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»mittwochs um vier«

Prof. Dr. Eva-Maria Thüne referiert über den Kindertransport

02. Mai 2018: Sprache nach der Flucht. Erfahrungen der »Kinder« des Kindertransports 1938/39
Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien)

»Spracherwerb als Überlebenstaktik«

Am 02.05.2018 betrachtete Prof. Dr. Eva-Maria Thüne von der Universität Bologna die Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten aus einer historischen Perspektive heraus. Unter dem Titel »Sprache nach der Flucht« referierte sie über die Erfahrungen der »Kinder« des Kindertransports 1938/39, mit Fokus auf deren Erwerb des Englischen und Erhalt (oder Verlust?) des Deutschen.

Aufmerksames Publikum bei der Vortragsreihe

Zu Beginn des Vortrags wurde der historische Kontext umrissen. Der Kindertransport 1938/39 war eine Rettungsaktion für unbegleitete Kinder und Jugendliche aus jüdischen Familien, die aufgrund der zunehmenden Gefahr durch das Nazi-Regime aus dem Deutschen Reich und bedrohten Nachbarländern fliehen mussten. Der Kindertransport wurde von der Gemeinde der Quäker in Kooperation mit der jüdischen Gemeinde in Großbritannien und anderen Gruppen organisiert und holte etwa 10 000 Kinder von zwei bis 16 Jahren – ohne ihre Eltern –  ins Vereinigte Königreich, wo sie in Gastfamilien untergebracht wurden.

Textbeispiel beim Vortrag von Prof. Dr. Eva-Maria Thüne

Im Anschluss an einige Szenen aus dem Film Into the Arms of Strangers, eine Dokumentation über den Kindertransport, berichtete Frau Prof. Thüne von ihrem aktuellen Forschungsprojekt: Aufbauend auf narrativen Interviews, die sie im Jahr 2017 mit den »Kindern« geführt hat, möchte sie herausfinden, wie diese den Wechsel von Sprache (und damit verbunden auch Kultur) erlebten, wie sie das Englische erlernt haben und welche Folgen die Migration für ihr Deutsch hatte. Während die Angehörigen der Vergleichsgruppe, die nicht mit dem Kindertransport nach Großbritannien gekommen waren, bei der Migration meist schon etwas älter waren und bereits vorher darauf vorbereitet wurden – etwa durch gezielten Sprachunterricht –, konnte der Großteil der »Kinder« bei der Flucht noch kein Englisch, die Migration ging also einher mit einem Sprachwechsel. Problematisch ist dies insbesondere, da sich gerade bei den jüngeren Kindern beide Sprachen noch im Erwerb befanden. Ohne bilinguale Erziehung konnte aber das Deutsche nicht weiter gefördert werden.

Handout zum Vortrag von Prof. Dr. Eva-Maria Thüne

Anhand von Ausschnitten aus den Interviews wurden typische Aspekte der sprachlichen Situation der »Kinder« entwickelt: Die Spracherwerbssituation ist oft traumatisch. Da man das Deutsche in Großbritannien als »Sprache der Feinde« tunlichst schnell ablegen soll, entsteht ein hoher Druck, schnell das Englische zu erlernen. Während dies bei den Angehörigen des Kindertransports häufig weitgehend ungesteuert geschieht, können viele »Nicht-Kinder« auf Vorkenntnisse zurückgreifen; die Ausgangssituation ist also sehr heterogen. Alle Interviewten betonen dabei allerdings gleichermaßen, dass der Spracherwerb für sie ohne größere Schwierigkeiten vonstattengegangen sei. Bezogen auf ihre Deutschkenntnisse hingegen zeigt sich in den Interviews regelmäßig eine Diskrepanz zwischen einer relativ negativen Selbsteinschätzung und deutlich höheren tatsächlichen Kompetenzen. Es lässt sich vermuten, dass dieser Widerspruch u. a. auf die starken negativen Assoziationen, die mit der »verbotenen Sprache« Deutsch verbunden sind, zurückzuführen ist.

Das Korpus lässt den Verlust von Mehrsprachigkeit erkennen

Ein weiterer in diesem Kontext interessanter und wichtiger Bereich sind die Sprachbiographien, also die Sprachen in der Familie. Hier lässt das Korpus eine Entwicklung von der Mehrsprachigkeit zur Einsprachigkeit erkennen: Während in der Elterngeneration der »Kinder« noch viele Sprachen gesprochen werden – ein Zeichen für vorhergegangene Migrationsprozesse – werden die Familiensprachen (und auch das Deutsche) von den »Kindern« weitgehend zugunsten des Englischen abgelegt. Bei dieser Gruppe von Migrierten lässt sich also ein weitgehender Verlust von Sprache (und auch Kultur) verzeichnen. Man passte sich an und tat Dinge, die man nicht verstand, »weil man das halt so macht«. Und auch über die traumatischen Erlebnisse, über die Familie und die Situation im Heimatland konnte man mit den neuen Bezugspersonen häufig nicht reden, da diesen das Wissen um die tatsächlichen Geschehnisse fehlte – und die Kinder (noch) nicht über die sprachlichen Mittel verfügten, um Erklärungen zu geben.

Der Kindertransport liegt jetzt annähernd 80 Jahre zurück, doch viele Erlebnisse und Erfahrungen der damaligen »Kinder« sind heute so aktuell wie eh und je. Auch heute kommen Menschen in unbekannte Länder, deren Sprache sie nicht sprechen, und sehen sich dort oft einem massiven Spracherwerbs- und generell Anpassungsdruck ausgesetzt. So kann uns die historische Perspektive einmal mehr auch zum Nachdenken über die aktuelle Migration anregen.

(tk)