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Vortragsreihe: Zweitsprachaneignung über soziale Interaktion

Der 70. Vortrag der Reihe »mittwochs um vier« fand am 17.04.2019 statt und stand ganz im Zeichen eines für das Projekt LeibnizWerkstatt zentralen Themas: Im Mittelpunkt des Beitrags von Prof. Dr. Andrea Daase von den Universitäten Bielefeld und Bremen stand die Zweitsprachaneignung, die sie aus dem Blickwinkel des soziokulturellen Ansatzes der Zweitsprachenerwerbsforschung heraus näher betrachtete.

»Das Lernen findet im Sozialen statt – das Soziale ist Lernen.«

Frau Prof. Daase, selbst erfahrene Lehrkraft für das Deutsche als Zweitsprache, stellte uns in ihrem Vortrag ihre aus der praktischen Arbeit heraus entstandene Dissertationsstudie vor. Initialzündung für diese Studie war eine gewisse Unzufriedenheit mit der Praxis, insbesondere mit der viel bemühten »Lernendenorientierung«, die doch letztlich die Lernenden viel weniger in den Fokus rückt, als es ihr eigener Anspruch vorgibt, und die viel zu selten die Betroffenen selbst nach ihren Bedürfnissen fragt.

Der Fokus von Frau Prof. Daases Forschung liegt auf der Deutschaneignung für den Beruf, den sie im ersten Teil des Vortrags in seiner diskursiven und sozio-historischen Einbettung näher betrachtete. Die Zuwanderungspolitik ist in erster Linie eine Arbeitsmarktpolitik, wodurch auch nach wie vor die Integrationsdebatte beherrscht wird. Bis heute finden wir primär eine Defizitorientierung vor, eine Überhöhung der »Muttersprachler« und den Fokus auf Beurteilungen von außen (durch Personen, die durchaus nicht immer übermäßig kompetent sind) anstelle von Selbsteinschätzung. Die Entwicklung der Menschen wird auf diese Weise ebenso ausgeblendet wie ihre weiteren, über die deutsche Sprache hinausgehenden, Kompetenzen. »Integration ist eigentlich ein Machtspiel«, so Daase zusammenfassend.

Angebote zur Sprachaneignung sind daher nach wie vor weitgehend Output-orientiert und fokussieren sogar zunehmend auf Produkte, Prüfungen und Zertifikate. Zwar existieren inzwischen viel mehr und differenziertere Kurse als früher, doch gehen auch diese im Detail wieder sehr reduktionistisch vor und der hierzulande tief verwurzelte monolinguale Habitus zieht sich nach wie vor durch die Kurslandschaft. Dabei wird die Abhängigkeit der erfolgreichen Sprachaneignung von Integrationserfahrungen, nämlich von Kontakten zur deutschen Sprache speziell außerhalb von Kursen, meist missachtet. Dieser Fakt ist äußerst problematisch, denn »Sprachkompetenz ist keine Kompetenz im Individuum, sondern co-konstruiert« – das Gegenüber hat einen großen Einfluss und das Lernen findet primär auf der sozialen Ebene statt. Oder, wie Frau Prof. Daase so treffend feststellte: »Schwimmen lerne ich auch nur im Wasser.«

Der zweite Teil des Vortrags stellte die soziokulturelle Theorie in der Zweitsprachenerwerbsforschung näher vor. Diese ist zwar nach wie vor im Werden begriffen, es scheint sich jedoch langsam, aber sicher so etwas wie ein Paradigma herauszubilden. Zwar sind die verschiedenen Ansätze im Detail durchaus unterschiedlich, allen ist jedoch eine verbindende Grundannahme gemein: »Der soziale, historische und kulturelle Kontext ist konstitutiv für Sprache, Sprachaneignung und die in sie verwickelten Subjekte.« Der soziale Fokus auf die Aneignung von Zweitsprachen betrachtet daher Sprache als komplexe soziale Praxis, die soziokulturell und historisch geformt ist. Lernende werden nicht idealisiert und abstrahiert, sondern als echte Menschen mit all ihren Unterschieden und Bedürfnissen wahrgenommen. Der Spracherwerb findet primär durch vielfältige Partizipation und soziale Interaktion im Kontext der Zielsprache statt und so führt die Aneignung einer Zweitsprache schließlich zu einer »Veränderung der Wahrnehmung und des Denkens eines Individuums – einschließlich seines Selbstkonzepts.«

Im dritten Teil des Vortrags stellte die Referentin ihre eigene empirische Studie näher vor, in welcher sie untersucht hat, wie erwachsene Lernende des Deutschen als Zweitsprache, deren Ziel die Aufnahme einer qualifizierten Arbeit ist, ihre Sprachsozialisation und deren Rahmenbedingungen rekonstruieren. Zu diesem Zweck führte sie narrative Interviews, in deren Verlauf sich herausstellte, dass Sprachkurse für die Befragten nur eine untergeordnete Rolle spielten und häufig genug primär für Frustmomente verantwortlich waren. So dachten beispielsweise alle Interviewten, dass die Sprachaneignung nur bei ihnen so mühsam gewesen sei und so lange gedauert habe. Viel wichtiger als die Sprachkurse, so eine wichtige Erkenntnis, waren für den Erfolg Erfahrungen im »wirklichen Leben« und die soziale Interaktion mit Personen wie Nachbarn oder dem Chef.

Zweitsprachsozialisation in den Beruf, so konnte Frau Prof. Daase aus den Interviews herausarbeiten, »stellt einen dialogischen Prozess zwischen einer sozio-historischen individuellen Subjektivität und bedeutungsvollen Anderen dar« und »wird vermittelt durch soziale Beziehungen über die Grenzen von Tätigkeitssystemen hinweg«. Sie ist zudem eine »Investition in die ontologische Sicherheit der Subjektivitäten« und benötigt schließlich die »Perspektive, einen sicheren Platz einnehmen zu können, der sich mit der sozio-historisch individuellen Subjektivität vereinbaren lässt«.

Für die Planung institutioneller Angebote bedeutet dies, dass eine flexiblere Gestaltung notwendig wäre, die der individuellen Situation der Lernenden besser gerecht wird. Es wären frühzeitige Partizipationserfahrungen und Lernangebote jenseits der Kurse notwendig, die auch über das bloße Ziel der Arbeitsmarktintegration hinausgehen. Wir bräuchten also viel mehr flankierende Maßnahmen, um die Menschen während ihrer Berufstätigkeit weiter zu unterstützen und zu fördern. Dabei müssen wir uns von der Vorstellung der »passgenauen« Angebote lösen und stattdessen flexible, mit den Menschen gemeinsam konzipierte Angebote schaffen, denn: »›Passgenau‹ geht nur mit den Menschen.«

(tk)