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»mittwochs um vier«

Bei der Vortragsreihe geht es diesmal um geschlechtergerechte Sprache

30. Mai 2018: »Richtig gendern« – zwischen medialer Aufregung und inhaltlicher Auseinandersetzung
Prof. Dr. Gabriele Diewald (Deutsches Seminar)

Sprache als wichtiges Mittel zur Durchsetzung von Gleichstellung

Geschlechtergerechte Sprache war das Thema des Vortrags von Prof. Dr. Gabriele Diewald vom Deutschen Seminar am 30.05.2018: Warum sollten wir überhaupt gendern, welche Möglichkeiten gibt es und welche Gegenargumente werden angeführt?

Sehr allgemein gesprochen ist das Gendern bzw. die Anwendung geschlechtergerechter Sprache ein Verfahren, mit dem die Gleichbehandlung der Geschlechter im Sprachgebrauch erreicht werden soll. Die generelle Gleichbehandlung ist im Grundgesetz festgelegt, ihre sprachliche Ausprägung findet sich in einer Vielzahl von Gesetzen und anderen rechtlichen Maßgaben sowie praxisbezogenen Sprachempfehlungen etwa von Universitäten und Kommunen wieder. Hierzu existieren mittlerweile viele verschiedene Leitfäden (von unterschiedlicher »Radikalität«); im Kontext der Universität Hannover etwa ist hier der Leitfaden des Hochschulbüros für Chancengleichheit zu erwähnen.

Vortrag von Prof. Dr. Gabriele Diewald zu gendergerechter Sprache

Wie lässt sich geschlechtergerechte Sprache nun konkret umsetzen? Bekannte sprachliche Mittel, die der Sichtbarmachung von Frauen und Männern gleichermaßen dienen, sind die Beidnennung (Studentinnen und Studenten), Bindestrich- und Klammerformen und das Binnen-I. Auch Neutralisierung ist möglich, etwa durch geschlechtsindifferente Benennungen (Lehrkraft), Kollektivbegriffe (Kollegium), Abstraktion durch Hintergrundierung der Agierenden (etwa wenn eine Funktion oder Institution anstelle der Person(en) genannt wird) oder auch eine Entpersonalisierung durch Passivkonstruktionen. Neuere Gestaltungsvorschläge, die sich vom binären Geschlechterbegriff abgrenzen wollen, umfassen etwa die Neutralisierung durch ein neues Morphem (x oder ecs, wie in Professecs) oder die Sichtbarmachung einer offenen Zahl von Geschlechterkonzepten mittels »Gender Gap« (Student_innen), Sternchen (Student*innen) etc. Es geht diesen Ansätzen darum, die Reichweite des Begriffs »geschlechtergerecht« über das klassische Konzept von Mann und Frau hinaus auf alle möglichen Geschlechtskonzeptionen auszudehnen, da sich beispielsweise das biologische Geschlecht nicht immer eindeutig feststellen lässt und auch nicht alle Menschen sich einer der beiden Kategorien (weiblich/männlich) zuordnen wollen oder können.

Vor dem Vortrag von Prof. Dr. Gabriele Diewald zu geschlechtergerechter Sprache

Ein Grundlegender Wandel des öffentlichen Sprachgebrauchs lässt jedoch bislang auf sich warten. Diese Diskrepanz zwischen dem erklärten öffentlichen und gesetzgeberischen Willen und der tatsächlichen Umsetzung ist auf drei Ursachen zurückzuführen: Fehlender Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis, mangelnde Praxistauglichkeit der Vorschläge sowie starke (ideologische) Abwehrreaktionen. So sei es der Wissenschaft nicht hinreichend geglückt, die sprachlichen Grundlagen und die Möglichkeiten des deutschen Sprachsystems, die Kenntnisse zum Sprachwandel und die psycholinguistischen Erkenntnisse zu Stereotypen und zum Zusammenhang von Sprache und Denken zu kommunizieren. Notwendig wären zudem explizitere Ratgeber für die Praxis, aber auch gewisse linguistische Grundkenntnisse und Übung – und eine positive Grundhaltung: »Wer es nicht übt, kann es nicht – und wer es nicht will, wird es nie lernen«, so Frau Prof. Diewald.

Aufmerksam folgt das Publikum dem Beitrag von Prof. Dr. Gabriele Diewald zu geschlechtergerechter Sprache

Klassische Argumente gegen geschlechtergerechte Sprache führen etwa ins Feld, Sprache sei generell unwichtig und das Bemühen um gendergerechte Formulierungen daher trivial, geschlechtergerechte Sprache sei eine Einschränkung der Redefreiheit, komme gar einer Sprachzensur gleich oder sexistische Sprache sei gar nicht sexistisch. Sogar die Argumentation, dass Sexismus zwar vorhanden, aber auch in Ordnung sei, lässt sich finden. Gemäßigtere Stimmen führen an, dass geschlechtergerechte Sprache umständlich oder unelegant sei, zudem werden Sprachgeschichte bzw. Etymologie und natürlich auch die Tradition (»Das haben wir schon immer so gesagt, also machen wir das auch weiter.«) herangezogen.

