Logo Leibniz Universität Hannover
Logo: Leibniz School of Education
Logo Leibniz Universität Hannover
Logo: Leibniz School of Education
  • Zielgruppen
  • Suche
 

Vortragsreihe: Geflüchtete in Integrationskursen und beruflichen Maßnahmen

Am 08.05.2019 begrüßte die Vortragsreihe Herrn Dr. Ibrahim Cindark aus Mannheim, der am dortigen Institut für Deutsche Sprache als Wissenschaftlicher Mitarbeiter beschäftigt ist, und den interessierten Zuhörenden von den Erfolgen und Herausforderungen berichtete, denen Geflüchtete in Integrationskursen und beruflichen Maßnahmen begegnen.

»Nach sechs Monaten – denkt die Politik – muss man in der Lage sein, sich um einen Job zu kümmern.«

Anspruch des IDS ist, stets möglichst zeitnah auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren. So wurden in der Vergangenheit Studien zu Gastarbeiter_innen, Aussiedler_innen und deren Nachfolgegenerationen durchgeführt, ebenso wie später zu migrantischen Milieus. Seit dem Jahr 2016 befasst sich das IDS mit der aktuellen Fluchtmigration. Von einem Forschungsprojekt aus diesem Kontext berichtete uns Herr Dr. Cindark im Verlauf seines Vortrags.

Der Beitrag startete mit Zahlen, Fakten und Statistiken zu den Themen Flucht und Migration nach Deutschland. Zweifelsohne ist die Bundesrepublik derzeit mit einer großen Herausforderung konfrontiert – doch, und das wird im öffentlichen Diskurs gern übersehen, nicht zum ersten Mal: Vergangene Migrations- und Fluchtbewegungen hatten ebenfalls große Ausmaße, sodass sich die Realität der Einwanderungsgesellschaft keinesfalls leugnen lässt. Alles in allem dürften über 30 Millionen Menschen in Deutschland leben, auf die Labels wie »Migrationshintergrund« oder »Zuwanderungsgeschichte« angewendet werden könnten.

Lange waren Politik und Gesetzgebung diesen gegenüber sehr zurückhaltend und restriktiv, doch zumindest für die sogenannten »Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive« ergaben sich durch die Gesetzesinitiativen der Jahre 2015 und 16 (Asylpaket I und II, Integrationsgesetz) einige Verbesserungen, wie schnellerer Zugang zu Integrationskursen, ein sicherer Aufenthaltsstatus während der Ausbildung und leichterer Zugang zum Arbeitsmarkt. Dass gleichzeitig auch erleichterte Abschiebungen und potenziell abschreckende Maßnahmen wie die Beschränkung des Familiennachzugs Teil dieser Gesetze sind, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Im Anschluss an die allgemeine Einführung berichtete Herr Dr. Cindark von einem aktuellen Forschungsprojekt des IDS, an welchem er mitwirkt. Dieses gliedert sich in zwei Teilbereiche. Der erste Teil besteht aus einer zweistufigen Sprachstandserhebung in allgemeinen Integrationskursen, wobei die erste Erhebung am Anfang, die zweite am Ende des Kurses stattfand. Ziel des Teilprojekts war es, herauszufinden, welche sprachlichen Repertoires die Geflüchteten mitbringen, wie ihre sprachliche Situation in Deutschland aussieht und wie sich ihre berufliche Selbstdarstellung nach einem halben Jahr Integrationskurs verbessert hat. Von besonderem Interesse war zudem die Frage, wie viele Kursteilnehmende tatsächlich das geforderte Sprachniveau B1 erreichen.

Die Analyse ergab, dass zwischen Beginn und Ende der Kurse eine große Fluktuation herrschte: Nicht einmal die Hälfte der in Welle 1 befragten Teilnehmenden war auch in Welle 2 noch dabei, dafür waren viele neue Menschen hinzugekommen. Der größte Schwund ist in den Gruppen der »Durchstarter_innen« (junge, überdurchschnittlich gebildete Menschen mit Berufserfahrung in komplexen Berufen, häufig seit der Kindheit mehrsprachig) und der »Unterprivilegierten« (geringfügig älter, geringe Bildung, Arbeitserfahrung in einfachen Berufen, selten mehrsprachig) zu verzeichnen. Es ist davon auszugehen, dass das Format der allgemeinen Integrationskurse speziell für diese beiden Gruppen unpassend ist, da es die eine über- und die andere unterfordert. Zudem stellte sich heraus, dass der Erfolg der Kurse als bestenfalls dürftig anzusehen ist, denn auf Grundlage der (allerdings rein mündlichen) Erhebung hätten gerade einmal fünf Prozent der Teilnehmenden das Niveau B1 erreicht. So zeigt sich, dass die Kurse nicht nur für einen größeren Teil der Menschen ungeeignet sind, sondern zusätzlich die Zielvorstellung, dass nach nur sechs Monaten das Niveau B1 erreicht sein müsse, einigermaßen utopisch ist – A2 wäre ein deutlich realistischeres Ziel.

Die zweite von Herrn Dr. Cindark durchgeführte Untersuchung betrachtete Interaktionen in beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen. Diese Maßnahmen sollten eigentlich im Anschluss an einen Integrationskurs durchgeführt werden, in der Realität jedoch hatte die Masse der Teilnehmenden zuvor keinen Deutschunterricht erhalten. Von besonderem Interesse war für die Untersuchung die Frage nach der verbalen und nonverbalen Gestaltung von Arbeitsanweisungen und welche Rolle in diesem Zusammenhang Aspekte wie etwa syntaktische Komplexität und Fachsprache, Sprechtempo oder Intonation spielen. Zudem sollte gezeigt werden, wie sich Verstehen bzw. Nicht-Verstehen äußert und wie die Ausbilder mit Verständnisproblemen umgehen.

Insgesamt wurden drei verschiedene Maßnahmen begleitet und analysiert. Eine große Herausforderung für alle Ausbilder bestand darin, dass sie auf Menschen vorbereitet waren, die Deutsch auf B1-Niveau beherrschen, dann aber mit vielen totalen Anfängern konfrontiert waren. Die Umstellung auf diese neue Situation gelang den verschiedenen Personen unterschiedlich gut, wie das Ergebnis der Analyse zeigt: In zwei der drei Maßnahmen wurden Lernchancen konsequent verpasst, Ressourcen nicht genutzt und Missverständnisse waren an der Tagesordnung. Lediglich dem dritten Kursleiter gelang es, neben Fachvermittlung auch Sprachvermittlung zu leisten, Verstehen zu sichern, Lernchancen zu erkennen und die Ressourcen seiner Teilnehmenden angemessen zu nutzen.

Alles in allem zeichnen die Untersuchungen also ein uneinheitliches Bild: Es lassen sich sehr positive Beispiele finden, doch sowohl im Bereich der beruflichen Maßnahmen als auch bei den allgemeinen Integrationskursen herrscht insgesamt noch ein massiver Verbesserungsbedarf.

(tk)