 2018: Erinnerungsorte und sprachliche Rekonstruktion
Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien)

»Was bleibt und was geht verloren?«

Am 19.12.2018 begrüßte die Vortragsreihe zum fünften Mal einen stets gern gesehenen Gast: Prof. Dr. Eva-Maria Thüne von der Universität Bologna beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit sogenannten Erinnerungsorten und deren sprachlicher Rekonstruktion in narrativen Interviews.

Das Konzept der Erinnerungsorte (lieu de mémoire) geht auf Pierre Nora (1992) zurück und geht davon aus, dass sich das kollektive Gedächtnis von Gruppen an bestimmten Orten kristallisiert. Diese Orte stellen somit Verdichtungen bzw. Materialisierungen von überindividueller Erinnerung dar. Dabei dürfen sie nicht mit sogenannter Leitkultur verwechselt werden, sondern beinhalten durchaus auch Widersprüchliches. Der Begriff des Ortes ist in diesem Zusammenhang nicht (nur) wörtlich zu verstehen, sondern kann auch als Metapher dienen und beispielsweise als mythische Gestalt, als Kunstwerk oder Text in Erscheinung treten.

Ein Textbeispiel aus dem Vortrag über Erinnerungsorte

Der mit den Erinnerungsorten in enger Beziehung stehende Begriff des kollektiven Gedächtnisses beruht auf einem Konzept von Maurice Halbwachs (1920) und bezeichnet ein allgemein geteiltes Wissen, dessen Ursprung in einer gemeinsamen Kultur liegt und dessen Weitergabe über mehrere Generationen hinaus erfolgt. Dieses kulturelle Gedächtnis enthält stets auch Teile von individuellem Gedächtnis und zeigt die soziale Bedingtheit individueller Erinnerung. Diese kann wiederum verschiedene Formen annehmen: Neben semantischer Erinnerung, die allgemeines Weltwissen umfasst, steht die episodische Erinnerung, die sich auf persönlich Erlebtes bezieht, auf Ich-bezogene Ereignisse in bestimmten Raum-Zeit-Koordinaten.

Handout zum Vortrag von Prof. Dr. Eva-Maria Thüne

Anhand von Beispielen aus narrativen Interviews mit jüdischen Emigrant_innen, die im Kontext des Zweiten Weltkriegs den deutschen Einflussbereich verlassen hatten, zeigte der Vortrag die Unterschiede und Zusammenhänge von individueller Erinnerung und sozialem Gedächtnis auf. Erstere beinhaltet das, was in der kollektiven Geschichte nicht enthalten ist, etwa die Erinnerung an die Mutter. Generell stellt sich die Frage, was auf dem Weg vom individuellen zum kollektiven Gedächtnis geschieht, welche Aspekte bleiben und welche verloren gehen. In den von Frau Prof. Thüne untersuchten Fluchtgeschichten beispielsweise kristallisierten sich drei allgemein geteilte Kernpunkte heraus: Die Abreise als dunkler Moment, der Grenzübertritt in Verbindung mit einer bedrohlichen Figur und eine von ambivalenten Gefühlen geprägte Ankunft.

In vielen Beispielen finden sich Belege für ein Verständnis von Gedächtnis, das über das bloße Speichern von Informationen hinaus geht. Das Erinnern ist vielmehr ein konstruktiver und dynamischer Prozess, der verschiedene Spuren auswählt, verarbeitet und kombiniert und der durch kulturelle Schemata beeinflusst wird. So entsteht durch Erzählung und Wiedererzählung eine narrative Identität, die eine Perspektivierung des Erlebten gestattet. Diesen Prozess der Schaffung einer kollektiven Erinnerung bezeichnete die Vortragende als »gemeinsam Geschichten erzählen, die sich immer ähnlicher werden«.

Prof. Dr. Eva-Maria Thüne erläutert das Konzept des Chronotopos

Auf Grundlage eines weiteren Interview-Ausschnittes, der sich mit dem insgesamt wichtigen Thema der Reise zurück an den Ort, von dem man geflohen war, beschäftigt, wurden das Konzept des Chronotopos und die Verknüpfungen von Raum und Zeit erörtert. Demnach sind nicht nur Zeit und Raum miteinander verbunden, darüber hinaus spielen insbesondere Emotionen und mit diesen verbundene Bewertungen eine wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang wurde für einen Ort zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt (und die Veränderung über mehrere Zeitpunkte hinweg) der Begriff »Zeitschaft« (analog zu Landschaft und Ortschaft) geprägt. Diese Zeitschaften lassen sich in vielen Interviews wiederfinden, die von einer späteren Rückkehr an die Orte der Kindheit berichten.

Viele Geflüchtete, damals wie heute, haben Traumatisierendes erlebt, was sich auch regelmäßig in den Interviews wiederfindet. Häufig haben wir es mit einem doppelten Trauma zu tun: Zum primären Faktor, nämlich der Migration, kann später die Wiederbegegnung als sekundäres Trauma hinzutreten. Besonders schwierig war der Umgang mit dem Trauma für die Kinder, denen eine angemessene Verarbeitung des Erlebten unmöglich gemacht wurde, indem man ihnen untersagte, darüber zu sprechen – ein Problem, das durch das Fehlen einer gemeinsamen Sprache mit den neuen Bezugspersonen noch verschlimmert wurde.

Demnächst wird ein neues Buch von Prof. Dr. Eva-Maria Thüne herauskommen

An weiteren Beispielen wurde das Konzept der Agency deutlich – die Rolle, die man sich selbst narrativ zuspricht. Im Mittelpunkt steht hierbei die Handlungskontrolle, die man auf sehr unterschiedliche Weisen erlangen kann. In den Beispielen entsteht Agency durch den Vorgang des Beobachtens und Erkennens: Der Erzählende erkennt einen traumatisch behafteten Platz aus seiner Kindheit wieder und eignet sich Handlungskontrolle an, indem er frei über diesen Platz geht, auf dem er in der Kindheit hatte still stehen und warten müssen.

Andere besprochene Beispiele befassten sich mit verschiedenen Möglichkeiten, wie individuelles und kollektives Gedächtnis zusammenhängen können, etwa als völliges Fehlen der kollektiven Dimension oder auch als Kompensation, wenn beispielsweise kulturelle Erinnerung an die Stelle fehlender eigener Erinnerung tritt, weil man zum Zeitpunkt der Flucht noch zu jung war. Die Formen, Zusammenhänge und Schnittstellen sind vielgestaltig und können auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen zu Tage treten.

(tk)