Um besser zu verstehen, warum geschlechtergerechte Sprache wichtig ist, lohnt eine nähere Beschäftigung mit der Perspektivierungsfunktion von Sprache, denn durch die Auswahl einer der von der Sprache angebotenen Perspektiven kann dieselbe »Wirklichkeit« unterschiedlich dargestellt werden. Diese Perspektivierung finden wir auf vier Ebenen, nämlich bei der Wortbedeutung, den grammatischen Kategorien, dem Satzbau und der Intonation. All diese Aspekte spielen auch bei der Nennung oder Nicht-Nennung von Personen eine Rolle, etwa in Bezug auf die Fragen wer wo genannt oder nicht genannt wird, welche Bedeutungsmerkmale durch die Wahl der sprachlichen Form zum Ausdruck gebracht werden, welche Reihenfolge gewählt wird etc.

Prof. Dr. Gabriele Diewald referiert über das Gendern

In der Sprache lässt sich die Kategorie »Geschlecht« auf vier Ebenen erfassen, die sich in einer komplexen Interaktion befinden: 1) Das grammatische Geschlecht (Genus), 2) das semantische bzw. lexikalische Geschlecht (z. B. Frau/Mann, Stute/Hengst etc.), 3) das soziale Geschlecht (Gender; gesellschaftliche Stereotype) und 4) das biologische Geschlecht. Hierbei hat das Genus, im Gegensatz zum lexikalischen Geschlecht, keine inhaltliche Bedeutung. Das lexikalische Geschlecht kennt neben den geschlechtsspezifischen Bezeichnungen auch neutrale Oberbegriffe. Diese sind ein wichtiges Mittel für eine genderfaire Sprache. Das soziale Geschlecht ist eine gesellschaftliche und kulturelle Kategorie, für die stereotypische Annahmen und Erwartungen über die sozialen Rollen, Eigenschaften und Charakterzüge der Angehörigen eines Geschlechts eine zentrale Rolle spielen. Stereotypen sind Bündel von Merkmalen, die »als Paket« abgerufen werden. Es handelt sich hierbei um spontane, nicht reflektierte Assoziationen. Aus Sicht der »Datenverarbeitung« im Gehirn sind sie auch durchaus praktisch, da sie kognitive Energie sparen und schnelle Reaktionen ermöglichen, sie sind aber auch fehleranfällig und können wichtige Eigenschaften ignorieren. Das biologische Geschlecht wird meist als natürlich gegeben angesehen, allerdings stößt auch dieses Konzept an seine Grenzen. Bei Personenbezeichnungen markiert das grammatische Geschlecht häufig das biologische.

Vor dem Vortrag von Prof. Dr. Gabriele Diewald zu geschlechtergerechter Sprache

Wer sich mit geschlechtergerechter Sprache und insbesondere mit den Gegenargumenten befasst, wird am sogenannten »generischen Maskulinum« nicht vorbei kommen. Dieses ist jedoch nicht, wie teils fälschlicherweise angenommen, eine sprachliche Kategorie oder gar eine grammatische Regel, sondern lediglich eine Gebrauchsgewohnheit – noch dazu eine, die in Wahrheit gar nicht generisch ist, denn: »Männer sind mit dieser Form immer angesprochen, Frauen wissen – allein anhand der Form selbst – nie, ob sie sich angesprochen oder ausgeschlossen fühlen sollen.«. Das generische Maskulinum gründet sich auf den Sprachgebrauch einer patriarchalischen Gesellschaft, in der Frauen zwar »mitgemein« sein konnten – sie konnten aber auch jederzeit ausgeschlossen werden. Die Verwendung der männlichen Form in allgemeinen Kontexten ist also eine patriarchale Tradition, die bis heute massive Auswirkungen auf den Sprachgebrauch hat, sich in vielen Sprachformen als »normal« niedergeschlagen hat und in manchen Bereichen schwer zu vermeiden ist. Hier ist also noch viel Arbeit nötig, bis wir im Deutschen von einer wirklich geschlechtergerechten Sprache sprechen können.

Wir sollten also im Hinterkopf behalten, dass mit der Verwendung von Sprache immer eine Perspektivierung einhergeht – ob wir das wollen, oder nicht. Daher sollten wir uns, wenn wir schreiben, stets aufs Wesentliche konzentrieren und uns überlegen, was wir mit dem Geschriebenen ausdrücken und auch auslösen wollen.

Im Anschluss an den Vortrag wurde, neben weiteren konkreten Tipps, wie man geschlechtergerechte Sprache umsetzen kann, beispielsweise über die Rückständigkeit Deutschlands gegenüber Österreich bei dieser Thematik und über verwunderliche, beunruhigende Rückschritte im Sprachgebrauch – und in diesem Zusammenhang vermutlich auch im Bewusstsein – gebildeter junger Frauen (»Ich werde Lehrer/Arzt/Metall-bauer…«) diskutiert.

(tk)