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Kapitel I Historisches: Migrationsbewegungen und Umgang mit Sprachen

1 Sprache nach der Flucht. Erfahrungen der ‚Kinder‘ des Kindertransports 1938/39

Abstract: Der Kindertransport nach Großbritannien 1938/39 war neben der zionistischen Kinder- und Jugendalijah nach Palästina eine der beiden bedeutenden Auswanderungsaktionen für Kinder und Jugendliche aus dem ehemaligen Deutschen Reich und den bedrohten Nachbarländern. Die Kinder und Jugendlichen erlebten dabei einen Wechsel von Sprache und Kultur, auf den sie oft nicht vorbereitet waren. Auf der Grundlage von narrativen Interviews werden Fallbeispiele gezeigt, und es soll diskutiert werden, wie der Spracherwerb erfolgte, und ob und wie Zweisprachigkeit in dieser historischen Konstellation im UK entwickelt werden konnte.

2 Metaphern in der Migration: Analyse narrativer Interviews mit deutschsprachigen Emigrant_innen aus dem nationalsozialistischen Machtbereich

Abstract: Die Grundlage des Beitrags bilden drei in den 1990er-Jahren in Israel erhobene narrative Interviews mit ehemaligen Emigrant_innen, die zwischen 1932 und 1945 aus deutschsprachigen Gebieten Europas nach Palästina auswanderten. Ihre Lebensgeschichten zeigen, wie Migrationen aufgrund von Bedrohung und Verfolgung die Geschichte Europas schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt haben. Eine Metaphernanalyse der Interviews offenbart verschiedene Aspekte der komplexen Beziehung der Interviewten zur Erfahrung der (erzwungenen) Migration und zu den damit verbundenen Emotionen, allen voran den Aspekt des traumatischen Bruchs und der Angst sowie das Gefühl des Bedroht-Seins. Wiederkehrende metaphorische Phraseologismen wie auch die Wiedergabe nationalsozialistischer Parolen weisen zudem darauf hin, dass diese kulturell und gesellschaftlich verankerte Sinnstrukturen verdichten.

Sprachen und Sprachmittlung in der Gastarbeitendenmigration: die galicischen Arbeitsmigrierten in Hannover

Abstract: Der Aufsatz beschäftigt sich mit der sprachlichen Situation der Gastarbeitenden in der Bundesrepublik Deutschland mit besonderer Berücksichtigung ihres Sprachmittlungsbedarfs. Der Fokus soll auf der Lage einer Sprecher_innengemeinschaft einer Minderheitensprache im Migrationskontext liegen, die der eigenen Territorialsprache nicht vollständig mächtig ist. Dafür wird exemplarisch die galicische Arbeitsmigration in der Stadt Hannover aus sprachwissenschaftlicher Sicht vorgestellt und ihre sprachmittlerischen Praktiken anhand eines dolmetschwissenschaftlichen Ansatzes erläutert. Die Migrationslinguistik als Teildisziplin der angewandten Sprachwissenschaft und das Community Interpreting als Teildisziplin der Dolmetschwissenschaft und Translatologie bilden die theoretischen Grundlagen der Analyse.

4 Kultur, implizites Wissen und Spracherwerb. Überlegungen auf Basis der sprachsoziologischen Arbeiten von Alfred Schütz

Abstract: In den urbanen, globalisierten und von Migration geprägten Räumen kommt dem Erwerb von Zweit- und Drittsprachen aktuell eine wichtige soziale Funktion zu, nicht zuletzt um in den nach wie vor nationalsprachlich organisierten Bürokratien und Institutionen zurechtzukommen. Der Beitrag fragt nach den Verknüpfungen von Sprache und Kultur, die insbesondere im impliziten Wissen verortet werden, und reflektiert von da aus kurz das Problem des Spracherwerbs. Dazu wird mit Alfred Schütz ein Kulturbegriff darlegt, der insbesondere das selbstverständliche, unhinterfragte und meist implizite Wissen als Bestimmung nimmt. Sodann gilt es das Verhältnis eines solchen Kulturbegriffs zur Sprache zu entwickeln. Schließlich wird das Verhältnis von Sprache und implizitem Wissen nachgezeichnet, bevor einige Schlussfolgerungen zum Spracherwerb gezogen werden.

Warum Ethnizität? Diskursive Konstruktionen mit gesellschaftlicher Wirkungsmacht

Abstract: Die Wortschöpfung ‚ethnische Konflikte‘ kolportiert, dass Ethnizität Gewalt produzieren würde. Analysen des Bosnienkonflikts hingegen deuten darauf, dass es sich andersherum verhält: Hier produzierte die Erfahrung von Gewalt Ethnizität. Was also ist Ethnizität? Der Beitrag verbindet soziologische und kulturanthropologische Perspektiven, um das theoretische Verständnis von Entstehungs-, Wandlungs- und Auflösungsprozessen von Ethnizität zu schärfen. Die empirische Basis liefern die Ergebnisse mehrerer Fall- und Langzeitstudien über portugiesische Emigrant_innen in verschiedenen Ländern einerseits, und über portugiesische Muslim_innen indisch-mosambikanischer Herkunft andererseits. In Einklang mit den Narrativen der begleiteten Familien zeigt die vorliegende Analyse, dass Ethnizität weder als eine Form kollektiver Subjektivität noch als ein unveränderbarer Teil des Selbst verstanden werden kann, sondern vielmehr als eine unter vielen Mitgliedschaftsrollen, die Individuen annehmen und/oder die ihnen zugeschrieben werden. Als Oberbegriff, der diese anhaltend dynamischen, situativen und historisch kontingenten, formativen Prozesse fassen kann, wird für die Prozesskategorie Ethnoheterogenese argumentiert.

Kapitel I, Kapitel II, Kapitel III, Kapitel IV, Kapitel V, Kapitel VI