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Vortragsreihe: Sprechen und Schreiben

Prof. Dr. Joachim Grabowski vom Institut für Pädagogische Psychologie brachte den Anwesenden am 21.06.2017 in einem gleichermaßen interessanten wie unterhaltsamen Vortrag den Komplex des Sprechens und Schreibens aus psychologischer Sicht näher. Kernfrage des Beitrags war: »Sind Sprachmigranten auch dort leistungsschwächer, wo man es nicht erwarten würde oder wo es eigentlich nicht sein müsste?«

Sprache als aufmerksamkeitsintensiver Prozess

  • Der Vortrag näherte sich dieser Frage an, indem er zuerst die psychologischen Grundlagen der Sprache besprach. So benötigt Sprache, wie alle psychischen Prozesse, Aufmerksamkeit als mentale Ressource, wobei generell weniger Aufmerksamkeit benötigt wird, je besser geübt und automatisiert die Prozesse sind. Auch im Bereich der Sprachproduktion gibt es aufmerksamkeitsintensivere Prozesse, wie die Planung und Bereitstellung der Inhalte und die Berücksichtigung von Kontextinformationen, aber auch weitgehend automatisiert ablaufende Prozesse, wie die lexikalische und grammatische Planung oder das Sprechen bzw. Schreiben an sich - zumindest in der Erstsprache. In Zweit- und Fremdsprachen hingegen »sind auch die hierarchieniedrigeren Prozesse der Sprachproduktion aufmerksamkeitsfordernd«, was entsprechende didaktische Kompensationsmaßnahmen seitens der Lehrkräfte notwendig macht.
  • Diesen Sachverhalt erläuterte Herr Prof. Grabowski  näher anhand einer eigenen, mit Schülerinnen und Schülern aus Köln und Hannover durchgeführten, Studie, wobei er sich auch mit den bildungssprachlichen Voraussetzungen für schulischen Erfolg und möglichen positiven Transfereffekten von sprachlicher Migration im Bereich der Schreibkompetenz befasste.
  • Zur Schreibkompetenz tragen allgemeine kognitive Fähigkeiten wie die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses und die Reaktionsgeschwindigkeit bei. In diesem Bereich zeigten sich, wie erwartet, keine relevanten Unterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern mit Deutsch als Erst- und als Zweitsprache. Ebenfalls relevant sind allgemeine, einzelsprachspezifische Fähigkeiten wie Wortschatz, Lesefähigkeit und Schreibflüssigkeit. Hier sind, ebenfalls erwartungsgemäß, Unterschiede zwischen Erst- und Zweitsprachler_innen zu verzeichnen. Außerdem gibt es noch spezielle schreibbezogene Fähigkeiten wie die (kognitive, räumliche oder emotionale) Perspektivenübernahme oder das Kohärenzmanagement, und in diesem Bereich förderte die Studie überraschende Ergebnisse zutage, die das Forschungsteam bis heute vor ein Rätsel stellen: Obwohl anzunehmen gewesen wäre, dass sich beide Gruppen hier nicht unterscheiden, ist das Gegenteil der Fall, und Lernende mit sprachlichem Migrationshintergrund schneiden hier konsequent schlechter ab.

Über die Gründe für dieses Phänomen lässt sich bislang nur spekulieren, was im Rahmen der an den Vortrag anschließenden Diskussion auch ausgiebig getan wurde. So wurden etwa mögliche Einflüsse von Mehrsprachigkeit auf die kognitive Entwicklung, der Erwerbszeitpunkt einer Sprache sowie Selbstzuschreibungseffekte diskutiert. Notwendig ist hier offensichtlich, unabhängig von möglichen Gründen, eine Schreibförderung jenseits der Einzelsprache.