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Kapitel VI Reflexionen zu Nützlichkeit vs. Empathie: Literatur, Menschenrechte und Bildung

22 Literaturwissenschaft als interkulturelles Training am Beispiel der koreanisch-amerikanischen Literatur

Abstract: Die folgenden Seiten sind ein Plädoyer nicht nur für das Lesen komplexer literarischer Texte, sondern auch für die Literaturwissenschaft. Im Zentrum steht ein Fallbeispiel, das sehr spezifisch und insofern nicht einfach verallgemeinerbar ist, das aber aufgrund seiner Radikalität dennoch Rückschlüsse auf das kreative und verändernde Potenzial literaturwissenschaftlichen Denkens zulässt. Gegenstand meiner Betrachtungen ist ein koreanisch-amerikanischer Experimentaltext – ein Werk also, in dem innovatives Schreiben mit einer starken kulturellen Komponente zusammenfällt. Aufgrund dieses Zusammenfallens stellt Theresa Hak Kyung Chas’ Dictee (1982) eine doppelte Provokation von Mehrheiten dar, die sowohl kulturell konnotiert als auch bestimmten Genrekonventionen verpflichtet sind. Doch da mein Gegenstand das Denken selber ist, steht nicht die ideologiekritische Aussage dieses Textes im Mittelpunkt, sondern die viel zu selten diskutierte Kernpraxis unseres Faches – jene langen Phasen der Textanalyse, in denen etwas passiert, das ich im Folgenden als „multikulturelle Flutung“ bezeichne und als ein Training für den Umgang mit den globalen Umwälzungen unserer Epoche ansehe.

23 Das Recht der Entrechteten: Literatur und die Erfindung von Menschenrechten

Abstract: Die Vorstellung, dass alle Menschen die gleichen grundlegenden und natürlichen Rechte haben, ist weit verbreitet, doch selbstverständlich ist sie deshalb keineswegs. Woher aber kommt dann diese Vorstellung und, noch mehr, das Wissen um tatsächlich existierende rechtliche Bedingungen und Möglichkeiten, diese Rechte einzufordern und wahrzunehmen? Die Geschichte und die Gegenwart der Menschenrechte ist ohne die Herausbildung eines individuellen und kollektiven Rechtsbewusstseins nicht vorstellbar – und an dieser Form Menschenrechtsbildung kann Literatur ein besonderer Anteil zugesprochen werden. Dabei lässt sich die mögliche Wirkung literarischer Werke nicht allein auf die Erzeugung von Mitleid und Einfühlung in den Anderen beschränken; Literatur hat nicht nur affektive und emotionale Funktionen in der Menschenrechtsbildung, sondern eröffnet auch Möglichkeiten der Kritik, der Verhandlung und der Reflexion.

24 Menschenrechte, ‚westliche Werte‘ und Geflüchtete

Abstract: Die Themen Menschenrechte und Geflüchtete stehen aus zumindest zwei Gründen in einem Zusammenhang: so ist erstens der Schutz von Geflüchteten Teil des Menschen- und Völkerrechts, und beziehen sich zweitens zahlreiche aktuelle öffentliche Diskurse auf eine angenommene Notwendigkeit, in Europa angekommenen Menschen Menschenrechte und ‚westliche Werte‘ überhaupt erst einmal vermitteln zu müssen. Im Folgenden werden Menschenrechte von Geflüchteten im Sinne des internationalen Rechts umrissen und danach komplexe historische Beziehungen zwischen Menschenrechten und ‚westlichen Werten‘ dargelegt. Dabei wird ersichtlich, dass die übliche Darstellung von Menschenrechten als Produkt westlicher Geschichte und Werte zu kurz greift. Darauf aufbauend werden einige Aspekte der vielschichtigen Vermittlung westlicher Werte und Traditionen an Geflüchtete analysiert. Der Gestus der Überlegenheit, mit dem häufig an eben diese Werte appelliert wird, steht dabei im Gegensatz zur Grundidee der Gleichwertigkeit aller Menschen und damit der Menschenrechte.

25 Romantische Anmerkungen zur Bildungssprache – ein Essay

Abstract: Der vorliegende Essay will auf ein Paradoxon hinweisen, das mit der Rede von Bildungssprache einhergeht. Das bildungssprachliche Programm, wie es etwa in Konzepten des sprachsensiblen Unterrichtens vertreten wird, tritt mit dem löblichen Anspruch auf, Barrieren zu überwinden, die sich aus dem Zusammenspiel einer Sprache der Distanz und dem Bedürfnis nach einer rationalen und objektivierten Erkenntnis ergeben. Dieses Programm stellt sich in eine lange Tradition der Trennung von Ratio und Körper. In dem Maße, wie wir Schüler_innen in die dekontextualisierten, entsubjektivierten und scheinbare Objektivität verheißenden Sprachspiele von Bildungs- und Wissensinstitutionen einüben, entfremden wir sie u. U. einer Kommunikationsform der Nähe und sozialisieren sie in eine künftige Welt des Digitalen, in der Entscheidungen kühl rechnender künstlicher Intelligenz überantwortet werden. Doch erst die sinnliche Verkörperung der Sprache der Nähe in den Subjekten einer sozialen Gemeinschaft verknüpft Erkenntnis mit Emotion, Empathie und sozialer Verantwortung und schließt Entscheidungen an das Gewissen autonomer Subjekte an.

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