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»mittwochs um vier«

Prof. Dr. Detlev Claussen: Die begriffslose Gesellschaft

20. Juni 2018: Die begriffslose Gesellschaft: Über Identität, Kultur und Volk
Prof. Dr. (em.) Detlev Claussen (Institut für Soziologie)

»Kultur lebt nur aus der Differenz; Identität lebt nur aus der Nicht-Identität«

Thema des Vortrags von Prof. Dr. Detlev Claussen am 20.06.2018 war die »begriffslose Gesellschaft«. Mit Fokus auf die Konzepte von Kultur, Volk und Identität erläuterte der Vortragende seine These, dass die heutige Gesellschaft keinen Begriff mehr von sich selbst hat und wieso dies so problematisch ist.

Eine demokratische Gesellschaft müsste sich über demokratische Inhalte und Wirkungsweise verständigen und sich ihre Ziele vergegenwärtigen. Daher ist es enorm wichtig, auf Begriffe des Selbstverständnisses zu achten. Diese finden wir etwa in den Medien, aber auch die Universitäten spielen eine große Rolle. In beiden Bereichen ist heutzutage ein radikaler Wandel zu beobachten.

Radhika Natarajan präsentiert Bücher des Vortragenden

Insgesamt ist die Gesellschaft gekennzeichnet durch eine dynamische Geschichte, wobei insbesondere seit etwa 50 Jahren ein stark beschleunigtes Tempo zu erkennen ist. Herr Prof. Claussen erläuterte diese Dynamik, indem er die Entwicklung der Begriffe seit der sog. »bürgerlichen Gesellschaft« des 19. Jahrhunderts nachzeichnete: Vom Aufkommen des Nationenbegriffs nach dem Zusammenbruch der dynastischen Reiche im frühen 20. Jahrhundert und die Verstärkung des Nationenprinzips nach 1945, aber auch dessen gleichzeitige Relativierung durch supranationale Organisationen, über den Kalten Krieg und die Weltenergiekrise von 1973/74 und die damit zusammenhängende Periode der Stagnation bis hin zur globalen Weltschuldenkrise der 2000er-Jahre.

Der Vortrag von Prof. Dr. Detlev Claussen ist gut besucht

Im Rahmen der Immigration, die das alte Prinzip der »Gastarbeiter« zunehmend ablöste, rückte zum ersten Mal die »Auflösung der Ethnohomogenität« auf die Agenda. Es zeigt sich eine Notwendigkeit, alte Begriffe in Frage zu stellen. So erklärt sich etwa das zunehmende Interesse an Begriffen wie »Kultur« (gern ergänzt durch das Attribut »Identität«), die dazu hergenommen werden, als Grundlage für bestimmte Ansprüche zu dienen. Der Begriff der »Multikultur« ist in diesem Zusammenhang sehr missverständlich (zumal die Begriffe »Identität«, »Kultur« und »Volk« auch gern von Menschen des rechten politischen Spektrums »gekapert« werden), denn in Wahrheit stehen Kulturen nicht getrennt nebeneinander, sondern Kultur ist vielmehr als Vermischungsprozess zu verstehen.

Kultur ist für Herrn Prof. Claussen ein Ausdruck von Zivilisation und der (Aus-)Gestaltung des Lebens und als zivilisatorischer Prozess nicht auf die Nation als Basis festgelegt. Wir benötigen daher einen anderen Kulturbegriff, zumal sich auch die Gefahr der »Anwendung auf alles und jedes« abzeichnet. Daher plädiert der Vortragende dafür, den Begriff der »Multikultur« durch den der »Ethnoheterogenese« zu ersetzen, denn: »Kultur ist nichts Ethnohomogenes!«

Radhika Natarajan eröffnet den Vortrag von Prof. Dr. Detlev Claussen

In Deutschland ist die Identitätsphilosophie entstanden, weil erkannt wurde, dass Kultur und Nation voneinander unterschiedlich sind. Identität hat nach diesem Verständnis einen dynamischen Charakter. Im Alltag finden wir heute allerdings einen genau gegenteiligen, statischen und inhaltsleeren Identitätsbegriff, was die Basis für Herrn Prof. Claussens These von der »begriffslosen Gesellschaft« darstellt.

Dieser unreflektierte Identitätsbegriff ist derzeit so populär, weil er sich auf Kollektive ebenso anwenden lässt wie auf Individuen. In Wahrheit ist Identität aber ein höchst komplexes und flexibles Konzept. Der unkritische Begriff ist jedoch im öffentlichen Diskurs sehr präsent und verfestigt. Hier wäre eine wissenschaftlich-kritische Bearbeitung dringend notwendig – »Sonst sind wir dem Populismus ausgeliefert!«

Prof. Dr. Detlev Claussen: Die begriffslose Gesellschaft

Die homogene Ethnie – ein typisch deutscher Gedanke übrigens – ist eine Fiktion. Im modernen Sinne gibt es keine ethnisch homogenen Völker, so Herrn Prof. Claussens Fazit. Dies gilt es zu erkennen und zu akzeptieren, und hierfür ist eins zentral wichtig: der politische Wille.

Die Zeit nach dem Vortrag wurde für angeregte Diskussionen zu einer Vielzahl von Themen genutzt, etwa über den Begriff der »Transkulturalität«, die Rolle der Digitalisierung und des Verfalls der Printmedien und die Bedeutsamkeit der Universitäten. Ein Fazit der Diskussion: »Die Kritik der Begriffslosigkeit sollte einen nicht daran hindern, an der Verbesserung der Begriffe zu arbeiten.«

(tk)