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»mittwochs um vier«

Prof. Dr. Julia Gillen referiert über das Integrationspotenzial von beruflicher Ausbildung

06. Juni 2018: Integration durch Ausbildung und Beruf - Essentials, Erfahrungen und Systematisierungsansätze
Prof. Dr. Julia Gillen (Institut für Erwachsenenbildung und Berufspädagogik & Leibniz School of Education)

»Warum ist berufliche Ausbildung so gut geeignet, um Geflüchtete ins deutsche System zu integrieren?«

Prof. Dr. Julia Gillen, Berufspädagogin und Direktorin der Leibniz School of Education, eröffnete am 06.06.2018 die zweite Hälfte der Vortragsreihe im Sommersemester 2018 mit einem Beitrag zu den besonderen Integrationspotenzialen von beruflicher Ausbildung.

Prof. Dr. Julia Gillen erläutert das deutsche Bildungssystem

Zum Einstieg ging Frau Prof. Gillen näher auf die Struktur des deutschen Bildungssystems ein, wobei sie sich auf den Bereich der beruflichen Bildung konzentrierte und anhand ihres eigenen Werdegangs illustrierte, dass sich allgemeine und berufliche Bildung auch gut verzahnen lassen.

Anschließend wurde das Thema Geflüchtete intensiver besprochen, mit Fokus auf die Bereiche Vorbildung, Arbeit und Ausbildung, wozu jeweils Zahlen und Fakten präsentiert wurden. Generell ist die Vorbildung sehr heterogen und es stellt sich die Frage, wie man auf dieser Grundlage am besten weiterarbeiten kann. Zudem kommen viele Geflüchtete nicht unbedingt ohne berufliche Kenntnisse, aber doch häufig ohne Ausbildungsnachweise, was im stark auf Zertifikate fixierten deutschen System ein großes Problem ist.

Publikum bei der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

Die Aufnahme einer beruflichen Ausbildung ist für viele Geflüchtete – gerade mit unsicherem Aufenthaltsstatus – ein Hoffnungsschimmer, da sie eine Abschiebung verhindert. Gleichzeitig ist eine Berufsausbildung auch eine ausgezeichnete Möglichkeit, um sich ins deutsche System hineinzufinden: Arbeitsplätze bieten vielfache Lerngelegenheiten, sowohl zufällige als auch mit Lernintention. Dabei dient das Lernen hier, im Gegensatz etwa zur Schule, einer konkreten Problemlösung, wodurch die Motivation deutlich höher ist. Hinzu kommt, dass gerade in handwerklichen Kontexten das Handeln stark betont wird, was den Fokus ein Stück weit von der Sprache weg verschiebt und zeigt, dass Kooperation und Integration (zumindest ansatzweise) auch ohne Sprache möglich sind. Zudem ist im beruflichen Kontext nicht nur (sprachlastiges) Theoriewissen von Bedeutung, sondern das Erfahrungswissen ist ebenso wichtig und einfacher zu erwerben. Beide Wissensarten gemeinsam bilden die reflexive Handlungskompetenz, die eine gute Fachkraft ausmacht – auch jenseits des schwieriger zu erwerbenden Theoriewissens können Geflüchtete hier aber schnell Erfolgserlebnisse erzielen und einen Platz für sich finden.

Die Anwesenden verfolgen konzentriert den Vortrag von Prof. Dr. Julia Gillen

Im Anschluss wurde näher auf die aktuelle Situation in Niedersachen eingegangen. Hier wurde das Projekt SPRINT ins Leben gerufen: Ein Sprach- und Integrationsprojekt für jugendliche Geflüchtete, dessen Ziel es ist, die Jugendlichen möglichst bald in eine Ausbildung zu überführen. Zu diesem Zweck werden die deutsche Sprache, regionale Kultur und Lebenswelt, das Berufs- und Arbeitsleben und nötiges Grundlagenwissen in Theorie und Praxis vermittelt. Lehrkräfte aus SPRINT-Klassen berichten regelmäßig mit großer Begeisterung von der hohen Motivation und vorbildlichen Arbeitshaltung der Jugendlichen.

Bei der Vortragsreihe »mittwochs um vier«

Abschließend thematisierte der Vortrag Lerninstrumente, mit denen das Lernen in Schule und Betrieb verknüpft werden kann. Exemplarisch wurden hier die sog. »Betriebliche Lernaufgabe« und die Methode der »Lernvereinbarungen« besprochen – beides gute pädagogische Konzepte, die nicht explizit für die Arbeit mit Geflüchteten entwickelt wurden, sich aber entsprechend aufbereiten lassen.

Der Beitrag wurde durch eine umfangreiche Nachfrage- und Diskussionsrunde beschlossen, in der – neben ausgiebigen Nachfragen zum SPRINT-Projekt – auch diskutiert wurde, was passieren würde, wenn man »Lernmüde «in SPRINT-Klassen integrieren würde (was vermutlich äußerst positive Effekte hätte). Weitere Themen waren etwa das bedauerlich niedrige Ansehen der Handwerksberufe bei arabischstämmigen Jugendlichen, die Notwendigkeit einer Kompetenzerfassung jenseits von Zertifikaten sowie die Gründe für und der Umgang mit Ausbildungsabbrüchen.

(tk)